Viele Köpfe, viele Meinungen – so bringt es Christoph Beckers auf den Punkt. Die Redaktionsleitung der Stammhaus-Nachrichten innezuhaben, ist kein ganz einfaches Unterfangen. Seit 2001 erscheint die Zeitung. Mit der aktuellen 37. Ausgabe haben Beckers und seine Mitstreiter ihr silbernes Jubiläum gefeiert. Gewidmet war die Ausgabe allerdings 20 Jahren Stammhaus.
Doch zurück zum Anfang: Eigentlich wollte Christoph Beckers wie seine Geschwister auch nur von Zuhause ausziehen. Für Beckers, der aufgrund seiner Erkrankung auf einen Rollstuhl angewiesen ist, waren die Hürden allerdings größer. Gemeinsam mit Klaus Ahlert, Theologe und Gestalttherapeut, gründete der junge Mann eine Selbsthilfegruppe. Ihr Ziel: Ein Haus, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen zwar betreut, aber so selbstständig wie möglich leben können. Die Idee ist längst Realität – die in diesem Zusammenhang ebenfalls entstandene Zeitung ist allerdings noch älter.
Denn irgendwie kam durch das gemeinsame Engagement auch die Idee eines PC-Kurses auf. Gesagt, getan – und nun sollte das im Kurs Erlernte praktisch angewandt werden: die Geburtsstunde der Stammhaus Nachrichten. Das erste Heft bestand aus drei einzelnen Blättern. Mit einem Schmunzeln weist Christoph Beckers auf die gerahmte Erstausgabe an der Wand: „Gucken Sie mal, das waren nur drei Blätter. So haben wir angefangen.“
Aus der „Lose-Blatt-Sammlung“ wurde ein Heft im Din-A5-Format. „Ein bisschen wie eine Schülerzeitung“, lacht Beckers und zeigt eine Auswahl der orangefarben eingebundenen Heftchen. Die aktuellen Nachrichten präsentieren sich deutlich moderner. Das Format ist quadratisch, klebegeheftet und mit hochwertigem Einband versehen. Die wohl ungewöhnlichste Eigenschaft der jährlich erscheinenden Publikation verbirgt sich allerdings mittendrin: Ein paar Seiten in der Heftmitte sind aus anderem Papier und nur sparsam mit „Schwarzschrift“ bedruckt. Stattdessen bedecken erhabene Punkte, in das Papier geprägt, die Seiten. Denn Amelies Beiträge zur Zeitung sind in Braille-Schrift abgedruckt.
Wie die meisten Stammhaus-Bewohner ist auch die seit Kindesbeinen blinde Amelie Teil des Redaktionsteams. Christoph Beckers erklärt, wie die Braille-Schrift schließlich ins Heft kommt: „Amelie spricht ihre Texte ein, ein Betreuer schreibt sie dann auf, und ich überprüfe, ob alles stimmig ist.“ Ist der Text durch Beckers Lektorat, wird er als erster Beitrag an Barbara Hilser in Aachen geschickt, denn ihr Druck ist aufwändiger. Das Stammhaus arbeitet schon lange mit Hilsers N&N Design-Studio zusammen. Die Agentur ist für den Druck zuständig – für die Seiten in Braille-Schrift arbeitet sie mit einer Blindenwerkstatt zusammen. Die kleinen Pünktchen richtig zu lesen, ist für Sehende eine echte Herausforderung. „Ich kann das nicht“, gibt Christoph Beckers zu und drückt seine Bewunderung für die erstaunlichen Fähigkeiten von Mitbewohnerin Amelie aus: „Sie ist die beste Memory-Spielerin, die es gibt.“ Denn auch beim Fühl-Memory ist ihr Tastsinn einfach überlegen.
Doch warum der große Aufwand? Christoph Beckers muss nicht lange überlegen: „Das ist vor allem wichtig, damit sich jeder Bewohner wiederfindet.“ Und weiter: „Ich mache das, weil ich möchte, dass die Leute alle die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äußern.“ Und genau deshalb gestaltet sich die Redaktionsleitung denn auch einigermaßen herausfordernd. Zwar überlegt sich Beckers vorher ein Thema, aber die Meinungen der einzelnen Bewohner dazu sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Auch die Beiträge schwanken zwischen wenigen Zeilen – manchmal müsse er um ein bisschen mehr Text bitten, schmunzelt der „Chef“ – und minutiös genauen Reiseberichten. Mancher steuert Rezepte bei, von anderen kommen Fotos. Fester Bestandteil der Stammhaus Nachrichten sind von Anfang an die Zeichnungen von Alan Mihalcic. Passend zum Titelthema und zu einzelnen Unterpunkten entwirft der leidenschaftliche Zeichner seine Illustrationen und fügt den Stammhaus Nachrichten so eine weitere, persönliche Facette hinzu.
















