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Frei auf der Insel

Bürgermeister Kid A. macht frei auf der Insel

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Urlaub genießt man im Strandkorb | Grafik: HZG
Urlaub im Strandkorb | Grafik: HZG
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Ein Strandkorb ist eine wunderbare Sache. Er spendet Schatten, wenn die Sonne zu vehement auf den mit Sonnenschutzfaktor 30 einbalsamierten Körper des Nordseeurlaubers scheint; er bietet dem genannten Salzwasserfreund Schutz vor erstaunten Blicken beim Wechsel der Badehose (aber nur mit Standort Dünenseite); trotz schreiender Kinder, schimpfender Väter und aufgeregter Mütter ist er inmitten der sorgsam und kreisrund aufgehäuften Sandburg eine Oase der Ruhe; außerdem gibt er dem erholungssuchenden Mieter ein Gefühl der Sicherheit und Behaglichkeit, denn auch im Urlaub gilt: My home is my castle.

Aus diesen und vielen anderen Gründen liege ich seit ca. 10 Uhr in meinem Strandkorb auf einer kleinen, ostfriesischen Insel am Strand (Standort Dünennähe) und bin bemüht, die mir, bis zum Eintreffen meiner Familie gegönnte, Nichts-Tu-Phase so ergiebig wie möglich zu nutzen.

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Ab und zu schließe ich die Augen, um ein wenig zu dösen (auf dieser Insel sagt man „Dornröschenschlaf“). Es gelingt mir  – kein Handy, kein Festnetz, kein Wecker mit off/Snooze- Funktion, keine Ratssitzung, kein Ausschuss, keine Festrede, keine Besprechungen, kein Ärger mit den Fraktionen jeglicher Couleur, keine Aufsichtsräte, keine Baudenkmäler, keine Bauvorhaben, keine Finanzprobleme… nichts, einfach nichts stört mich. Ich lebe hier absolut inkognito und kann an dieser Stelle versichern: Man kann tatsächlich an „Nichts“ denken, wobei böse Zungen behaupten, dies wäre Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Tätigkeit als Kommunalpolitiker.

Doch dann, ganz in meiner Nähe, vernehme ich dieses grausame Geräusch, dieses Geräusch, das man im Standkorb nie hören möchte: Klingelton Nokia Nostalgia!
Mein Handtelefon kann es nicht sein, das habe ich in unserer Ferienwohnung liegen lassen, immer wieder schallt es rüber: Ring Ring… Ring Ring… Ring Ring…

Mein detektivischer Stolz, nein Quatsch, meine Neugier veranlasst mich, mit meinem rechten Auge, vorbei an der linken Seitenwand zu dem vom Meer aus gesehenen, links von mir positionierten Strandkorb zu spinxen … hm … ich erkenne einen angewinkelten Arm, eine massive Kugel, vermutlich ein Männerbauch und ein paar Beine, behaart und bekleidet mit schwarzen Kniestrümpfen sowie zwei mit braunen Sandalen versehene Füße! Kein Kopf- Mist… Ein Ritualmord auf meiner geliebten Insel. Doch dann die Erlösung: „Ja, wat is, Mann, isch bin doch em Urlaub“ – der Torso kann reden, also muss der Kopf noch dran sein. „Pass ma auf, du Vollpfosten mit deiner Vollpfosten UBBV (Unabhängige Bürgerbewegung Volpedorf), wenn ihr Vollpfostenratsmitglieder dem geplanten Industrie- und Handelspark auf der Muscher Höhe nicht zustimmt, dann könnt ihr demnächst bei Priebels Jupp in der Güllegrube planschen gehen, dann könnt ihr euch euer toll geplantes Schwimmleistungszentrum mal janz jehörisch en den Allerwertesten schieben, haste mich verstanden?? Tschöö“

Kurze Pause – „blöd Sau“

Hmm … … UBBV … … Ratsvollpfosten … … Muscher Höhe … … Schwimmleistungszentrum … ohne jetzt deutliche Parallelen zur Herzogstadt Jülich ziehen zu können, bin ich sofort davon überzeugt, dass der sprechende Torso in meiner Nachbarschaft ein Amtskollege sein muss. Aber wie bekomme ich das heraus … genau … Aufmerksamkeit erzeugen. Ich nehme mir den Klappspaten und repariere unter mäßig lautem Seufzen die eine oder andere Stelle unserer Sandburg, … da …  plötzlich steht er vor mir … .

„Morjen … … auch jestern jekommen?“ Vor mir steht ein kleiner, glatzköpfiger, dicker Mann mittleren Alters mit Sonnenbrille. Seine Beine sind so kurz, dass seine schwarzen Kniestrümpfe wie halterlose Strapse wirken … irgendwie lustig … eben der Typ von Mensch, den man sofort duzen will … .

„Nein, wir sind schon 10 Tage hier und fahren morgen wieder nach Hause“, antworte ich akzentfrei.
„Aha, wo kommen Se denn her?“
„Aus Jülich.“

Seine Brust schwillt an, er zeigt auf mich und mit einem Ausdruck der Allwissenheit entgegnet er mir mit tiefer Stimme: „Kenn ich … 7, 8, 9, 10 – Jülich 10 – 69…70…71 deutscher Amateur-meister… – jaja, die konnte keiner schlagen – die hatten bestimmt diese strahlenden Energiekugeln im Hintern… hahahahaha… jut ne?“

„Wat machen Se denn so in Jülich – beruflich?“
Wir setzen uns in den Sand.
„Ich bin Bü… Beamter bei der Stadt.“
„Ach ja, auch schön, wollen Se denn nicht wissen, wer ich bin?? Fragen Se doch einfach mal… hahaha!“ So, jetzt habe ich ihn soweit, mein mir selbst gestelltes Rätsel steht kurz vor der Auflösung.
„Gerne, wer sind Sie denn?“

Mein Gegenüber wechselt den Gesichtsausdruck, er dreht sich zur Seite, legt seinen Kopf über die Schulter, nimmt lässig seine Ray Ban Wayfarer in die Hand und sagt mit coolwirkend veränderter Stimme: „Meister … Bürger Meister… – hahahaha jut ne? Meister … Bürger Meister … Bond … James Bond – is klar ne? … hahaha… jut ne?“

Offensichtlich habe ich ihm mit meiner Frage eine große Freude bereitet, denn der Gute kriegt sich gar nicht mehr ein. „Hahahaha… jut ne … so, Spaß beiseite – mein Name ist Wurstig, Anton Wurstig, ich bin Bürgermeister der kleinen, aber feinen, Stadt Volpedorf, 25 Kilometer hinter Köln… – kennen Se Volpedorf?“

Nun liegt die Allwissenheit bei mir: „Klar kenn ich Volpedorf… Volpedorfer Landbier, Volpedorfer Schützenfest, Volpedorfer Pferdemarkt und natürlich den weltweit sendenden Radiosender Buenos Dias Volpedorf.“ Damit nicht genug – will ich ihm noch schnell einen kleinen Gag präsentieren: „Außerdem ist in Volpedorf ja das neue Endlager für unsere strahlenden Energiekugeln geplant!“
„Hahaha … juter Witz … hahaha, die würden unseren Kreisklassekickern vielleicht mal janz jut tun. Sie kennen sich aber echt aus … nur den Radiosender, den jibt et nicht mehr.

Buenos Dias Volpedorf hat vor 2 Jahren den Betrieb eingestellt. Die Stadt hat daraufhin dat janze Gelände auf der Muscher Höhe jekauft, für en Appel und en Ei … nee wirklich… da standen ja noch die ganzen Sendemasten drauf… 30 – 40 Meter hoch, aus Stahl, die haben wir dann runter geholt und an Chinesen verkauft! Wahnsinn, diese Chinesen.

Die stehen vor Ihnen und sagen: Wolle kaufen Stahl, Pleis egal … hahaha … Pleis … Preis… jut ne? Da hab ich mir gedacht: Okay, wenn Pleis egal, dann bitte noch ein paal Klöten mehl … hahaha jut ne … ein paal Klöten mehl… hahaha… Klöten … Kröten … jut ne … – … So war dat. Jetzt planen wir da einen Industrie- und Handelspark. Dat wird bestimmt janz jut – wenn da nicht diese Idioten – aber egal, wird schon klappen.“

Unbemerkt von uns beiden steht auf einmal meine Frau hinter mir und tippt mir auf die Schulter.
„Ach, hallo Schatz, auch schon da, darf ich vorstellen: Herr Wurstig – Herr Wurstig: Meine Frau Kiddy.“ Meine Frau begrüßt artig Herrn Wurstig mit Handschlag, wendet sich zu mir und bemerkt: „Du, Schatz………du sollst dringend im Büro anrufen, die planen wohl einen Transport der verstrahlten Kugeln, die sollen jetzt woanders zwischengelagert werden … der Ort nennt sich Volpedorf, oder so!!!!“
„Wat is?“, brüllt mein Kollege „Wat is dat jetzt für ne Scheiße wieder!“. In Blitzgeschwindigkeit schnellt er aus dem Schneidersitz hoch, so dass sein medizinballgroßer Bauch zwischen Kinn und Füßen hin und her wabbelt.
„Ich muss weg, ich muss sofort telefonieren.“
„Aber, aber“, beruhigt meine Frau, „Herr Wurstig, ich habe eine ganze Zeit schon hinter dem Strandkorb gestanden und interessiert zugehört. Bitte verzeihen Sie mir doch diesen kleinen Spaß?
„Kiddy, Mädchen – Se sind zu jebrauchen … hahaha … jut ne … so, ich bekomme Hunger, hab ich immer, wenn ich mich aufrege, mal gucken, wo et hier ne ordentliche Bratwurst jibt. Wie sagt man immer so schön: Nomen esst Omen … hahahaha… jut ne!“

Wir verabschieden uns und ich setze mich wieder in unseren Strandkorb. Morgen geht es nach Hause! Ich schließe die Augen und bevor ich im „Nichts“ verschwinde, denke ich an unsere Merscher Höhe. Auch in Jülich gab es mal eine Sendeanlage. Schade, dass sie nicht mehr da ist. Als Kind habe ich Urlaubsrückreisen nicht gemocht, aber die Momente, wenn die kleinen roten Lichter am Nachthimmel auftauchten werde ich nie vergessen, denn dann wusste ich:

Da ist Jülich.


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