„Wenn man Anfang Mai gucken kommt, da ist hier noch nichts, und dann vier Wochen später wieder am Feld steht, dann denkt man, was ist denn hier passiert?“ Tobias Kollmann ist die Faszination für das meterhohe Gewächs auf seinem Acker deutlich anzumerken. Mitte April allerdings sieht es noch nicht besonders beeindruckend aus, was auf den Feldern zwischen Mersch und Sevenich so wächst. Trockene Halme sind alles, was der Laie erblickt. Der Profi hingegen sieht vor seinem inneren Auge bereits eine gut gefüllte Lagerhalle.
Schon fast eine Dekade lang baut Nebenerwerbslandwirt Kollmann auf seinen Flächen Miscanthus an – zu Deutsch besser bekannt als „Chinaschilf“. „Die ursprüngliche Idee ist vor ungefähr zehn Jahren entstanden,“ erläutert Kollmann. Eigentlich sollte das Gras als Energieträger dienen. Ein Bekannter brauchte eine neue Heizung, das zerkleinerte Schilf sollte diese befeuern. Doch die Umsetzung erwies sich als schwierig. Warum dann immer noch Schilf statt Rüben, Kartoffeln oder Zwiebeln bei Teilzeit-Bauer Kollmann wächst? Ganz einfach: Weil es sich hervorragend als Einstreu und auch als Mulchmaterial für den heimischen Garten eignet. „Hier kann man das sehr gut sehen“, erläutert Kollmann und greift in die deckenhoch aufgetürmte, kleingehäckselte Miscanthus-Streu. Eine weiche weißliche „Füllung“ wird sichtbar. Genau diese mache das Gras so geeignet, weil es dadurch deutlich saugfähiger als herkömmliches Stroh sei.
Diese Vorteile möglichst vielen Tierhaltern schmackhaft zu machen, ist Teil von Kollmanns täglicher Arbeit. Alles nebenberuflich versteht sich. Denn im Hauptberuf ist der Ingenieur beim Projektträger PTJ unter dem Dach des Forschungszentrums angestellt. Dort hat er übrigens auch seine Masterarbeit geschrieben. Das Thema? Die Energiegewinnung aus Pflanzen. Allerdings war es damals nicht das Schilf, sondern ein anderes Gewächs, das sich jedoch als unbrauchbar erwies.
Neben dem Miscanthus, das inzwischen mehrere Hektar Fläche „eingenommen“ hat, baut der Merscher rund um den elterlichen Hof im winzigen Ort Sevenich aber immer noch Zuckerrüben, Kartoffeln und Co an. Ein schwieriges Geschäft, das einiges an Planung erfordert. So gilt es, Platz- und Nährstoffbedarf, aber auch die Nachfrage zu berücksichtigen. Und diese schwankt stark. Im letzten Jahr gab es eine „Kartoffelschwemme“, berichtet Kollmann und erläutert, dass in der Folge der Preis für 100 Kilo „Pommeskartoffeln“ quasi ins Bodenlose gefallen ist und nicht einmal mehr die vorherige Investition deckt. Dennoch: Bevor aus dem Rübenacker ein Miscanthus-Feld wird, gilt es gut zu überlegen. Denn das Gras ist eine Langzeitkultur, die mehr als 20 Jahre stehen bleiben kann.
Die ersten zwei Jahre sind ein Geduldsspiel. Bis aus den Rhizomen, kleinen Wurzelteilstücken, die bis zu vier Meter hohen Gräser bis zur Erntereife gewachsen sind, braucht es Zeit. Danach allerdings hält sich der Pflegeaufwand sehr in Grenzen. Die abfallenden Blätter bedecken den Boden, verhindern Unkrautwuchs und Verdunstung. Chinaschilf benötigt maximal ein Drittel der Düngermenge etwa von Weizen, auch zusätzlich gewässert werden muss nicht. Und trotzdem schafft es das Süßgras in gerade einmal vier Maiwochen vom zarten Sprössling bis zum meterhohen Giganten. Faszinierend, findet nicht nur Tobias Kollmann.
Aber auch wenn Miscanthus „quasi von alleine“ wächst, drängt sich eine Frage auf: Wann macht er das alles eigentlich? Familienvater Kollmann, der mit seiner Frau bereits zwei kleine Kinder hat, muss schmunzeln. „Abpacken kann man auch morgens um sechs.“ Und wenn das Wetter gerade mitspielt, geht es eben abends um acht Uhr noch mal aufs Feld. Neue Ideen ausbrüten kann man offenbar nebenbei. Gerade überlegt Kollmann, sein Miscanthus-Streu in lokalen Gartenmärkten anzubieten. Dass es sich hervorragend für den heimischen Garten eignet, hat die Ehefrau bereits getestet.
Mehr zu Tobias Kollmann und seinem Miscanthus-Anbau unter rheinland-miscanthus.de














