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Es ist oft eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Das gilt für das Berufsleben, Familienleben und eben auch das Ehrenamt. Gisela Kohl-Vogel ist Unternehmerin, Mutter und seit vier Jahren Präsidentin der Industrie- und Handelskammer.

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Gisela Kohl-Vogel. Foto: IHK Aachen
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Als Firmengründer Willi Kohl zu seiner Tochter – nach der Ausbildung im elterlichen Betrieb und mit dem Studienabschluss BWL in der Tasche – sagte, „dann kommst Du jetzt ins Unternehmen“, wehrte diese deutlich ab: „Nein, das will ich mir nicht vorstellen,. Ich möchte erst etwas ganz anderes machen.“ Schließlich hatte Gisela Kohl-Vogel ihre Eltern immer viel Arbeiten sehen: „Mein Vater kam immer spät nach Hause, ist um 9 Uhr auf der Couch eingeschlafen – das Leben wollte ich zunächst nicht“, sagt sie und ergänzt schmunzelnd: „Aber meistens kommt es anders.“

Dass es anders kam liegt nun schon 25 Jahren zurück. Als der Vater unheilbar erkrankte wurde in der Familie entschieden, dass die Schwestern Gisela und Margit die Geschäftsführung übernehmen sollten. Also kündigte die Betriebswirtin dem damaligen Arbeitgeber und wechselte ins „Mutterhaus“ nach Aachen. „Ich habe das nie bereut. Aber ich habe schon manches Mal zu meiner Schwester gesagt: Guck, jetzt sitzen wir hier bis in die Puppen! Aber dann macht es ja auch Spaß, sich selbst durchzusetzen, Ideen zu entwickeln und umzusetzen.“

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Gisela Kohl-Vogel ist beruflich schon immer in einer ausgesprochenen Männerdomäne im wahrsten Sinne unterwegs: PS sind ihr Geschäft. In der Automobilbranche sind Frauen nach wie vor die Ausnahme – erst recht in Führungspositionen. Das bremste die Mitt-Fünfzigerin aber nicht aus, im Gegenteil. „Mobilität ist gut“ sagt sie und lacht verschmitzt. „Wir sind in einer Zeit groß geworden, in der Autofahren üblich war – ganz anders als in den vergangenen acht bis zehn Jahren.“ Vor großen Herausforderungen steht die Branche bekanntermaßen und letztlich ist die Unternehmerin nicht nur für sich, sondern auch für die rund 450 Mitarbeiter an vier Standorten der Region mit verantwortlich.

Darüber hinaus ist Gisela Kohl-Vogel „die Stimme“ für rund 82.000 Unternehmen in der Städteregion Aachen und in den Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg. 2019 wurde sie in der 215-jährigen Geschichte der Industrie- und Handelskammer als erste Frau zur Präsidentin gewählt. Was für ein solch repräsentatives Amt notwendig ist? „Es ist der gesunde Menschenverstand, Kenntnisse in betriebswirtschaftlichem Handeln und das eigene Zutrauen. Es gibt sicher einige, die es gut könnten“ ist die gebürtige Aachenerin überzeugt, „aber vielen reicht die ,zweite Reihe’.“ Frauen, die sich zutrauten solche Aufgaben übernehmen, würden in der Regel 100 Prozent geben wollen. „Da sehe ich den Unterschied zum Mann, der vielleicht schneller zusagt und am Ende hat er die Mehrbelastung nicht richtig eingeschätzt und dann leidet etwas.“ Insgesamt wurde die IHK-Vollversammlung mit der Wahl Ende 2021 deutlich weiblicher: Der Frauenanteil stieg um 21 Prozentpunkte auf 34 Prozent. „Diese Entwicklung ist sinnvoll, weil in unserer Region jeder dritte Geschäftsführungsposten von einer Frau bekleidet wird“, hatte Gisela Kohl-Vogel zum Antritt der zweiten Amtszeit erklärt.

Die Entscheidung für die Präsidentschaft war auch eine Frage des Zeitpunkts: „Ich hätte das Amt vor 10 Jahren nicht übernommen, weil meine Kinder noch zu klein waren. Man kann nicht abends in Veranstaltungen sein, wenn man als Mutter zu Hause gebraucht wird.“ Mit 17 Jahren waren ihre Zwillinge aber soweit selbständig, dass sich der Freiraum bot. Familie ist nicht nur unternehmerisch etwas, was für Gisela Kohl-Vogel Bedeutung hat: „Ich habe immer gesagt: Ich will nicht wegen der Firma auf Kinder verzichten und irgendwann erkennen, jetzt ist es zu spät dafür. So wichtig kann auch der Familienbetrieb nicht sein.“ Darum hat sie mit ihrer Schwester die Führungsebene verändert – etwa einen Personalleiter und einen Controller eingestellt – und ihre Ehepartner ins die Geschäftsführung geholt. „Ich glaube, wir kommen in eine neue Welt“, sagt die Unternehmerin gestützt auf ihre Erfahrungen als Arbeitgeberin: „Männer sind heute häufiger in einer stressigen Situation, weil sie ihren korrekten Job stehen müssen und auf der anderen Seite gesteuert werden von zu Hause, wo sie im Haushalt und bei den Kindern Aufgaben mit übernehmen – das zerreißt sie genauso wie die Frauen. Ich glaube, wir kommen gerade in so eine Phase, wo zu Hause auch Gleichberechtigung herrscht.“

Die habe es im eher traditionellen Elternhaus noch nicht gegeben. Der Vater sei „vom alten Schlag“ gewesen und der Überzeugung: Mädchen brauchen kein Abitur, sie können doch heiraten. Hier habe die Mutter vehement widersprochen: „Wenn die Lust haben zu lernen, können sie lernen, so lange sie möchten.“ Mit großer Achtung und Bewunderung spricht Gisela Kohl-Vogel von ihrer Mutter, die mit 13 Jahren schon die Schule verlassen und Geld verdienen musste – dabei wollte sie so gerne lernen. Erst mit ihren drei Töchtern erfüllte sie sich diesen Traum und drückte „mit ihnen“ die Schulbank: In der Abendschule holte sie nicht nur die mittlere Reife und das Abitur nach, sondern sattelte den „Betriebswirt des Handwerks“ oben drauf. So gerüstet übernahm sie einen Teilbereich der Kohl-Automobil-Gruppe. „Ich war stolz auf meine Mutter, wie sie sich herausgearbeitet hat“, das habe sicher Einfluss auch auf ihren Werdegang gehabt.

Letztlich sei aber für die Übernahme einer Führungsposition entscheidend, dass man „Begeisterung und Interesse am Menschen“. „Ich brauche Begeisterung, wenn ich etwas gestalten möchte“, sagt Gisela Kohl-Vogel und die Erkenntnis: „Man ist als Selbständiger nie fertig!“

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Dorothée Schenk
Freie Journalistin, Redakteurin (gelernt bei der Westdeutschen Zeitung in Neuss, Krefeld, Mönchengladbach) und Kunsthistorikerin (M.A. in Würzburg) Gebürtige Sauerländerin und Wahl-Jülicherin.

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