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Kunstvoller Wechsel

Nach 12 Jahren legt Kirsten Müller-Lehnen die Geschicke des Kunstvereins Jülich in bewährte Hände: Peer Kling hat den Vorsitz übernommen, der bereits der Ende der 1990er Jahre bis 2005 schon einmal den Posten inne hatte. Blick zurück und Blick nach vorne. Drei Fragen zum Spitzenwechsel.

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Für Ausstellungen öffnete der Kunstverein Jülich die Tür zum Hexenturm. Foto: Dorothée Schenk
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Kirsten Müller-Lehnen, was war das Schönste oder Bewegendste in den vergangenen 12 Jahren? 
Es gibt keine Prioritätenliste, aber beeindruckt hat mich oder haben mich die Ausstellungen, die mit vorherigen Besuchen in den Ateliers der bewerbenden Künstlerinnen vorbereitet wurden. Sie haben das Spektrum geöffnet, in welcher Form Kunstproduktion stattfindet. Das hat meinen Blick auf Kunst verändert und gleichzeitig eine persönliche Beziehung zu den Kunstschaffenden entwickelt. Die Auswahl der dann präsentierten Arbeiten sollte den Möglichkeiten des Hexenturms entsprechen und das wiedergeben, was die Anliegen der KünstlerInnen zum Ausdruck bringt. Beeindruckt hat mich, wenn wir gemeinsam aufgebaut haben, sachkundig durch Hans Peter Bochem und Rolf Grigoleit unterstützt, dass sich der Hexenturm häufig völlig verändert hat. Manche Künstlerinnen haben über ein Jahr extra Rauminstallationen entwickelt, um das möglich zu machen.

Kirsten Müller-Lehnen. Foto: tee

Dann die Zusammenarbeit mit den Vorstandskollegen und -kolleginnen: Peer Kling hat mich in den Kunstverein geholt. Wir haben uns immer in den Privathaushalten getroffen, zu Anfang hauptsächlich bei Rudolf Vaasen und bei Jens Dummer, deren Ateliers ich nicht nur kennenlernen durfte, sondern auch in vielen Diskussionen in die Gedankenwelt der Kunstentwicklung eingeführt wurde. Für mich hat sich damit eine neue Welt eröffnet. Dass es dann auch jemanden gab, der das Geld dafür besorgte und dem Verein rechtliche Stabilität gab, war großartig. Von unserem Schatzmeister Jürgen Dornseiffer, Schatzi, wie Peer ihn nennt, habe ich Vereinsstrukturen gelernt und erfahren, was gegenseitiges Vertrauen bewirkt. Antje Goedeking, als damalige Schriftführerin, heute macht das Rosemarie David, hat mit ihren Kenntnissen der Abläufe zu all dem beigetragen. Ob mit Jens, Birgit Leyens, Dieter Laue oder mit Michael Küpper im Team des zweiten Vorsitzenden, es wurden immer in Aussprachen intensive Diskussionen geführt und dann gemeinsam mit allen Vorstandsmitgliedern entschieden. Nach wie vor zu Tisch bei dem jeweils Einladenden mit leckerem Essen und guten Weinen.
Soviel Verantwortungsbereitschaft, Lust an der Kunst und gegenseitiger Wertschätzung „auf einem Haufen“, das war und ist der Kunstverein für mich.

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Peer Kling, was kommt schönes, interessantes, bewegendes auf die dem Kunstverein zugeneigten Jülicher zu?

Peer Kling. Foto: tee

Ich bin nur Katalysator, wir vom Vorstand sind keine Alleinunterhalter. Die Substanz, also das Schöne, Interessante und auch das Bewegende im Sinne von Emotion und Leidenschaft, aber auch im Sinne von „Tu doch ‚was“, muss schon auch aus dem Verein als Ganzes kommen. Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Karteileichen bringen 20 Euro im Jahr, aber weder Tatkraft noch Esprit.
Dann: Corona lähmt den Kunstverein. Die Mitglieder können sich nicht treffen und sie können sich auch nicht anrufen, denn durch den Datenschutz schützen wir uns vor uns selbst. Dabei gäbe es soooo viele Anregungen, Hinweise, Austauschmöglichkeiten wie etwa: „Soll ich Dir mal meine DVD über Gerhard Richter ausleihen?“ Bei 270 Mitgliedern gibt es 36.315 verschiedene Zweierbeziehungen. Und wir machen nichts daraus, sitzen daheim und jammern. Also, ich werde alle Mitglieder bitten, ihre Namen mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse untereinander zugänglich zu machen. Ich werde alle ermuntern, über E-Mail erreichbar zu sein. Wir waren gezwungen, die Hauptversammlung zu verschieben. Das bedeutete 270 mal gelbe Post, statt einmal den Knopfdruck auf „senden“.
Ansonsten bin ich wie Beikircher „ganz meiner Meinung“: „Am schönsten is et, wenn et schöööön is.“ Und natürlich auch interessant und bewegend.

Kirsten Müller-Lehnen, was würden Sie Peer Kling als neuem Vorsitzenden gerne mit auf den Weg geben?

Peer kennt den Laden, es ist der beste „Wiedereinstieg“, den ich mir vorstellen kann. Eine Idee, die bereits Bürgermeister Axel Fuchs vorgetragen wurde, ist die Nutzung eines Raumes im Kulturhaus als Büro für den Kunstverein. Hier könnten alle Unterlagen und das „Tafelsilber“ des Kunstvereins, das sind übereignete Werke der KünstlerInnen, die in Privathaushalten verstreut lagern, zusammengeführt werden. Das Museum ist in die Realschule gegangen, der Platz wäre jetzt frei. Es könnte losgehen.

Peer Kling, was haben Sie an Ihrer Vorgängerin als Vorsitzende besonders geschätzt?

Mit einem Wort: Ihr Wesen, ihr Mensch-Sein, die respektvolle Liebe anderen gegenüber, die Empathie und den Vorschuss an Vertrauen. Sie ist durch die harte Schule des Lebens gegangen, hat in den Kinderjahren die Ausbombungen und die Hungerjahre in Hannover erlebt. Nach der Ausbildung an der Werkkunstschule und Berufsjahren als Innenarchitektin ging sie nach Berlin und wurde Soziologin. Sie ist ein „Phönix aus der Asche“, hat seit 1982 ihre soziale Kompetenz in Jülich zum Wohle der Altenhilfe, der Nichtsesshaften und der Behinderten gelebt. Es folgten 5 Jahre in Verbindung mit der Frauen-Gleichstellungsstelle und 12 Jahre als Frauenbeauftragte in Aachen, danach 12 Jahre Kunstverein. „12 ist meine Zahl“, sagt sie. Und ich sage: „Zwölf sind zweimal 6 Richtige.“ Ich bewundere, wie ein Mensch bei einem Leben in Zwölftonmusik so viel Harmonie ausstrahlen kann.
Und ich sehe die letzten 12 Jahre des Kunstvereins als Erfolgsgeschichte eines tollen Teams mit dieser so sanften wie gefestigten Führungsfigur an der Spitze.

Kunst ist für mich…

Kirsten Müller-Lehnen: …die Möglichkeit, die Sinneseindrücke der Zeit zu verarbeiten, …sich der eigenen Existenz in der Begegnung mit anderen bewusst zu werden, …gestaltend Position zu beziehen
Peer Kling: 
… eine Art zu leben oder neudeutsch eine gute App für’s Hirn, um mit dem Leben klar zu kommen, ganz im Sinne von Pablo Picasso: „Die Welt von heute ergibt keinen Sinn, also warum sollte ich Bilder malen, die das tun?“


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