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Neustart

…ein eigenartiges Wort, irgendwie „neudeutsch“. Doch seit der Herzog es zum Titelthema erkor (altdeutsch) und ich darüber / dazu schreiben soll / darf – fällt mir sensibilisiert auf, wie oft es derzeit in den Medien verwendet wird, meist wenn es darum geht, was nach Corona kommen SOLL – es WIRD aber sicherlich anders. Und bestimmt kein Neustart.

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Grafik: Daniel Grasmeier
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Hmm, „Fehlstart“ und „Startschwierigkeiten“ waren bis dato die einzigen Begriffe in meinem Repertoire im Zusammenhang mit „Start“, hoffentlich wird nur letzterer diesbezüglich eintreffen…

Ursprünglich sollte das Herzog-Thema lauten „Reset“.

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Aha, gerade wird klar: Ich bin mal wieder zu dämlich – oder der PC, der hat sich aufgehängt, und bevor ich das auch tue: Reset: Neustart. Oder Stecker ziehen und hoffen, dass das irgendwie Vergeigte sich wieder herstellt und weiter geht. Beim PC habe ich es immer noch und wieder hinbekommen.

Ansonsten habe ich doch erfahrungsbedingte Zweifel…

Darum also mal von Anfang an: Nach der Geburt, die ja „nur“ ein Start, ein Beginn war, kein Neu-Beginn nach was auch immer, kam auch schon die Prägungsphase. Ja, da war überhaupt noch alles neu, weil nie zuvor gehabt. Jeder Tag wartete mit Erlebnissen und Erfahrungen auf, weshalb die Zeit im Vergleich zu späteren Jahren scheinbar langsamer verging. Und manchmal konnte man sich als Kind sogar langweilen, wenn sich mal nichts oder nicht das Erwünschte tat. Selbst routinierte Strukturen wie später der tägliche Kindergartenbesuch entbehrten nicht des Reizes, irgendetwas passierte immer. Und sei es nur, dass man sich mit der Freundin stritt, die Jacke vergessen hatte – alles mehr dramatisch als nur ärgerlich, weil noch nicht so oft erlebt. Außerdem wurde man größer und älter und hegte die noch unwiderlegte Hoffnung, dass „alles irgendwie“ damit und dadurch besser werden würde. Daran haben auch die mit glücklicher Kindheit geglaubt, die anderen sowieso.

Ach ja, denke ich gerade, das waren noch Zeiten… Und weiter denke ich: ja, seit Jahrtausenden und auf unabsehbare Zeiten wiederholt…

Ein diesem Begriff einigermaßen entsprechender „Neustart“ findet allerdings wohl nur in der Pubertät statt, da wird gemäß der letzten Erkenntnisse der Hirnphysiologen tatsächlich die Persönlichkeit zwar nicht grundlegend verändert, aber umstrukturiert. Was die, in denen sich Selbiges ereignet, eher nicht wahrnehmen. Für sie werden nicht sie selbst seltsam bis unausstehlich, sondern ihr Umfeld – und manchmal die ganze Welt. Was bisweilen sogar den Tatsachen entspricht und vielleicht später zu Erkenntnissen führt. Albert Einstein soll das treffend so formuliert haben: „Der gesunde Menschenverstand ist die Summe aller Vorurteile, die sich bis zum achtzehnten Lebensjahr im Bewusstsein festgesetzt haben.“ Wenn man dann noch das Unter- und Unbewusstsein in Rechnung zieht…

Und somit bin ich bei meinen oben erwähnten Zweifeln: „Neustart“ ist ein netter Euphemismus. Da ist was in die Hose gegangen, und man zieht eine neue an. Doch in der Hose steckt derselbe A…h. Sie ahnen, was ich meine. Man kann Anderes, Neues beginnen, auch ganz woanders – doch man nimmt sich selbst immer dabei und dahin mit. Und wer nun mal per se geschäftsuntüchtig ist, wird auch woanders kein florierendes Unternehmen aufbauen, egal, wie gut oder gar besser dort die prinzipiellen Bedingungen sind. Dasselbe gilt natürlich und leider auch für „Beziehungen“, gerade in diesem gewohnheitsmäßig festgelegten Feld ist ein Neustart höchst unwahrscheinlich bis unmöglich. Entweder läuft das Programm mehr oder minder wie gehabt weiter oder stürzt endgültig ab. Dann wechselt man den „Partner“ in der Hoffnung, dass zumindest dessen Benutzeroberfläche nun kompatibler mit dem eigenen „User“-Profil ist. Wenn man Glück hat, wird es nur anders, selten besser.

Doch ich möchte jetzt nicht jegliche „Start-ups“ geschäftlicher oder geschlechtlicher Art mit meinem Realismus demotivieren – der Herzog wählte das Thema, weil mal wieder ein neues Jahr beginnt.

Ein einmaliges 2021, in das wir alle zwar die allgemeinen und persönlichen Altlasten der vergangenen Tage mit hineintragen, das jedoch auch die Möglichkeiten birgt, aus selbigen gelernt habend nicht unbedingt wirklich Neues, aber immerhin vielleicht Besseres zu schaffen.

Waren z.B. alle Covid-Einschränkungen soo schlimm? Wir haben feststellen können, dass Home-Office und Videokonferenzen nicht nur endlich möglich wurden und auch Vorteile haben (allein was den Spritverbrauch angeht), dass gemeinsame Brettspiele Freude machen können (die sogar keinen Strom kostet), sich gewohnheitsmäßige Wichtigkeiten verlustfrei relativiert haben und anderes an vergessenem Wert gewonnen hat. Was das im Einzelnen war, ist und bleiben wird, kann, darf und muss jeder selbst entscheiden.

Neustart? Warum nicht – mit neuen Erkenntnissen und den damit verbundenen Konsequenzen. Sonst wird es nur die Wiederholung gehabter Fehlstarte. Und das wäre schlimmer, als was uns letztes Jahr widerfuhr – wirklich SCHADE.

Ich habe mir für dieses Jahr keine neuen guten Vorsätze zurechtgelegt (die guten alten harren teilweise immer noch ihrer Umsetzung), außer die mittlerweile eingeübte Konsumzurückhaltung beizubehalten, nicht nur was Klopapierhamsterkäufe und Kreuzfahrten angeht – schaun wir mal, wer zwanglos, weil einsichtig mitmacht.

Nicht ausgeschlossen, dass es doch ein gutes Jahr wird.
„Nur“ dieses wünsche ich mir und Ihnen.


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