Demokratie, Chancengleichheit und Integration. Es geht Doina Rück vor allem um Menschen; solche, die Unterstützung brauchen, aber auch Ermutigung, sich selbst zu trauen, Wort und Meinung zu ergreifen. So lange tut sie es bei der Demo für Demokratie, als Vorstand im AK Asyl, beim PolitTalk des HERZOG-Magazins. Dabei ist sie selbst der Inbegriff von Integration: Die gebürtige Moldavierin gründete mit einem Wissenschaftler aus Kamerun eine Familie, absolvierte ihr Soziologie-Studium in Deutschland und ist längst in Jülich als Lebensmittelpunkt angekommen.
Aufgewachsen ist Doina in einem 4000-Seelen-Ort rund 18 Kilometer von der moldavischen Hauptstadt Chișinău entfernt in den Zeiten des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Es war eine Zeit der Entbehrung. „Wir haben auch Hunger erfahren. Das glaubt man nicht! Mitten in Europa in den 1990er Jahren.“ Die Mutter war Musikerin, der Papa Direktor in einem Kunsthaus. Zwei Jahre bekamen die Eltern kein Gehalt, da war es ein Glück, dass der Großvater Landwirt war. Er konnte drei- bis viermal im Monat mit einem vollgeladenen Wagen wichtige Grundnahrungsmittel bringen – einmal sogar ein geschlachtetes Schwein. Eine schwierige Zeit, geprägt vom familiären Zusammenhalt. „Ich hatte immer sehr starke weibliche Vorbilder in meiner Familie.“ Konkret waren es ihre Mutter, Tante und auch die Großmutter.
Schon früh war Deutschland das Land, in dem sie leben wollte. Warum? Doina Rück lacht: Sie hatte in einer alten Enzyklopädie einen ICE gesehen. „Ich war immer wieder so begeistert von diesem Zug, wie schnell der fährt. Und ich habe zu meiner Oma gesagt: ,Ich werde in diesem Land leben, da, wo diese schnellen Züge fahren.‘“ Der Schritt nach Deutschland war also keine Flucht. Die Neugier trieb Doina Rück, der Wunsch, eine andere Welt und vor allem Kultur kennenzulernen. 2004 kam sie nach Deutschland. 19 Jahre alt. Sie wollte studieren, und zwar Soziologie. Erste Station war Bielefeld.
Und dann brach im Oktober der Irak-Krieg aus. Es war für Doina Rück die Initialzündung für ein Engagement, das bis heute anhält. „Ich habe diese Bilder gesehen und es hat mich so berührt. Ich habe mich so hilflos gefühlt und gedacht: ,Was kannst du denn machen?‘“ Aus der Frage wuchs eine Fortbildung für Arbeit mit Menschen mit Traumata. Ganz praktisch geprägt organisierte sie eine Spielgruppe. Die Mütter sprachen weder Deutsch noch Englisch, sie seien vor allem erschrocken gewesen. Die Verständigung hat dennoch irgendwie geklappt, denn „Babys spielen, sie brauchen nicht viel Sprache“ und bildeten so die Brücke. „So hat eigentlich mein Weg in die politische Arbeit begonnen.“
An der Uni lernte sie Kommilitonen aus Jordanien, Ägypten und Israel kennen – auch viele arabische Studenten aus Israel. Menschen, vor denen ihre Eltern sie gewarnt hätten. Sie haben gesagt, sie solle aufpassen: „Das sind Terroristen.“ Das lässt sie heute noch mit dem Kopf schütteln. „Diesen Rassismus gibt es in allen Gesellschaften – also es gibt das nicht nur in Deutschland.“ Und ergänzt lächelnd: „Sie lachen ja wie wir.“ Übrigens auch Menschen aus Kamerun: Denn in Bielefeld begann auch der Weg ins private Glück. An der Uni lernte sie den Mann fürs Leben kennen, den Vater ihrer Töchter.
2016 zog die Familie nach Jülich. Ursprünglich wegen der Forschung ihres Mannes. Inzwischen ist Jülich die Wahlheimat, in der sie viele Freundschaften und ihr Engagement gefunden haben. Doina Rück engagiert sich in Vereinen, in Projekten, im Deutschen Afrika Kompass, bei Kultur ohne Grenzen. 2020 wurde ein von ihr koordiniertes Projekt mit einem Preis von Engagement Global ausgezeichnet. Beruflich arbeitet Doina Rück, die inzwischen fünf Sprachen spricht, als Sozialarbeiterin in Düsseldorf und in Jülich – hier in der Offenen Ganztagsgrundschule an der Nordschule.
„Ich bin nicht die Art Mensch, die gerne im Mittelpunkt steht. Es geht mir darum, die Menschen zu empowern, etwas zu bewirken.“ Wichtig ist ihr, die Menschen zu ermutigen, selbst aktiv zu werden – „speziell Frauen“. Das gelingt offenbar nicht nur bei den eigenen Töchtern, sondern über die Familie hinaus. Zwei Ukrainerinnen, erzählt sie, seien bei einer Veranstaltung auf sie zugekommen und hätten ihr gesagt: „Wir wollen von dir lernen“ – von ihrer Art zu reden, ihrer Haltung und ihrem Humor.
Doina Rück selbst ist darüber eher verwundert als stolz auf die Anerkennung und ihre Leistungen. Sei es, wie es sei und auch wenn sie es selbst so nicht formulieren würde: Doina Rück hat schon jetzt ihr Ziel erreicht – und arbeitet weiterhin daran.



















