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Jan Schayen

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Foto: La Mechky+
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Zu Wurzeln fällt ihm ganz viel ein: Flachwurzeln, Tiefwurzeln, Herzwurzeln. Kein Wunder: Jan Schayen ist als vierte Generation von Gartenbauern ausgerechnet an einem Grün-Donnerstag im Jahr 1975 geboren. Wenn das keine guten Vorzeichen sind. Wurzeln sieht Jan Schayen auch im übertragenen Sinne, als das Eingebundensein in die Familientradition. Deren „grüne“ Berufung lässt sich bis ins Jahr 1860 zurückverfolgen, in eine Zeit, als noch auf den Bauernhöfen Schnittblumen „angebaut“ wurden, die dann mit Pferd und Wagen zu den Kunden gebracht wurde.

Das Unternehmen feiert allerdings als Gründungstag die Eröffnung der neugebauten Kunst- und Handelsgärtnerei des Ur-Ur-Großvater Johann Adam Schwalbach am 1. April 1900 an der Lohfeldstraße, die der Gründervater nach dem Umzug von Titz nach Jülich bezog. „Lange Zeit konnte man das Grundstück noch erkennen“, erzählt Jan Schayen, erst in den letzten Jahren sei das Areal bebaut worden. Hier entstanden die ersten Gewächshäuser und damit die Unabhängigkeit von Landwirten und Wetter. Das machte sich nach der „Stunde Null“ beim Wiederaufbau nach 1946 positiv bemerkbar. Am neuen Standort Patterner Weg – heute Haubourdin-Straße – wuchs der Grundstoff für eine exklusive Notstandswährung. „Unsere erste Hauptkultur nach dem Krieg war Tabak“, plaudert Schayen aus dem geschichtlichen Nähkästen, „nicht weil wir passionierte Raucher waren, sondern weil es ein Handels- und Tauschgut war, das unter Glas wächst.“

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Nicht weil er sich der Tradition verpflichtet gefühlt habe, sondern aus freien Stücken hat der heute 45-Jährige seine Berufswahl getroffen. 1996 nach der Ausbildung in Aachen mit dem Gesellenbrief in der Tasche trat er in den elterlichen Betrieb ein – legte allerdings noch den Meister in Köln nach. Von der Pike auf hat Jan Schayen sein Handwerk gelernt, und auch wenn das heute nicht mehr zeitgemäß wäre, empfindet der Gartenbaumeister das als absoluten Gewinn: „Wenn man einen Betrieb führt, der handwerklich orientiert ist, halte ich es nicht für falsch, die Materie von A bis Z zu kennen. Wenn man beispielsweise Saatkisten selbst herstellen kann und weiß, wie eine Pflanze keimt oder wurzelt, welche Kulturtemperaturen gebraucht werden, welche Erde, welche Umstände für ein gutes Gedeihen herrschen müssen, wie lange eine Kulturdauer sein muss – das macht unabhängig.“ Sicher könne kann man das alles bestimmt im Internet nachsehen, das würde aber die Erfahrungswerte niemals ersetzen. „Oft, wenn ich mit den jungen Einkäufern spreche, wissen sie nicht mehr, welche und wie viel Arbeit dahinter steckt. Die Wertschätzung fehlt – es ist nur noch ein Produkt.“ Hier fehle im wahrsten Sinne die Verwurzelung.

Allerdings sieht man – wenn auch oft im Grünmann – Jan Schayen eher mit dem Telefon am Ohr, denn mit Rechen oder Gartenschere in der Hand. „Die ursprüngliche Arbeit wird durch den kaufmännischen Part immer weniger“, räumt Jan Schayen ein und zählt auf, welche Professionen seine Tätigkeit beinhaltet: „Man wechselt am Tag oft das Gesicht, ist Biologe, Kaufmann, Bauleiter, aber auch Bauarbeiter, Maschinenschlosser, LKW-Fahrer, Verkäufer und halber Psychologe“, sagt er grinsend, es sei ein buntes Leben, das viele Stilblüten treibe. Bei der Vielfalt kann es auch schon mal zu 15-Stunden-Tagen kommen. Vor allem, wenn der Chef höchstselbst um 3 Uhr nachts zum Winterdienst ausrückt. Trotzdem sagt er: „Es ist eine sehr erfüllende Arbeit. Nichts ist schöner, als wenn man im Winter, wenn alles grau ist, in ein Gewächshaus geht, in dem Pflanzen für den Sommer wachsen. Der Geruch von frischer Erde, Licht, Wärme – der hat was. Du siehst Pflanzen heranwachsen, natürlich auch abreifen – das ist ein Kreislauf, so wie das Leben ist. Das musst Du mit einer Passion im wahrsten Sinne tun. Wer das macht, nur um etwas zu tun, macht besser was anderes.“ So transportiert es Jan Schayen auch als Prüfmeister bei der Landwirtschaftskammer den angehenden Gesellen. Großen Respekt habe er vor Menschen im Homeoffice. Das wäre nichts für ihn, sagt aber auch: „Ich beneide die Leute, die ganz geordnet und sehr strukturiert leben – das finde ich gut, muss aber leider sagen, dass das nicht meine größte Stärke ist.“

Die Erdverbundenheit und Verwurzelung prägt auch das Denken, ist Jan Schayen überzeugt. Dennoch sieht er auch einen Wert darin, sich selbst zeitweilig zu „entwurzeln“. So erlebte er es, als Schüler mit einer eher verschweigenswerten Karriere, wie er schmunzelnd berichtet. Aus diesem Anlass wechselte er in ein Internat in Ostwestfalen. „Im Nachhinein würde ich sagen, das bringt viel für den Lebensweg, weil Du ohne Netzwerk noch einmal neu anfangen musst. Du musst Dich neu finden.“ Eine Erfahrung, die perspektivisch in die Zukunft gerichtet dafür sorge, dass er nie den Mut verlöre. Und die Wurzeln sind ja in seiner Heimatstadt geblieben. „Wenn man sich mit einer Verwurzelung beschäftigt, muss man sich die Frage stellen, wozu dient eine Wurzel? Das ist ja nicht nur eine Ernährungszone, es ist ja auch eine Verankerung. Ohne Wurzel kein Wachstum. Das lässt sich auf alle möglichen Bereiche übertragen: Ein Baum, der keine starken Wurzeln hat, würde im Orkan umfallen“, sagt der bekennende Baumliebhaber und wird philosophisch: Angesichts der Lebenszeit eines Baumes wäre vieles, das einem wichtig erscheint, nur ein Wimpernschlag der Geschichte.

„Generell ist meine Devise: Ein gesundes, stetiges Wachstum, in dem auch mal eine Stagnation vorkommen kann, ist besser, als schnell und überbordend zu sprießen.“ Da wird die Natur zum Spiegel von Wirtschaft und Entwicklung, denn im Ehrenamt ist Jan Schayen in der knapp bemessenen Zeit auch Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) und in dieser Eigenschaft auch mit seinem Thema befasst: Wachstum und Wachstumsoffensive.

„Jülich steht in der Zukunft vor einer großen Herausforderung“, sagt der Fachmann für Wachstum. Nach den entscheidenden Meilensteinen wie die Ansiedlung des Eisenbahnausbesserungswerk um 1900 und dem gewachsenen Stadtteil Heckfeld sei 1956 das Nordviertel im Zuge des Aufbaus der Kernforschungsanlage entstanden. „Das war der größte Schub nach dem 2. Weltkrieg. Jetzt zeichnet sich ab, dass der Brainergy-Park ein ähnlicher Erfolg werden könnte“, blickt Jan Schayen zuversichtlich in Richtung Zukunft. Und, um im sinnhaften Wortspiel zu bleiben, spricht er vom Forschungszentrum, das „die Wurzeln jenseits des Zaunes wachsen lässt“ und durch „die Mischung aus Wirtschaft und Forschung neue Triebe entstehen lässt“. Dieser Aspekt allerdings dürfte nach dem Dafürhalten des SEG-Aufsichtsratsvorsitzenden gerne noch mehr Beachtung finden. Also ein üppiges Feld, auf dem es noch viel zu tun gibt.


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