
Es reicht ein Augenblick, und schon ist ein Urteil gefällt: Der Mann, der sich an der Supermarktkasse vordrängelt, ist rücksichtslos. Die Frau, die mit gerunzelter Stirn dasitzt, hat schlechte Laune. Und wer uns ähnlich ist, erscheint uns auf Anhieb sympathischer.
Drei Situationen, drei schnelle Bewertungen – und möglicherweise liegen wir drei Mal falsch. Denn was wir für eine objektive Wahrnehmung halten, eine Beschreibung des Gesehenen und Erlebten, ist bereits eine Interpretation. Genau diesem „Autopiloten im Kopf“ widmete sich Psychologin Martha Röttger beim 28. Hospiztag der Hospizbewegung Düren-Jülich im Notfallbildungszentrum Eifel-Rur.
„Wir bewerten Informationen, die wir nicht haben. Wir kategorisieren Menschen in Sekundenbruchteilen“, erklärte Martha Röttger. In ihrem Vortrag und dem interaktiven Workshop zeigte sie anhand vieler konkreter Beispiele und Arbeitsaufgaben auf, wie Denkmuster unser Wahrnehmen, Bewerten und Handeln beeinflussen – und wie wir lernen können, sie bewusster zu hinterfragen.
Es geht darum, eine Extrarunde zu drehen, um den Kurs des Autopiloten zu justieren. „Autopilot an – und Haltung richten“, nennt es die Psychologin. Leicht wird diese Übung im Alltag aber nicht.
Unser Gehirn steht nämlich vor einer gewaltigen Aufgabe: Es wird ständig mit Millionen von Informationen konfrontiert, kann aber nur einen Bruchteil davon bewusst verarbeiten. Damit wir trotzdem handlungsfähig bleiben, sortiert und kategorisiert es permanent. Es filtert Informationen, ergänzt Lücken und greift auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zurück.
Das menschliche Gehirn ist Meister darin, aus wenigen Infos eine scheinbar schlüssige Geschichte zu kreieren. Das macht uns schnell handlungsfähig und ist grundsätzlich sinnvoll. Doch genau darin liegt auch die Gefahr: „Unser Gehirn bildet niemals die Realität ab, es interpretiert sie nur“, erklärte Martha Röttger.
Die erste Wahrnehmung wird zur Bewertung, ihr können Handlungen und Entscheidungen folgen. Und aus unseren Entscheidungen und unserer Haltung heraus kann eine Diskriminierung entstehen. „Menschen beeinflussen sich gegenseitig. So kann aus einer Haltung zunächst ein Muster werden, das eine gesellschaftliche Struktur festigt und zur Entstehung sozialer Ungerechtigkeiten beiträgt“, führte die Expertin weiter aus.
Dies geschieht beispielsweise bei Stereotypen: Menschen werden innerhalb von Sekunden bestimmten Kategorien zugeordnet: alt oder jung, Mann oder Frau, fremd oder vertraut. Vorstellungen über Gruppen werden auf einzelne Menschen übertragen.
Solche Denkmuster sind nicht einfach persönliche Eigenschaften. Sie entstehen über Erfahrungen und Lernen und sind teilweise über Generationen hinweg gesellschaftlich und kulturell geprägt. Mit konkreten Auswirkungen auf unser Zusammenleben.
Unsere Denkmuster, auf die der Autopilot zurückgreift, entscheiden unterbewusst mit darüber, wem wir gerne und aufmerksam zuhören, wem wir freundlich und offen begegnen – oder warum wir anderen Menschen gegenüber zurückhaltender oder gar abweisend sind. „Es ist menschlich, dass solche Prozesse passieren“, sagt Martha Röttger. Menschlich bedeute allerdings nicht automatisch, dass die daraus entstehenden Entscheidungen gerecht oder richtig sind.
Was also tun? Martha Röttger empfiehlt nicht, jeden Gedanken permanent zu analysieren. Vielmehr geht es darum, an entscheidenden Stellen einen „zweiten Blick“ einzuschalten. Was habe ich tatsächlich beobachtet – und was habe ich bereits interpretiert?
Das kostet mehr Aufmerksamkeit und Energie, ermöglicht aber, die erste Bewertung zu überprüfen, Menschen offener zu begegnen. Für Martha Röttger geht es um nicht weniger als eine der grundlegenden Fragen des Zusammenlebens: „Wir brauchen einander, um mental und allgemein gesund zu bleiben“, ist sie überzeugt. Gemeinschaft und bewusste Selbstreflexion können helfen, den eigenen Autopiloten nicht abzuschalten – sondern bewusster mit ihm umzugehen.
Das Interesse am interaktiven Workshop war so groß, dass alle Plätze im Vorfeld schnell vergeben waren. Für Dr. Detlef Struck, den Vorsitzenden der Hospizbewegung, ist dies ein gutes Zeichen: „Wir möchten auch mit solchen Formaten mehr Menschen erreichen und in allen Generationen besser wahrgenommen werden. Unsere Themen sind nicht erst auf dem letzten Stück des Lebens relevant“, betonte er.
Auch Paul Larue dankte als Schirmherr der Veranstaltung der Hospizbewegung dafür, dass sie Diskussionen über Themen anrege, die für unser Zusammenleben in allen Lebensphasen von großer Bedeutung sind.


















