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Gerta Mojert

„Jülich zog zu sehr.“ Obwohl ihre Familie in der Evakuierung gut aufgenommen wurde, die Mutter in der Bäckerei arbeitete und diese sogar eines Tages hätte übernehmen können, und obwohl klar war, dass die Heimat in Trümmern lag, war es keine Frage. Als der Krieg zu Ende war, ging es mit dem Pferdekarren vom Harz zurück ins Rheinland.

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Gerta Mojert. Foto: la mechky +
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Gerta Mojert wurde 1933 geboren, im Jahr der Machtergreifung. Sie erinnert sich an eine glückliche Kindheit in Jülich, zur Volksschule an der Düsseldorfer Straße ging sie singend und pfeifend. Als ihre drei Jahre ältere Schwester zu den Jungmädeln kam, war die junge Gerta neidisch auf die schicke Uniform. Die politische Agenda war dank der Sportlehrerin und Gruppenleiterin dort nicht präsent.

Immer öfter fiel das Wort „Krieg“. In der Familie wurde stets offen gesprochen, die Kinder wurden mit ihren vielen Fragen ernst genommen. Ein großes Glück, in der damaligen Zeit wie heute. „Warum?“ Diese Frage stellte Gerta ihren Eltern und ihrem Großvater ständig, auch als die jüdischen Mitmenschen verschwanden. Doch es war auch stets klar: Nach außen musste man schweigen.

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Ab dem Herbst 1944 wurde es in Jülich immer gefährlicher. Erste Bomben fielen, und Tiefflieger schossen auf alles und jeden. Die Frauen, die in Abwesenheit der Männer die Familien allein versorgten, mussten nun im Rurtal Laufgräben für die Wehrmacht ausheben.

Nachdem das eigene Haus bei einem Artillerie-Angriff zerstört wurde, war an Bleiben nicht mehr zu denken. Die fröhliche Kindheit endete abrupt. Zuerst floh die Familie zu Verwandten auf die Burg Miel bei Bonn, doch auch am Rhein war es bald nicht mehr sicher. Mit dem Zug ging es in die Evakuierung in dem vom Krieg weitgehend verschonten Hornburg im Harz.

Lena, Gerta Mojerts Mutter, half in der Bäckerei, und der Meister konnte von „den verwöhnten Rheinländern“ noch so manche Torte und einige Brotsorten lernen, die es im Harz einfach nie gab. Die Kinder im Dorf nahmen die Evakuierten freundlich auf, Gerta lernte Schlittschuhlaufen und Skifahren – und sie traf zum ersten Mal auf die bisherigen Feinde. Die Amerikaner nahmen das Dorf friedlich ein, schenkten Schokolade.

Die Rückkehr nach Jülich im Juli 1945 stellte keine Diskussion dar. Da half auch das Angebot des Bäckermeisters nichts, dass „die Lena“ die Bäckerei in Zukunft hätte übernehmen können. Jülich war einfach Heimat. Der Großvater erhielt für seine Arbeit beim Hornburger Pferdehändler und Schmied ein Arbeitspferd und einen Heuwagen. Zwei Wochen lang ging es durch das zerstörte Ruhrgebiet nach Hause. In der Not war die Solidarität groß, als der Karren eine Treppe hoch musste, packten Fremde sofort an.

Die zerstörte Stadt übertraf die schlimmsten Vorstellungen, ein einziges Trümmerfeld, wohin man schaute, einige Frauen und Kinder suchten in den Trümmern. Auch das Haus in der Schützenstraße war zerstört, der einst gefüllte Vorratskeller – weitestgehend unbeschadet – war ausgeräumt. Verständlich für Gerta. Alle packten an, begangen Trümmer zu räumen. Die Kinder verletzten sich oft in Ermangelung von Fertigkeiten und Schutzmöglichkeiten. Im November begann im Lyzeum, dem heutigen Mädchengymnasium, die Schule.

Hier lernte die Schülerin Gerta Englisch, erfragte sich sogar noch zusätzliche Hilfe durch die Nonnen. Sie wollte die Sprache richtig lernen, nicht verdeutscht und möglichst umfassend, denn: Die Briten waren mit der örtlichen Kommandantur die oberste Stelle vor Ort, und Gerta wollte helfen. Sie ging bei der Kommandantur bald ein und aus, organisierte dies und jenes und war den Briten bald ein Begriff. Als sie vom „Wundermittel“ Penicilline hörte, ließ sie beim britischen Jeep des Roten Kreuzes nicht locker, bis sie ein Tütchen bekam. Hauchdünn verteilt auf die Hände der Trümmerfrauen voller Verletzungen, mit Stoffstreifen umwickelt, half das Medikament sehr gut.

Immer mehr Frauen räumten die Trümmer des Krieges beiseite. Die Männer kehrten zwar allmählich zurück, doch waren sie oftmals verwundet, so auch der Familienvater. Zwar packte er an, wo er konnte, doch die Struktur war nachhaltig verändert. Ihre Mutter hatte über die Kriegsjahre eigenständig die Verantwortung übernommen, und so blieb es auch. Ab Mai 1946 gab es den Aufruf zur offiziellen Entschuttungsaktion der Stadt Jülich. Zwei Tage im Monat sollte jeder, der konnte, Ehrendienst leisten. Dokumentiert in Aufruf und durch Firma Lamers und dem Trümmeramt der Stadt wurde jeder Einsatz abgestempelt.

Gerta gründete bald eine Pfadfinderinnengruppe mit. Mädchen bei den Pfadfindern gibt es nicht? Jetzt schon. Als man in die Eifel fahren wollte, konnte manch eine Familie die Reise nicht bezahlen. Gerta ging bald auch bei der Kreisverwaltung ein und aus. Organisierte Zuschüsse für die Reise, war Ansprechpartnerin für jeden. Dies blieb nachhaltig in Erinnerung. Bis heute wird sie von Menschen dankbar angesprochen.

Helfen und anpacken war auch im Wunschberuf in der Krankenpflege gefragt. Nach der aus der Not heraus absolvierten kaufmännischen Ausbildung hatte sie die Möglichkeit, doch noch diesen Beruf zu ergreifen.

1987 liefen die Planungen zur Neugestaltung der Innenstadt unter Bürgermeister Heinz Schmidt (SPD) auf Hochtouren. Die vielen Bauarbeiten weckten Erinnerungen an die Nachkriegszeit, und Gerta Mojert schrieb ihren ersten Vorschlag für ein Denkmal für die Trümmerfrauen. Damit begann ein Ringen über 16 (sic!) Jahren. Jülich zählt zu den am meisten zerstörten Städten des Krieges in Europa.

Von Stellen in der Stadtverwaltung kam zu Beginn die Aussage, dass erst einmal nachgewiesen werden müsse, dass es in Jülich überhaupt Trümmerfrauen gegeben hatte. „Man wollte sich einfach nicht damit auseinander setzen“, erklärt Gerta Mojert die reservierten Reaktionen einiger Verantwortungsträger. Sie schrieb Aufruf um Aufruf in den Zeitungen, sammelte mündliche und schriftliche Erinnerungen und auch die ein oder andere Ehrendienst-Karte.

1991 sollte nach einem Wettbewerb zur Gestaltung ein Denkmal für die „Wiederaufbauleistung Jülicher Frauen, Männer und Kinder“ kommen. Nichts geschah. 1997 startete Gerta Mojert einen neuen Anlauf, Bürgermeister war inzwischen Peter Nieveler (CDU). Vom Beigeordneten Heinrich Stommel war zu erfahren, dass die Entscheidung 1992 revidiert wurde, ein neuer Standort gesucht werden sollte, was aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschehen war.

Das Jahr 2000, Bürgermeister war der parteilose Heinrich Stommel. Mit Mehrheit von CDU und FDP beschloss der Kulturausschuss, Abstand von dem gesamten Vorhaben zu nehmen. Gerta Mojert ließ dies nicht auf sich sitzen, die Unterstützung wuchs. Der Brückenkopf-Park unter Leitung von Peter Nieveler signalisierte die Bereitschaft, die Gedenkstätte dort zu errichten. Empörte Leserbriefe erschienen in den Zeitungen, Gerta Mojert legte Widerspruch gegen die Ausschussentscheidung ein. Es folgten weitere Diskussionen um Standort, Gestaltung und Formulierung. Der Förderverein der Festung Zitadelle um den Vorsitzenden Conrad Doose unterstützte das Vorhaben nun ebenfalls.

Dann endlich: Am 11. April 2003 wurde das Denkmal eingeweiht, gebaut im Forschungszentrum Jülich und durch den Förderverein Zitadelle errichtet.

Aus den vielen, teils emotionalen Erinnerungen und zahlreichen Belegen für die Leistung der Trümmerfrauen verfasste Gerta Mojert ein Buch. Viele waren froh, über ihre Erinnerungen erzählen zu können, wie sie sich heute erinnert.

Wenn Gerta Mojert auf ihr Leben schaut, hat sie das Gefühl, gleich mehrere gelebt zu haben. Ihr großer Wunsch: dass niemals das Leid des Krieges vergessen wird, den Deutschland über die Welt brachte. Niemals die Leistungen all derer, die das Land wieder aufbauten. Und dass sich all dies niemals wiederholt. Und jeder Einzelne sollte seinen Teil dazu beitragen.


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