Start featured „Einfach e Jeföhl“

„Einfach e Jeföhl“

Die Mundartfreunde treffen sich seit fast 60 Jahren - inzwischen unter dem Dach des Jülicher Geschichtsvereins 1923.

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Foto: Ariane Schenk
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Kölsch kennen alle Jülicherinnen und Jülicher – zumindest ein bisschen – vom Karneval. Aber wie ist das mit der Sprache der eigenen Heimatstadt? Die „Mundartfreunde“ des Jülicher Geschichtsvereins treffen sich einmal monatlich, um mit einander zu lesen, zu reden und dabei die immer weiter verloren gehende „Jülicher Muttersprache“ zu pflegen.

Versteckt im Stadtbild und trotzdem da: Die Spuren der Jülicher Mundart. Zwischen dem allen „Muttkrate“ bekannten „Hexentue Lied“ von Edmund Giesen und Straßen, die beispielsweise nach den Jülicher Platt-Bewahrern Josef Rahier und Wilhelm Tilgenkamp benannt sind, findet sich die Muttersprache der Herzogstadt im Alltag nur noch selten wieder. Das kann kein Zustand sein – finden die Mundartfreunde des Jülicher Geschichtsvereins.

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Ähnlich versteckt wie die Überbleibsel ihres Heimatdialekts tagt die Gruppe in der VHS Jülicher Land – nämlich hinter einer Glastür und entgegengesetzt der Richtung, in die man dem Gefühl nach gehen würde. Wie gut, dass es an jedem ersten Dienstag im Monat so viel zu „verzälle“ gibt, dass sich schon vor der Eingangstür einige der „Freunde“ sammeln.

Was ist eigentlich das Besondere am Jülicher Platt? Bei solchen Fragen drehen sich alle Köpfe fast automatisch zu Heino Bücher, selbst Herausgeber zweier Bücher in Mundart und einer der ältesten Mundart-Vertreter. Aber wie das so ist, wenn man nach Muttersprachen fragt, wird erst nach und nach deutlich, welche Eigenheiten genau diese Sprache ausmachen. Klar, es zählt sprachwissenschaftlich zu den ripuarischen Dialekten, wissen auch die anderen Anwesenden aus dem Stegreif. Aber darin hat es seine Eigenheiten: „Im Jülicher Platt gibt es ja auch kein ‚g‘, das ist alles ‚j‘“ wird irgendwann später erzählt und, dass es keinen Dativ kennt. Man „singe“ auch nicht wie etwa die „Öcher“. Außerdem, so heißt es, lässt sich erkennen, aus welcher Jülicher Ortschaft jemand kommt – denn hier habe jedes Dorf ein Stück weit sein eigenes Vokabular. Obwohl: Ein „reines“ Jülicher Platt gebe es aufgrund des Stadtwachstums und Heranrückens an die Dörfer ohnehin nicht mehr.

Und apropos Dörfer: Es gibt Spitznamen für die Einwohner jedes Dorfes. Unter anderem die Stetternicher „KG Schanzeremmele“ wird wissen, was gemeint ist. Und diese Spitznamen haben auch oft einen Hintergrund, beispielsweise in Lich-Steinstraß. Die „Moppebäckere“ heißen so, weil es ein „Winterquartier“ für Kirmes-Ausstellende gewesen sei. An ihren Ständen seien oft spezielle Gebäcke, die besagten „Moppe“, verkauft worden – so erklärt es die Runde.

Warum eigentlich Mundart? Eine einzige Antwort auf diese Frage fällt schwer. Die Sprache ist von Tradition, von Wurzeln, Kultur und, dass es „einfach e Jeföhl“ sei. Auch davon, dass Hochdeutsch in der Schule wie eine erste Fremdsprache war – und, dass verboten wurde, in der Schule auf Platt zu reden. Dabei wird sich auch gegenseitig widersprochen: Die Aussage „Man kann Sachen in Platt ausdrücken, da gibt es im Hochdeutsch keine Worte für“ wird von einer anderen Teilnehmerin eingeschränkt: „‚Ich liebe dich‘ kann man nit op Platt sagen.“ Welche Bedeutung der Dialekt hat, zeigt auch das Engagement für Senioreneinrichtungen. Einmal im Quartal wird jede der fünf kooperierenden Einrichtungen von zwei „Mundartfreunden“ besucht, um auf dieser Sprache vorzulesen und zu sprechen. Ein Angebot, das – so die Mitglieder – auf viel positiven Zuspruch der Bewohnerinnen und Bewohner stößt.

Wichtig sei, da sind sich alle einig, Möglichkeiten zu haben, die Sprache zu sprechen, sonst stürbe sie aus. Eine Aufgabe, der sich die Gründerväter der Mundartfreunde seit – wahrscheinlich – 1968 verschrieben haben. 1969 schloss man sich dem Geschichtsverein an. Nun, fast 60 Jahre später, scheint die Sprache gefährdeter denn je.

Beim Arbeitskreis sind jeden Monat um den Dreh zehn Menschen vor Ort. Dazu ist der Altersdurchschnitt relativ hoch. Ein großer Wunsch, so auch Vorsitzender Georg „Schorsch“ Thevessen, ist es, jüngere Menschen für die Sprache Jülichs zu begeistern. Ungezwungen reinschnuppern können übrigens alle, die sich dafür interessieren: Gäste sind immer willkommen und feste Mitgliedschaften gibt es nicht. Dafür Gedichte und Prosa, dadurch angestoßene Diskussionen und zwischendurch den einen oder anderen „Schwank“ aus dem Leben. Alles in Vorbereitung auf den „Mundartabend“, der einmal im Jahr vom Arbeitskreis des geballten Heimatsprachwissens veranstaltet wird.

Klar ist: Der Enthusiasmus für die Sprache zieht sich durch die Reihen der Mundartfreunde. Dabei wird im Gespräch aber auch klar, dass Platt nicht nur Erinnerung sein muss, sondern auch eine Sprache ist, die heute noch verbinden kann. Etwa im Gespräch über Generationen oder Bildungsschichten hinweg. Oder wenn ein junger syrischer Nachbar stolz entgegnet: „Ich kann jetzt auch ein bisschen von dem komischen Deutsch, das Sie immer sprechen!“

Die Mundartfreunde tagen in der Regel am ersten Dienstag im Monat von 18 bis etwa 20 Uhr. Gäste sind stets willkommen.


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