Start featured Kurz vor Toreschluss…

Kurz vor Toreschluss…

Ein Blick auf die Geschichte der Jülicher Stadttore.

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Das Aachener Tor und die ehemalige Hauptwache nach 1860 von der Stadt aus gesehen. Foto: Museum Zitadelle
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Jülich kann auf eine mehr als 1500jährige Geschichte als befestigter Ort zurückblicken. Um 300 n.Chr. wurde ein vieltürmiges Kastell errichtet, das erst im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts durch eine mittelalterliche Stadtmauer seine Funktion als Befestigung verlor. Mitte des 16. Jahrhunderts ließ Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg Jülich zu einer modernen Residenz- und Festungsstadt ausbauen. Die mächtigen Wälle und Bastionen der Stadtbefestigung wurden nach 1860 weitgehend niedergelegt. Alle diese drei Ummauerungen beziehungsweise Umwallungen besaßen Tore, über die man nach Jülich hinein- und wieder hinauskommen konnte. Um diese Toranlagen geht es im Folgenden. Dabei soll zu Beginn eine Anekdote stehen.

Das Rurtor „Hexenturm“ wurde zwischen 1902 und 1944 als Heimatmuseum genutzt. Foto: Museum Zitadelle

Vor einigen Jahren hielt sich eine australische Kunsthistorikerin in Jülich auf, die sich mit einem Schüler des aus Jülich stammenden Landschaftsmalers Johann Wilhelm Schirmer beschäftigt hat, der zeitweilig nach Australien ausgewandert war. Über diesen hatte sie in der Schlosskapelle einen Vortrag gehalten. Im Anschluss daran wechselte das Team des Jülicher Museums mit ihr auf den Kirchplatz, um dort in der Außengastronomie noch ein Getränk zu sich zu nehmen. Die Australierin war sichtlich irritiert, als um 22 Uhr die Glocken der benachbarten Propsteipfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt zu läuten anfingen. Ich erläuterte ihr, dass hier eine Tradition aus der Zeit der Festungsstadt Jülich fortgeführt würde, nämlich das Geläut als Signal dafür, dass nun die Stadttore geschlossen würden und man schleunigst zusehen sollte, in die sichere Umwallung der Stadt zu gelangen, wollte man die Nacht nicht im Freien verbringen. Die Australierin war entzückt und fand sich erneut darin bestätigt wie „traditional“ doch Europa sei. Ein schönes Beispiel dafür, wie verschieden Binnen- und Außensicht sein können, ist doch das 22:00 Uhr-Geläut für die Einwohner des Jülicher Stadtzentrums nichts Außergewöhnliches.

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Tore markieren den Übergang von Drinnen nach Draußen. Hier der durch Mauern und Wälle geschützte Innenraum, dort die Außenwelt voller Gefahren und Bedrohungen. In den ersten drei Jahrhunderten seiner Existenz benötigte die römische Siedlung Juliacum (Jülich) noch keine Befestigung. Dies änderte sich erst, als im ausgehenden 3. Jahrhundert n.Chr. die römische Verteidigungskraft nachließ und vermehrt Franken aus dem Rechtsrheinischen in das Linksrheinische einfielen, um hier zu plündern und zu rauben. Die wichtige Straße von der Provinzhauptstadt Köln über Jülich in Richtung Heerlen und Maastricht bildete dabei ein Einfallstor für die Raubzüge. Das polygonale Kastell mit zahlreichen Türmen sicherte die Straße, die durch die Anlage hindurchgeführt wurde. Deshalb können wir zumindest zwei Toranlagen annehmen, auch wenn wir keinen genauen archäologischen Befund hierzu haben.

Über Jahrhunderte prägte das Kastell das Erscheinungsbild der Siedlung Jülich, die um 1234 von Graf Wilhelm IV. von Jülich eigenmächtig zur Stadt erhoben wurde. Das hatte jahrzehntelange Auseinandersetzungen mit dem eigentlichen Stadtherrn, dem Erzbischof von Köln, zur Folge. Diese wurden erst Ende des 13. Jahrhunderts zu Gunsten des Jülicher Grafen entschieden. Im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts kam es daraufhin zum Bau einer neuen Stadtmauer, die den Bereich des Kastells und der darum entstandenen Besiedlung umfasste. Von den damals errichteten Toren hat sich mit dem Hexenturm, dem Rurtor, eines von dreien erhalten. Die beiden anderen befanden sich am Ende der Düsseldorfer und der Baierstraße. Der Hexenturm ist heute das Wahrzeichen der Stadt. Mit seinen Zwiebelhauben zeigt er sich im Bauzustand des 18. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt wurde er als Gefängnis des Haupt- und Kriminalgerichts des Herzogtums Jülich genutzt. Das Rurtor ist eine für die Zeit des frühen 14. Jahrhunderts typische Doppelturmtoranlage, die auf den Einsatz von Armbrüsten hin konzipiert war, wie die länglichen Schießscharten anzeigen. Mit dem Bau der renaissancezeitlichen Stadtbefestigung verlor das Rurtor eigentlich seine Funktion. Tatsächlich aber bildete es bis 1648 den westlichen Zugang in die Stadt.

Der Reuschenberger Hof in der Bongardstraße mit der inneren Torwandung des ehemaligen Stadttores in der Bauhofstraße. Zeichnung von Ernst Lampenscherf von 1946 nach einem Foto vor 1944. Foto: Museum Zitadelle

Erst dann wurde das Aachener Tor in Betrieb genommen, das laut einer heute verlorenen Inschrift 1548 gebaut worden war. Die erhaltene äußere Torumrahmung in der Straße „Rurpforte“ ist eines der wenigen Reste der durch Alessandro Pasqualini entworfenen Stadtbefestigung mit ihren starken Wällen und Bastionen. Warum dieses frühe Renaissance-Stadttor im deutschsprachigen Raum erst 100 Jahre nach seiner Erbauung in Nutzung genommen wurde, wissen wir nicht. Die anderen Stadttore der neuen Stadtbefestigung befanden sich am Ausgang der Düsseldorfer und der Kölnstraße sowie in der Bauhofstraße. Dieses Tor war aber nicht lange in Nutzung, da der Bedarf eines Stadtausgangs in Richtung des damals weitgehend unwegsamen Heckfelds wohl nicht gegeben war. In unmittelbarer Nähe befand sich bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg der sogenannte Reuschenberger Hof, ein Adelshof der Familie von Reuschenberg aus Setterich. Zur Bongardstraße hin gab es ein prächtiges Renaissanceportal, das vermutlich ursprünglich die Innenseite des Stadttores in der Bauhofstraße geziert hatte und hierhin versetzt wurde als das Tor endgültig geschlossen wurde.

Mit der Aufgabe der Festung 1860 verloren dann auch die drei anderen Tore ihre über 300jährige Nutzung und gerieten nach ihrer Niederlegung rasch in Vergessenheit. Seitdem ist Jülich eine offene Stadt und die Glocken der Propsteipfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt läuten nur noch symbolisch, wobei für manchen heute noch 22:00 Uhr die magische Grenze zu sein scheint, wenn man wieder zuhause sein sollte.

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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