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Vom Treffer, dem Narren und anderen Toren

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Da strahlt der Mensch! Juchu – oder Jühü, wie wir neuerdings in Jülich sagen! Der Ball rollt, die Menschen liegen sich in den Armen und singen. Flaggen wehen an Autos und an Hauswänden, Autokorsi ziehen durch die Stadt, und das Hupen zu später Stunde sorgt nicht mal für Verstimmung. Gute Laune ist angesagt: Das Sommermärchen könnte wieder Wirklichkeit werden. So zumindest sieht es nach der EM-Vorrunde aus, die kurz vor Redaktionsschluss zu Ende geht. Und dann nimmt die Fankurve richtig Fahrt auf, wenn der Jubel wie einst von Herbert Zimmermann kommt: „Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ Ist das nicht schön? Nach derzeitigem Stand ist die Nationalelf die torstärkste Mannschaft der Meisterschaft. Vermutlich haben es jetzt wieder alle sofort gewusst. Überraschend nur, das der kümende Fußballbegeisterte erst mit dem Sieg über Schottland so richtig zum Nationalstolz und zur Feierfreude fand. Ein Narr, wer Übles dabei denkt. Apropos.

„Hier steh‘ ich nun, ich armer Tor…“ Der Ausspruch aus Goethes Faust ist inzwischen so in den Sprachgebrauch eingedrungen, dass ihn – geschätzt – 85 Prozent aller Deutschen mühelos vervollständigen können. Der Tor, der arme Narr, der nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, und der „so klug als wie zuvor“ ist. Unverhofft in die vorderste Hirnrinde kam das Zitat der Autorin, als sie die Ergebnisse der Europawahl sah. Fassungslosigkeit machte sich breit. In einem Jülicher Wahlbezirk haben sich über 20 Prozent der Direktwähler hinter einer Partei versammelt, die der Verfassungsschutz beobachtet. Die „Blauen“, wie sie landläufig genannt werden, haben Werte, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung wie Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte gerichtet sind. Sie hat das menschenverachtende Wort der „Remigration“ geprägt.

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Insgesamt ist Jülich im NRW-Vergleich zwar noch – um das Wortspiel zu bemühen – mit einem blauen Auge davon gekommen. Aber es ist wichtig, dass wir in der Stadt der Vielfalt, in der Menschen aus über 120 Nationen zu Hause sind, nicht müde werden. Die Werte wie Freiheit, Gleichheit und die unantastbare Würde des Menschen in den 13 Monaten bis zur nächsten Kommunalwahl aktiv zu vertreten und zu verteidigen, ist Aufgabe aller. Über positive Inhalte, was Demokratie kann und schafft, und nicht durch bloßes „gegen Rechts“ sein. Und das obwohl Goethe seinen Faust im weiteren Verlauf des Zitates sagen lässt: „Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen. Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren, die Menschen zu bessern und zu bekehren.“ Sonst blüht uns das Szenario, das aus einem Klassiker der Fernsehunterhaltung „Geh aufs Ganze“ bekannt ist: „Ich nehme Tor 3!“ Und was verbirgt sich dahinter? Klar! Der Zonk… Die Niete. Denn „nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlachter selber“.

Aber um James Joyce zu zitieren: „Ein Genie macht keine Fehler. Seine Irrtümer sind Tore zu neuen Entdeckungen.“ Wenn – siehe oben – daraus die Entdeckung folgt, dass
Demokratie eben doch wert ist, sich für sie einzusetzen, dann wäre das großartig.

Eine weitere Entdeckung erwartet die Menschen in und um Jülich ab August wieder (siehe S. 7 dieser Ausgabe): die Entdeckung der Geschwindigkeit. Jene nämlich, mit der von links der Rur der Weg wieder in die Innenstadt führt. Das Tor nach Jülich, die Rurbrücke, geht allen Unkenrufen zum Trotz wieder auf – wenn uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt. Und dann kommen die Große-Rurstraße-Nutzenden sofort zum nächsten Tor. Dem „Rurtor“, besser bekannt als Hexenturm. Es ist das einzige verbliebene Stadttor der mittelalterlichen Stadtbefestigung und ein Wahrzeichen der Stadt Jülich. Auf dem vorgelagerten Walramplatz soll nach jüngstem Beschluss im Bauausschuss im x-ten Anlauf jetzt doch ein Supermarkt entstehen. Daran scheiden sich – wie stets in Jülich, wenn es um Stadtentwicklung und Bauprojekte geht – die Geister. Den unverstellten Blick auf das Wahrzeichen forderte der Umweltbeirat, der gleichzeitig den Erhalt der Bäume bedeuten würde. Die Diskussion um diese Fläche geht ins 18. Jahr. Ehe vor zehn Jahren drei Unternehmen ihre Pläne vorstellten, war die Bebauung bereits 2006 in der öffentlichen Diskussion angekommen. Der verstorbene Conrad Doose befürwortete – obschon bekannt als ausgewiesener Denkmalschützer – in einem Leserbrief 2006 eine „teilweise Bebauung des Walramplatzes“. Für die Werbe-
gemeinschaft hatte der damalige Vorsitzende Wolfgang Hommel geäußert: „Es wäre gut, wenn durch Bebauung des nahen Walramplatzes eine Anknüpfung in Richtung Innenstadt gefördert wird.“ Da nicht vor 2025 damit zu rechnen ist, dass der Investor den Bau vollendet hat, könnte das ja nach fast zwei Jahrzehnten Wirklichkeit werden. Denn dann ist auch der Marktplatz als Tor zur Einkaufsstadt wieder offen. Da die „Golden Goal“-Regel ja längst abgeschafft ist, wäre dies quasi in der Verlängerung inklusive Nachspielzeit und Elfmeterschießen das Sommermärchen 2025 für Jülich.


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