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Der Hirsch und das Mädel

Wenn am kommenden Wochenende, 15. und 16. Juni, jeweils von 11 bis 18 Uhr wieder bis zu 30.000 Gäste beim 26. Jülicher Kunsthandwerkerinnenmarkt erwartet werden, gehört der Stand der Jülicher Kunsthandwerkerin Elfi Essling zu denen, die stets dicht umringt exklusive Unikate präsentieren. Mit ihrem Label „Hirschmadl“ feiert sie in diesem Jahr ihr erstes Jubiläum: vor zehn Jahren begann die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte ihrer Produkte und deren Reise in und um die ganze Welt…

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Elfi Essling in ihrem Ausstellungsraum - einem um- und ausgebauten Bauwagen. Foto: Veranstalter
Elfi Essling in ihrem Ausstellungsraum - einem um- und ausgebauten Bauwagen. Foto: Veranstalter
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Irgendwann im Jahr 2009 sitzt Elfi Essling zuhause in Kirchberg, in der Hand eine ihrer Wohnzeitschriften, die sie ebenso liebt wie alles rund um Trachten, Radfahren, Yoga, Joggen, leckeres Essen mit Freunden und viel Lachen. Sie entdeckt einen Artikel über eine Berghütte, dekoriert mit Hirschgeweihen – und bei Elfi Essling macht es „Klick“. Sie ertappt sich dabei, wie sie immer wieder die Kontur des Hirschkopfes auf ein Blatt Papier malt – und plötzlich hat sie eine Idee: sie schneidet ein Hirschgeweih aus Stoff aus und näht es auf ihre Lieblingstasche. „Hirsche fand ich schon immer toll und ein Mädel bin ich ja, so entstanden Name und Logo“, erinnert sich Elfi Essling an den ersten Impuls. Dem vorausgegangen waren viele Jahre, in denen sich die gelernte Bürokauffrau nach der Geburt ihrer Tochter Kyra Sophie zuhause mit dem Nähen von Kinderkleidung beschäftigte und sich aus den Resten Taschen für den Eigengebrauch nähte. Ihre Lieblingstasche entstand einst aus einem alten Seesack, den sie auf einem Flohmarkt fand – und genau diese im Laufe der Jahre immer wieder umgestaltete Tasche war es, die als erste das prägnante Hirschgeweih aufgenäht bekam – nicht ahnend, damit eine „Marke“ losgetreten zu haben.

Unterwegs in Maastricht, besucht Elfi Essling eines Tages ein Schmuckgeschäft, dessen Inhaber üblicherweise durch die Welt reist und für seinen Laden Ware einkauft, die zu seiner Ausstellung passt. Mit Elfi Essling und ihrer geschulterten Seesack-Tasche kommt jedoch auf einmal ein für ihn passendes Exponat direkt und von ganz allein durch die Tür. Er ist erstaunt, mit Elfi Essling die Produzentin direkt vor sich zu haben und bestellt sofort 20 Exemplare – „koste es, was es wolle – und so fing alles an“, schmunzelt Elfi Essling. Das passte gefühlt in ein Konzept, das es bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht gab. Sie fährt zurück nach Jülich und näht Tasche um Tasche. „Ich wusste nicht, wohin die Reise führen sollte, aber ich wusste: es ergibt sich immer etwas“.

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Von Anfang an entstehen nur Einzelstücke, was meist in der Natur des Upcyclings liegt: aus alten Dingen zusammengefügt etwas Neues und viel Schöneres entstehen zu lassen – Auf- statt Wiederverwertung. Und so bestellt sie nun Seesäcke und Stoffe in aller Welt, nutzt ihre persönliche Verbindung zu einem Laden in Indien als Quelle exotischer Stoffreste alter Sari-Gewänder. Sie organisiert Stoffe aus Afrika, britische Helmtaschen – je ausgefallener, desto besser. „Alles, was mir unter die Finger kommt, wird vernäht: Reißverschlüsse, Seile, Ketten, Nieten, Knöpfe, Netze, Puschel, Bommeln, Bänder oder Borten.“ Besonders gefragt sind immer wieder die alten Seesäcke aus aller Welt mit ihren oftmals noch erhaltenen einzigartigen Markierungen und Nummerierungen – Unverwechselbarkeit ist auch hier Programm und fügt sich ideal ins Konzept. Und so entstehen in den zehn Jahren ganz viele Taschen, die alle anders sind – und doch untrüglich die Handschrift von „Hirschmadl“ Elfi Essling tragen.

Der Hirschkopf gehört zu ihren „Markenzeichen“ und wird vielfach vernäht. Foto: Veranstalter
Der Hirschkopf gehört zu ihren „Markenzeichen“ und wird vielfach vernäht. Foto: Veranstalter

„Es haben sich mal zwei einander nicht bekannte Frauen auf einem Flughafen getroffen und bei der jeweils anderen eine von mir genähte Tasche erkannt“, freut sie sich und weiß noch mehr kuriose Geschichten darüber zu erzählen, wie ihre Unikate in und um die Welt reisen – gern als Handgepäck in Flugzeugen, „weil sie robust sind und viel reinpasst und sie sich so in jede Lücke im Gepäckfach quetschen und ob ihrer Unverwechselbarkeit gut wiederfinden lassen“. Ihre Taschen sind in Barcelona, Nordamerika, Italien und der Schweiz unterwegs. „Mir wurde sogar schon mal eine Tasche direkt von der Schulter abgekauft, ich habe sie gegen eine Einkaufstüte eingetauscht – plus einen Gürtel. Und unsere Lampe im Wintergarten ist ebenfalls das Ergebnis eines Tauschgeschäftes.“

Bunte Muster, Blumen, Elefanten, Hirsche (natürlich!) – die Zahl der Motive und miteinander kombinierten Stoffe, Pailletten und Applikationen kennt kein Ende. Schnittmuster -Fehlanzeige! Als Tochter einer Schneiderin gesteht sie, Mustern nichts abgewinnen können. Zwar hat sie sich das Handwerk abgeguckt – „aber meine immer unikaten Produkte entstehen ganz musterlos. Ich greife einfach Stoffe und es passt – ich habe alles im Kopf“.

Manchmal sieht etwas bewusst schief gesetzt aus, manchmal wie absichtlich mit Macken versehen. Genau das ist so gewollt und macht ihre Produkte einzigartig: „Das Perfekte liegt im Unperfekten“, weiß Elfi Essling, für die das Wort „Macke“ eher Kompliment denn Tadel ist. Und so wundert es nicht, dass Nähen auf Bestellung überhaupt nicht funktioniert – es ist dann ja nicht aus ihrem Kopf…

Inspirationen findet sie überall, sie ertappt sich immer wieder dabei, dass sie den Frauen auf ihre Handtaschen schaut – „Nicht, ob das eine von mir ist, sondern mich fasziniert die Verschiedenartigkeit der Materialien und Formen – und mich interessieren die verarbeiteten Stoffe und Accessoires. Eine Offenbarung war einmal eine alte Patchworkdecke, die wir im Urlaub entdeckt haben, da ließen sich so viele schöne Taschen mit aufwerten“, strahlt sie bei der Erinnerung daran.

Mit ausgefallenen Stoffen und Materialien wird jedes Produkt aufgewertet. Foto: Veranstalter
Mit ausgefallenen Stoffen und Materialien wird jedes Produkt aufgewertet. Foto: Veranstalter

Ihr „Wir“ umfasst dabei neben Tochter Kyra Sophie auch Ehemann Olaf – seit Teeangerzeiten an ihrer Seite, glaubhafter Zeitzeuge ihres schon immer ausgeprägten individuellen Kleidungsstils und stolzer Besitzer gleich mehrerer Hirschmadl-Taschen. Mittlerweile sind auch Männer unter ihren Kunden – oft im Auftrag von Frauen, aber immer wieder auch für den Eigenbedarf. Da muss es dann nicht so glitzern und vor Farben strotzen, doch Elfi Essling findet auch hier Mittel, die Exponate einzigartig zu gestalten. Neben der Taschenproduktion sind im Laufe der Jahre auch Jacken entstanden – gleiches Konzept, gleiche Stoffe, gleiche Produktion – aber eben zum Anziehen und nicht zum Umhängen. Auch hier zeigt sich die unverwechselbare Handschrift – robust und einzigartig.

Mit der gemeinsamen Tochter hat der in einem „Zahlenjob“ tätige Olaf Essling direkt neben dem Wohnhaus einen alten Bauwagen als Ausstellungsraum ausgebaut, nachdem die Kundschaft immer zahlreicher durch die Wohnung bis zur Nähmaschine seiner Frau Schlange stand. Kyra Sophie steht ebenfalls hinter der Familien-Philosophie, ihre Kreativität kanalisiert sie jedoch statt an der Nähmaschine in Fotografie; dazu malt und schreibt sie – und ist natürlich beratend tätig, wenn sie ihre Mutter auf einen der fünf bis acht Märkte deutschlandweit begleitet, die sie jedes Jahr unter den vielen Bewerbungen auswählt, die auf ihren Tisch flattern.

Seit einigen Jahren mit dabei: der Jülicher Kunsthandwerkerinnenmarkt. „Solch einen tollen Markt gibt es kein zweites Mal. Da freue ich mich wirklich das ganze Jahr drauf. Das interessierte Publikum kommt von weit her, findet hohe Qualität vor, braucht keinen Eintritt zu bezahlen, es herrscht gute Stimmung bei jedem Wetter – das gibt es nur in Jülich!“ Schade sei nur, dass so wenig Zeit sei, um selber zu gucken, was die anderen 249 Austellerinnen kunsthandwerklich hergestellter Unikate anbieten.

Das Geschäft in Maastricht lässt sich zehn Jahre nach dem Erstkontakt immer noch beliefern – und verkauft dort die Taschen zu einem Mehrfachen des Preises. „Ich bleibe jedoch im Verkauf an ihn und alle Kunden bei meinen festen Preisen wie in den Anfangsjahren, die sich jeder leisten kann, das gehört mit zu meinem Konzept“, lächelt sie und freut sich, wenn ihr eine Kundin erzählt, dass sie nun stolze Besitzerin einer Zweittasche ist oder sich ein junges Mädchen das Taschengeld dafür zusammengespart hat. „Was ich da an Herzblut reingesteckt habe, habe ich schon mehrfach zurückbekommen durch solche Geschichten – dafür mache ich das, immerhin steckt in jeder Tasche auch ein Stück Elfi Essling, das ich mit dem Verkauf mit verschenke“.

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