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Glaube – Sitte – Heimat

Es ist nun 200 Jahre her, dass in Jülich im Jahr 1819 die St. Rochus-Bruderschaft aus der Taufe gehoben wurde. Nach den Umbrüchen der französischen Herrschaft über Jülich von 1794 bis 1814 wurde mit dieser Vereinsgründung an eine ältere Tradition angeknüpft, wurde doch der hl. Rochus in Jülich schon länger verehrt.

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Foto: St Rochus Schützenbruderschaft / Rurblumen
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Erstmals belegt ist eine Prozession zu seinen Ehren in Jülich an seinem Festtag, der 16. August, im Jahr 1714. Da die Prozession als „herkömmlich“ bezeichnet wird, muss sie schon längere Zeit vorher regelmäßig durchgeführt worden sein. Der Patronatstag der Pfarr- und Stiftskirche St. Mariae Himmelfahrt war der 15. August. Um dieses Datum herum fand eine große Kirmes statt, sodass die Rochusprozession am nachfolgenden Tag sehr gut in die allgemeine Feststimmung passte.

Der hl. Rochus, der von 1295 bis 1327 lebte, gilt als Schutzheiliger gegen Pest und Seuchen. Die Festungsstadt Jülich mit ihren wechselnden Besatzungen und immer wiederkehrenden Kriegszuständen erlebte mehrfach den Ausbruch von Seuchen in der Enge ihrer Mauern und Wälle. In der älteren stadthistorischen Literatur wird sogar gemutmaßt, dass der hl. Rochus einer der Stadtpatrone Jülichs gewesen sei, hierzu fehlen aber entsprechende Belege. Das hinderte aber den Leiter des Heimatmuseums im Hexenturm, Max Hermkes (1856–1940), nicht daran, diese Mär in der Dauerausstellung prominent zu platzieren. Von den beiden in der Sammlung des Heimatmuseums einst vorhandenen Skulpturen des hl. Rochus hat nur eine die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überlebt. Sie stammt sogar aus dem 17. Jahrhundert, wenngleich das Gesicht in späterer Zeit sehr grob überarbeitet wurde.

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Die St. Rochus-Bruderschaft verstand sich als eine kirchliche Bruderschaft, ähnlich der viel älteren St. Antonii- und St. Sebastiani-Armbrust-Schützenbruderschaft, deren Anfänge bis in das 15. Jahrhundert zurückreichen. Städtische Schützenbruderschaften sind ein Phänomen, das in den benachbarten Niederlanden im 14. Jahrhundert aufkam. Ging es anfangs tatsächlich noch um die Selbstverteidigung der Städte durch ihre Bürger, überwog spätestens mit dem Aufkommen der Feuerwaffen und dem Einsatz von Söldnern im Kriegswesen der gesellschaftliche Aspekt der Bruderschaften. Das Schützenwesen erlebte im 19. Jahrhundert geradezu eine Renaissance, was man auch an Jülich sehr gut beobachten kann, wo neben den Rochus-Schützen 1828 der Jülicher Schützen-Verein gegründet wurde und 1884 noch eine Jülicher-Schützen-Gilde entstand. Schützen-Verein und -Gilde schlossen sich 1921 zum Vereinigten Jülicher Schützenverein zusammen. In der Jülicher Innenstadt existieren heute nur noch die Armbrust- und die Rochus-Schützen.

Letztere erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg eine nahezu 20-jährige Phase der Inaktivität zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre. Nach der Wiederbegründung 1976 richtete die Bruderschaft aber schon 1979 zum 160-jährigen Bestehen das Bezirksschützenfest des Bezirksverbandes Jülich aus. Aus diesem Anlass entstand eine neue Fahne, die mit ihrer Motivik für die Stadt Jülich teilweise auch schon wieder Geschichte ist. Hinter dem farbig gestalteten Hexenturm sind die Umrissen des Alten Rathauses am Markt, der Sendeanlage auf der Merscher Höhe und eines der Versuchsreaktoren der damaligen Kernforschungsanlage wiedergegeben. Das Gebäude des Alten Rathauses am Markt wird heute vom Kreis Düren genutzt, die Sendeanlage und die Versuchsreaktoren sind längst verschwunden.

Mit der in den 1960er Jahren nach Plänen von Gottfried Böhm entstandenen Rochus-Kirche im Heckfeld fand die Schützenbruderschaft ein eigenes kirchliches Zentrum. Die Bruderschaft betont aber immer wieder, dass sie sich für die gesamte Jülicher Innenstadt verantwortlich sieht. Interessant ist noch der Blick auf die bisherigen Jubiläumsfeierlichkeiten. Das 50-jährige Jubiläum vom 14. bis 16. August 1869 fand bei bestem Wetter statt, während es beim 75-jährigen Jubiläum 1894 „total verregnet“ war. Das 100-jährige Jubiläum konnte wegen der Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg nicht begangen werden. Deshalb holte man es 1928 nach, was in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu der irrigen Annahmen führte, die Rochus-Bruderschaft sei 1828 gegründet worden, vielleicht auch eine Verwechslung mit dem oben genannten Schützen-Verein.

Der HERZOG, der übrigens 1513 und 1533 bei den Jülicher Armbrustschützen die Königswürde errang, wünscht der St. Rochus-Schützenbruderschaft jedenfalls alles Gute für die nächsten 200 Jahre und für das anstehende Jubiläumsschützenfest nur das beste Wetter. Ad multos annos!

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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