Start featured Oh… nass-iss

Oh… nass-iss

Als sich 1976 zehn junge Männer zwischen 16 und 22 Jahren zum ersten Mal im „Erzquell“ (heute Pinocchio) in der Kleinen Kö zum Kegeln trafen, hatte wahrscheinlich keiner der Beteiligten im Sinn, dass diese lustige Gesellschaft bis weit in das nächste Jahrtausend aktiv sein würde. Sogar das „Clubwappen“ existiert noch, „De Holzföss“ in Holz geschnitzt und bei einem der großartigen „Väter-Kegeln“ Ende der siebziger Jahre überreicht.

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Foto (Ausschnitt): Frank Lafos
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Tatsächlich treffen wir uns weiterhin noch mindestens einmal im Monat im Einhorn in der Poststraße zum „Verzäll“, dem ein oder anderen Kölsch und einem hervorragenden Steak. Den harten Kern bilden heute noch immer die, die damals schon Gründer waren. Die ruhige Kugel war nie ruhig bei uns, was die kleinen Geschichten in diesem Artikel beweisen. Seit längerem wird sie nicht mehr geschoben. Eine scheinbare Evolutionsstufe vieler Kegelclubs. Heute sind Lokal- und Weltpolitik wichtige Themen, wie geht es den Kindern, wer ist oder wird Opa, wie spielen die Bayern oder die Borussia, einer erzählt den neuesten Witz, und am wichtigsten: Wir scherzen miteinander, untereinander und übereinander. Einige unserer Erlebnisse der letzten 43 Jahre, die uns immer wieder den Abend versüßen, darf ich mit Zustimmung meiner Freunde in diesem Text verwenden, viel Spaß beim Lesen.

Dear Mr. Schroeder, you ordered a tanker…
Es war Frühstückszeit. London lag unter einer dichten Wolkendecke, die Straßen spiegelten nass. Der Blick vom Tower Hotel zur gleichnamigen Brücke war durch den Nebel der letzten Nacht getrübt. Es klopfte laut an der Tür, ich öffnete. Achim mit einem Telefax in der Hand vor mir. Wir waren gemeinsam auf Tour mit insgesamt 9 Freunden. Am Morgen des Vortages waren wir nach einer langen Nacht in der britischen Hauptstadt angekommen. Die Anreise war aufwendig. Erst mit dem Auto nach Vlissingen, von dort weiter mit der Nachtfähre nach Ramsgate. Die letzte Etappe per Zug zur London Central Station. Englisches Wetter – „Oh-nass-iss!“.
„Du weißt doch, die gaben mir gestern Abend an der Rezeption den Umschlag, ich dachte, es wären die noch fehlenden Reiseunterlagen, hier lies mal.“ Schon als ich das zusammengefaltete, holzige Papier aus dem Umschlag zog, erkannte ich ein Telex. Ich ging zurück zum Fenster und las:
„Dear Mr. Schroeder! You ordered a tanker. Congratulations, your ship…“
Scheinbar gab es einen weiteren Mr. Schroeder in unserem Hotel. Wir schauten uns grinsend an. „Herzlichen Glückwunsch, damit wärst Du saniert!“, war mein spontaner Ausruf. „Lass es uns zurückgeben, bevor wir die nächste Ölkrise heraufbeschwören.“ Wahrscheinlich hatte der echte Herr Schroeder bereits den ganzen letzten Abend der Auftragsbestätigung hinterhergeforscht. Eine 33 Millionen Dollar Investition will jeder schriftlich bestätigt haben. Wir tauschten den Tanker gegen eine Fährpassage zurück nach Vlissingen. Der andere Mr. Schroeder hatte mit diesem Umschlag die Nacht verbracht.

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Scholle Medium
Noch immer in London. Soho, wir hatten nach längerer Suche ein bezahlbares Steakhaus gefunden. Der Kellner nahm in feinstem Oxford Englisch unsere Bestellungen auf. Rumpsteak, Filet – gegrillt medium, medium rare, rare, well done – ganz individuell. Die Geschmäcker und Vorlieben des Garpunktes sind zum Glück verschieden. Der Livrierte und sein Zettel auf den Weg zur Küche – hatte nun hörbar einen unserer Freunde bei der Abfrage ausgelassen. „Hello… Mister“ kam es unüberhörbar aus unserer Mitte. „Yes, Sir!“ kam die Antwort. „Medium, please!“ Was dann kam, versetzte den ganzen Tisch in tiefstes Schweigen. Der Kellner schaltet auf akzentfreies Deutsch. „Mein Herr, Sie haben Fisch bestellt. Scholle. Wir bereiten Ihnen diese selbstverständlich gerne auch Medium zu. Der Gast ist König“, grinste er unseren Kegelbruder an. „Haben Sie zusätzliche Wünsche?“ Die daran anschließende Lachorgie mit Luftnot, Tränen, Schulter- und Knieklopfen dauerte einige anstrengende Minuten. „Scholle Medium“ – das Lieblingsgericht der Holzföss.

Tatort – Taxi nach Aldenhoven
Auch immer wieder wird die folgende Geschichte zum Besten gegeben. Eines Kegel-Abends, es waren schon ein paar Bierchen geflossen, kam aufgeregt unser damaliger Wirt auf die Kegelbahn gestürmt. Sein Blick suchte meinen Cousin „Du mußt sofort nach Aldenhoven. Die Alarmanlage wurde ausgelöst. Die Polizei ist schon unterwegs!“ An mich gerichtet: „Fahr mit, besser ist besser.“ Wir rannten die Treppe hoch (Kegelbahnen befinden sich fast immer im Keller), durch den Gastraum zum Auto. Le Mans Start in bester Manier. Die kurze Fahrt nach Aldenhoven war noch kürzer als sonst, und so kamen wir nach wenigen Minuten am Ort des Geschehens an. Zwei Streifenwagen standen auf dem Vorplatz des Autohauses. Verdutzte Blicke, damals noch in grün-beige. Wir wurden erkannt. Provinzbonus 1. Die Situation wurde kurz besprochen. „Ok, wir teilen uns auf, eine Gruppe an den Hintereingang, die anderen stellen sich seitlich auf. Und, meine Herren: keine Heldentaten“ Laute Motorgeräusche. Wir drehten unsere Köpfe. Als erstes „flog“ ein getunter Audi 50 auf drei Rädern um die Kurve, gefolgt von einem Scirocco GTI und einem Opel Manta GTE. Wir schauten uns das zweite Mal an diesem Abend erstaunt an. Erstaunter. Uns beiden war klar, was es nun zu erklären gab. Aus den Autos schälte sich unser kompletter Kegelclub. Alle mit einem leckeren Kölsch in der Hand. Nicht die drei Fahrer. Ein Polizist zog seine Mütze ab und kratzte sich irritiert seinen Haarkranz. Seine Gedanken waren offensichtlich. Die Kunst war nun, an einem nicht mehr jungen Montagabend zwei Streifenwagenbesatzungen zu erklären, welche Kombination aus Fahrzeugen, Menschen und Getränken keine 10 Minuten nach Eingang der Einbruchsmeldung den soeben gefassten Plan torpedierte. Sowohl der Erklärungsversuch „dies sind unsere Kegelbrüder, und die wollen nur helfen“ als auch ein Abstreiten, die Jungs zu kennen, wäre dumm gewesen. Diese Situation muss im Sinne aller direkt und indirekt Beteiligten schnell und lautlos aufgelöst werden. „Meine Herren, am besten setzen Sie sich wieder in Ihre Fahrzeuge und fahren unter Beachtung aller – ich wiederhole – ALLER Verkehrsregeln an den Ort zurück, von dem sie gerade herkommen.“ „Und Sie beide helfen uns festzustellen, ob es tatsächlich einen Einbruch gab.“ Selten synchrones Kopfnicken. Eindeutig war aufgefallen, wir alle kamen nicht von einem Makramé VHS Kurs.

Die Feuerkorken Bowle
Nachdem die Erzquell Stuben zum Pizza Tempel wurden, war das Kegeln dort vorbei. „Schmitze Buchping“ kannte viele unserer Väter, und so konnten wir auf deren Empfehlung weiterhin jeden zweiten Montag im Monat unseren König küren. Das schmitzsche Lokal „Weinstube“ war sehr beliebt, und seine Kegelbahn gehörte zu den besten der Stadt. Weinstube = Feuerzangenbowle – gab es tatsächlich mehrfach inklusive Gans. Doch wir wandelten Rezept und Zubereitung der pfeifferschen Bowle auch einmal um zur Feuerkorken Bowle. Einer unserer Freunde, sehr professionell im Umgang mit Möbeln aller Art, kam mit einer sehr interessant klingenden Idee. Zutaten: ein ganz normaler Kneipenstuhl damals noch mit Sperrholzsitzfläche, Senf, ein Weinkorken und ein Feuerzeug. Er behauptete, diese Utensilien in der richtigen Reihenfolge kombiniert ließen im weiteren Verlauf des Abends sehr interessante menschliche Studien zu. Der Plan: Warten bis der nächste Mitkegler den Raum zur Kölschrückgabestelle verlässt, ein Eingeweihter geht hinterher und quatscht den Kollegen fest. Nun wurde der Stuhl des „Delinquenten“ präpariert. Mit Senf der Korken unter die Sitzfläche geklebt, angezündet. Warten. Kichern. Warten. Das muss doch riechen, wenn da ein Korken verglüht – nein, tut es nicht. Aber die Sitzfläche wird mit der Zeit warm, wärmer, heiß. SEHR HEISS! Der Sitzende wurde mit der Zeit zum Rutschenden, legte seine Hände zwischen Allerwertesten und Sitzfläche und sprang irgendwann buchstäblich wie von der berühmten Tarantel gestochen auf und schrie verzweifelt: „Ihr Ar……!“. Damit ist die Geschichte jedoch nicht erzählt. Nächster Kegelabend – Buchping mit einem Gesicht wie Buchping. Hält uns den Stuhl entgegen – Pechschwarz verrußt – unser Möblier kommentiert trocken: „Nehme ich mit, kann man Hobeln…“

Es geht weiter…
…wie schon erwähnt. Einmal im Monat, meistens donnerstags. Unter dem Einhorn Wappen. Mit Lachen, Fröhlichkeit und Besinnung. Erinnerung an einige, die nicht mehr kommen können, aber bestimmt dabei wären. WhatsApp hilft, in Kontakt zu bleiben, live Champions League zu analysieren, den nächsten Termin zu finden. 2020 steht die lang ersehnte Reise zum Oktoberfest an – ich werde berichten. Gut Holz.

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Frank Lafos
Reisender, fotografierender Menschenbeobachter, der seit über 15 Jahren Kurzgeschichten schreibt. Eingeborener Muttkrat, Karnevalist und bekennender Rheinländer. Lebt in Jülich und Starnberg. Entwickelt karnevalistisch-musikalische Bühnenstücke vom Text bis zur Regieanweisung. Über 20 Jahre Co-Autor des Ulk Magazins. Fachlich-berufliche Schwerpunkte und Veröffentlichungen zu Innovationstechniken, digitaler Kommunikation und neuen Arbeitsformen. Diplom Ingenieur, zertifizierter Coach und kreativer Gestalter.

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