Wie sagte der Musiker Nas einst: „Now let me take a trip down memory lane.“ Auf Deutsch etwa: „Lass mich eine Reise in die Vergangenheit machen.“ Genau das tun wir heute mit dem 2006 FIFA World Cup – der Weltmeisterschaft, bei der „die Welt zu Gast bei Freunden“ war. Dieses Sommermärchen bleibt bis heute unvergessen. Kaum zu glauben, dass die glorreiche WM 2006 inzwischen schon 20 Jahre zurückliegt.
Für viele Menschen, die Ende der 90er Jahre geboren wurden, war diese Weltmeisterschaft außerdem das erste große Fußballturnier, das sie überhaupt bewusst miterlebt haben. Dazu gehörte auch ich. Ich weiß noch, wie besonders es sich angefühlt hat, zum ersten Mal eine Weltmeisterschaft bewusst mitzuerleben. Es war eben nicht nur Fußball vor dem Fernseher – plötzlich fieberte man gemeinsam mit Familie, Freunden und der ganzen Nachbarschaft mit.
Die Reise beginnt am 9. Juni 2006. Ganz Deutschland blickte gespannt auf den Start der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Rund 81 Millionen Menschen hofften darauf, dass die deutsche Nationalmannschaft ein erfolgreiches Turnier spielen würde. Eröffnet wurde die WM in der Münchner Allianz Arena mit dem Spiel Deutschland gegen Costa Rica – und die Gastgeber lieferten direkt ein Spektakel ab. Mit einem souveränen 4:2-Sieg startete Deutschland in das Turnier. Besonders in Erinnerung geblieben ist dabei das erste Tor der Weltmeisterschaft: Philipp Lahm, der zuvor noch angeschlagen gewesen war, traf mit einem traumhaften Schuss von der Strafraumgrenze über den Innenpfosten ins Netz. Lahm selbst bezeichnete den Treffer später sogar als sein bis dahin schönstes Tor.
Am 14. Juni ging es dann für die deutsche Elf gegen Polen nach Dortmund. Deutschland gewann nur knapp mit 1:0 durch ein Tor von Oliver Neuville in der 91. Minute nach einer präzisen Flanke des kurz zuvor eingewechselten David Odonkor. Dass es so lange spannend blieb, lag auch am polnischen Torwart Artur Boruc, der der deutschen Elf das Leben schwer machte. Nun konnte man erst einmal durchatmen, denn Deutschland hatte sich damit den Platz im Achtelfinale gesichert.
Rund um die Spiele entstand damals außerdem deutschlandweit eine ganz besondere Atmosphäre – auch in meiner Nachbarschaft. Dort wurde jedes Deutschland-Spiel gemeinsam verfolgt. Die ganze Nachbarschaft versammelte sich vor einer großen Leinwand, so dass aus jedem Spiel ein kleines gemeinsames Event wurde. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass es passend zu Deutschlands jeweiligem Gegner auch landestypisches Essen gab. Dadurch war die WM für mich nicht nur ein Fußballturnier, sondern gleichzeitig auch ein erster kleiner Einblick in andere Länder und Kulturen. Genau dieses Gemeinschaftsgefühl machte das Sommermärchen 2006 so besonders.
Jetzt folgte nur noch das letzte Spiel der Gruppenphase gegen Ecuador, das Deutschland locker mit 3:0 gewann und damit auch den Gruppensieg perfekt machte. Das Highlight der Partie war die Premiere von Miroslav Kloses berühmtem Salto bei dieser WM.
Mit dem gesicherten Achtelfinale wurde die Euphorie in Deutschland immer größer. Doch jetzt wurde es ernst – ab jetzt warteten nur noch Topmannschaften.
Das Achtelfinale gegen Schweden gewann Deutschland souverän mit 2:0. Vor allem Lukas Podolski entschied die Partie früh: Mit zwei Toren in den ersten zwölf Minuten schoss „Poldi“ die deutsche Elf ins Viertelfinale gegen Argentinien.
Das Spiel gegen Argentinien war mit Abstand das spannendste Spiel des Turniers. Zwei Topmannschaften, die bereits oft aufeinandergetroffen waren, standen sich erneut gegenüber. Insgesamt hatten sich Deutschland und Argentinien zuvor schon 23 Mal in offiziellen Länderspielen duelliert. Beide Teams wollten unbedingt ins Halbfinale – und genau das merkte man dem Spiel auch an. Nachdem es nach der regulären Spielzeit und der Verlängerung nur 1:1 stand, musste das Elfmeterschießen entscheiden. Für die Fans in ganz Deutschland – und bestimmt auch in Argentinien – waren das nervenaufreibende Minuten. Doch Deutschland behielt die Nerven und zog dank Torwart Jens Lehmann nach einem dramatischen Elfmeterschießen ins Halbfinale ein.
Wow – Deutschland im Halbfinale! Eine Nation im Ausnahmezustand. Konnte Deutschland tatsächlich Weltmeister im eigenen Land werden? Diese Hoffnung wurde immer größer, und plötzlich schien der Traum realistisch.
Dann wartete im Halbfinale Italien. Deutschland war dem Finale ganz nah, doch dann war das Sommermärchen plötzlich vorbei. Italien zerstörte Deutschlands Traum vom Weltmeistertitel im eigenen Land mit zwei späten Treffern in der 119. und 120. Minute der Verlängerung.
Die Stimmung im ganzen Land kippte innerhalb weniger Minuten von Hoffnung zu tiefer Enttäuschung. Auf dem Platz flossen Tränen, die Spieler lagen am Boden – und auch in ganz Deutschland herrschte Trauer. Viele erinnern sich bis heute noch genau daran, wie niedergeschlagen sie nach dem Abpfiff waren. Gerade weil die Mannschaft zuvor das ganze Land begeistert hatte, fühlte sich das Ausscheiden im Halbfinale besonders schmerzhaft an. Das Sommermärchen war vorbei. Oder doch nicht?
Im Spiel um Platz 3 zeigte Deutschland noch einmal eine starke Leistung und gewann mit 3:1 gegen Portugal. Damit sicherte sich die Mannschaft die Bronzemedaille. Dieser Sieg gab dem Sommermärchen einen versöhnlichen Abschluss. Auch wenn der Traum vom Titel geplatzt war, wurde Deutschland durch Einsatz, Teamgeist und Emotionen am Ende für viele zum „Weltmeister der Herzen“.
Dass Deutschland 2006 überhaupt so weit gekommen ist, ist in hohem Maße Jürgen Klinsmann zu verdanken. Er brachte neue Spielideen mit und veränderte die Spielweise der Mannschaft grundlegend: Statt abzuwarten, setzte er auf Schnelligkeit, schnelles Passspiel, viel Bewegung nach vorne und deutlich mehr Risiko. Gemeinsam mit Co-Trainer Joachim Löw und durch neue Fitnessmethoden sowie taktische Anpassungen legte Klinsmann damit das Fundament für den modernen deutschen Fußball.
Ein weiterer großer Faktor für das Sommermärchen war die Stimmung im Land. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – genau so fühlte sich diese Weltmeisterschaft an. In ganz Deutschland herrschte eine besondere Atmosphäre aus Offenheit, Fröhlichkeit und friedlichem Miteinander. Fans aus aller Welt feierten gemeinsam, während gleichzeitig ein entspannter Umgang mit Nationalgefühl und Patriotismus entstand.
Besonders das Public Viewing wurde dabei zu einem echten Highlight. Zum ersten Mal verfolgten so viele Menschen die Spiele gemeinsam auf großen Plätzen, und es entwickelte sich schnell zu einem festen Bestandteil solcher Turniere. Heute ist eine Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft ohne Public Viewing kaum noch vorstellbar. Gerade dieses gemeinsame Fußballschauen machte die WM 2006 für viele Menschen unvergesslich. Ob auf großen Leinwänden, in Gärten oder gemeinsam mit Freunden und Nachbarn – überall wurde zusammen gejubelt, mitgefiebert und gefeiert.
Ein weiterer Aspekt, der diese WM so besonders machte, war, dass spätere Turniere oft deutlich „geschäftsmäßiger“ wirkten. Außerdem war diese Weltmeisterschaft eines der letzten großen Turniere einer Generation von Spielern wie Zinédine Zidane, Ronaldo und Ronaldinho, die hier ihre letzten großen internationalen Wettkämpfe bestritten.
Auch die Musik rund um die WM war ein wichtiger Grund, warum dieses Turnier so besonders in Erinnerung geblieben ist. Angefangen bei dem Song Love Generation von Bob Sinclar, der eng mit dem WM-Maskottchen Goleo VI – dem zotteligen, sprechenden Löwen mit seinem frechen Fußballfreund Pille – verbunden war, bis hin zum offiziellen deutschen WM-Song Zeit, dass sich was dreht von Herbert Grönemeyer. Auch inoffizielle Hymnen prägten die WM: 54, 74, 90, 2006 von Sportfreunde Stiller wurde zum Kultsong des Turniers. Ebenso steuerte Xavier Naidoo mit Liedern wie Dieser Weg und Was wir alleine nicht schaffen emotionale WM-Hymnen bei. Diese Songs gaben der Weltmeisterschaft genau das passende Gefühl aus Zusammenhalt, Euphorie und sommerlicher Lebensfreude und machten das „Sommermärchen“ 2006 auch musikalisch unvergesslich.
Auch 20 Jahre später bleibt die WM 2006 deshalb weit mehr als nur ein Fußballturnier. Sie war ein Sommer voller Emotionen, Gemeinschaft und unvergesslicher Momente. Für viele Menschen war sie außerdem der Beginn ihrer eigenen Fußballleidenschaft und eine Erinnerung, die bis heute geblieben ist. Genau deshalb wird das „Sommermärchen“ bis heute einen besonderen Platz in meinem Herzen sowie in den Herzen vieler anderer Menschen haben.
















