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Bitte, Platz nehmen

Immer diese Nörgler, diese Ewig-Miesmacher. Die, die ungefragt auf jede Bemerkung ein Widerwort haben, unter jeden „Post“ in den sozialen Medien einen Kommentar setzen. Kennt man, ne? Kann einen wirklich aufregen.

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Grafik: Daniel Grasmeier
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„Ich suche… (sagen wir mal) …einen Menschen, der mir im Garten hilft.“ Kommentar: „Ich nicht.“ Das ist hilfreich, wichtig, nützlich, dass der Kommentator das auch wirklich jedem mitteilt. Warum nicht einfach mal die Finger von der Tastatur lassen? Was ist so wichtig, eine verbale Nichtigkeit mitzuteilen, die im besten angenommenen Fall spaßig gemeint sein soll, in Wirklichkeit aber einfach nur albern ist? Warum fällt Schweigen so schwer oder einfach das Übersehen von Dingen, die einen so gar nichts angehen? Die Lücke füllen könnte ein positives Gefühl. Zum Beispiel „Glück“ oder weniger euphorisch „Zufriedenheit!“: Gott sei Dank, ich brauche keine Hilfe.

Gemerkt? Da ist es wieder… das Nörgeln, das Bekritteln. Da kommt kaum einer dran vorbei. Wie wäre es dagegen tatsächlich damit, einfach mal nur dankbar zu sein?

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Einmal herantreten bitte an die DankBar.

Beim Gang durch Jülich fallen derzeit viele Menschen auf, die vor Geschäften sitzen mit einem Becher oder Teller vor sich. Sie betteln. Da kann man sich belästigt fühlen. Getroffen durch den bloßen Anblick, die Konfrontation mit Armut und durch die stumme (Auf-)Forderung, Münzen aus dem Geldbeutel zu nehmen. Oder: Dankbar sein, dass man nicht in der Notlage ist, sich öffentlich zu machen in einer prekären Situation. Das gilt übrigens auch, wenn der bettelnde Mensch durch eine üble Bande zu dieser Tätigkeit genötigt wird. Ob man der Dankbarkeit für die besseren eigenen Lebensumstände in barer Münze Ausdruck gibt, ist noch eine ganz andere Frage.

Beleibte Menschen, solche, die eine Behinderung haben, optisch aus der – von wem eigentlich festgelegten? – Norm fallen, sind oft schrägen Seitenblicken ausgesetzt. Das gilt auch dann, wenn die Umstände, die dazu führten, gar nicht bekannt sind. Da kann man hinter vorgehaltener Hand tuscheln – oder einfach dankbar sein, wenn man an Leib und Seele gesund ist und sich in und mit sich wohl fühlt.

Mich macht ein Martinshorn dankbar, wenn ich weiß, dass alle Menschen, die mir wichtig sind, in Sicherheit sind, und ich keine Angst um ihr Leib und Leben haben muss. Dankbar, weil ich weiß, dass wir einen gut funktionierenden Rettungsdienst haben, der dann die Betroffenen kompetent versorgt und in eine nach unseren Standards bestens ausgestattete Klinik zur Weiterversorgung bringen kann.

In meinem Ehrenamt erwarte ich von den Menschen, für die ich mich einsetze, keine Dankbarkeit. Ich erwarte Freundlichkeit und Respekt. Ich habe entschieden, dass Ehrenamt auszuüben, weil ich die Möglichkeit habe, andere Menschen zu unterstützen. Jene, die wir im Verein unterstützen, haben aber nicht selbst entschieden, in einer Notlage zu sein. Es macht mich dankbar, dass ich auf der anderen Seite des „Schreibtisches“ sitzen kann.

Die Liste lässt sich denkbar beliebig fortsetzen.

Der weitaus größte Teil der Bewohner unserer Stadt hat ein Dach über dem Kopf. Fließend Wasser aus dem Hahn, das trinkbar ist, ist uns selbstverständlich, ebenso die Möglichkeit zur Bildung, zur freien Meinungsäußerung, zu Wahlfreiheit in Politik, Lebens- und Liebesumständen.

Und nicht nur was den Einzelnen angeht, wäre Dankbarkeit eine gute Haltung. Nächster Topf an der DankBar: Der Umstand, dass die Jülicher in einer privilegierten Stadt wohnen. Die Erhöhung der Grundsteuer stieg in diesem Jahr nur um 4,5 Prozent, das sind knapp 2 Euro mehr pro Monat für den Besitzer eines Einfamilienhauses. Wer ein Haus besitzt, das ihn schützt, hat Grund zur Dankbarkeit. Und: Eine weitere Erhöhung der Hebesätze bis 2023 ist nicht mehr vorgesehen. Ganz nebenbei wird in einer aktuellen Ausschuss-Vorlage im Rathaus erwähnt, dass „wir“ schon 2020 nicht mehr im Haushaltssicherungskonzept sein werden – drei Jahre früher als erwartet. Das kommt allen Jülichern zugute. Es bedeutet mehr Freiheit in der Gestaltung städtischen Lebens und Entscheidungsmöglichkeiten, wie die Stadtverwaltung mit den so genannten freiwilligen Leistungen umgeht. Das betrifft etwa Zuschüsse für Vereine.

Es gibt in Jülich eine Vielzahl an kostenfrei zugänglichen Kulturangeboten: Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen (Wer sich fragt, welche: Kinderkultursommer und Bühne 80, die zur „Generalprobe“ einladen, als Beispiele). Für Kinder ist sogar die Nutzung der Stadtbücherei kostenfrei. Noch ein Gefäß an der DankBar, aus dem man sich bedienen kann.

Klar: Es geht immer noch mehr! 2015 gab Misereor das Fastenmotto aus: „Wieviel ist genug?“ Vielleicht ist es an der Zeit, das eigene Handeln hinterfragen: Wo fangen „Luxusprobleme“ an?

Alles soll „preiswert“ sein.

Das heißt übersetzt aber auch: Der Wert hat einen Preis. Das gilt für Lebensmittel und Wohnraum, Dienstleistungen und Sozialleistungen. Die Realität sieht anders aus. In den Prospekten steht fett gedruckt nicht der Preis oder der Wert eines Produktes, sondern fett gedruckt heißt es: „billiger“ oder „25 Prozent mehr Inhalt“ oder „nimm 3 zahl 2“. Ob das „mehr“ an Kleidung, Würstchen oder Unterhaltungselektronik nützlich ist oder gebraucht wird, ist nicht im Fokus. Es geht nicht mehr um die Kosten, es geht um „billiger“ oder umgekehrt „XXL-Angebote“. Die Menschen unseres Landes sind leidenschaftliche Schnäppchenjäger. Aber wer nicht fragen muss, „ob“, sondern „wann“ er seine Urlaubsreise antritt, nicht „ob“, sondern „was“ er auf sein Butterbrot legt, nicht „was“, sondern „wieviel“ er in seinen Einkaufswagen packt, der hat allen Grund, dankbar zu sein.

Der Oktober ist der Monat des „Erntedank“ … dankbar sein für die „Ernte“, die wir in der westlichen Welt einfahren können, ohne an der Aussaat direkt beteiligt gewesen zu sein. „Mega!“ oder „Cool!“, würden meine Heranwachsenden sagen. Was sie wirklich meinen ist „Danke“ – aber auch das Wort an sich ist ein wenig aus der Mode gekommen.

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