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Macht Stroh zu Gold

Prof. Wolfgang Marquardt: Und lässt fünfe grade sein.

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Wolfgang Marquardt | Foto: Schenk+Schenk
Wolfgang Marquardt | Foto: Schenk+Schenk
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„Zukunft ist unsere Aufgabe“ heißt vollmundig das Leitwort des Forschungszentrums Jülich. Seit Juli 2014 ist Prof. Wolfgang Marquardt Vorstandsvorsitzender. Er hat den Nachbarschaftsdialog angestoßen, saß bei der Kleinen Nacht der Wissenschaft zum Thema „Zukunftsstadt 2030+“ mit im Kulturbahnhof auf dem Podium. So richtig kennen ihn die Jülicher noch nicht. Eine Begegnung.

Herzog: Seit 17 Monaten sind Sie der „neue Nachbar“. Wie müsste ein Kennenlernfest aussehen, auf dem Sie sich wohlfühlen?

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Marquardt: Es ist garantiert mehr Grillfest als Sektempfang. Auch wenn ich nicht in Jülich lebe, ist es mir wichtig, eine gute Nachbarschaft zu pflegen. Gegenseitig auf Tuchfühlung zu gehen und eben auch Möglichkeiten und Grenzen des Miteinanders zu verstehen, finde ich erstrebenswert.

Herzog: Was würden Sie nach Ihrer Ankunft in Jülich als „einschlägigstes“ Erlebnis bezeichnen?

Marquardt: Ich fand toll, wie diese Initiative Nachbarschaftsdialog sich anlässt. Ich wage nicht zu sagen: einschlägt, weil wir noch am Anfang sind und die Ergebnisse noch vor uns liegen. Aber das Interesse, die Bereitschaft aufeinander zuzugehen, gemeinsam über Probleme und deren Lösung nachzudenken, das fand ich sehr erfrischend.

Herzog: Sie sind in Böblingen geboren, leben aber seit 22 Jahren im Rheinland. Gibt es ein besonderes „rheinisches Grundgesetz“, das Sie verinnerlicht haben?

Marquardt: (lacht) Die Rheinischen Lösungen. Das fällt Schwaben sicher schwer. In ihrem Naturell wollen Schwaben alles eher sehr gerade haben, schön im Rahmen der Regeln. Im Rheinland habe ich kennen und schätzen gelernt, dass man manchmal „fünfe grad sein“ lassen kann, wenn man miteinander etwas erreichen möchte.

Herzog: Sie sind von Hause aus Verfahrenstechniker. Gibt es Erkenntnisse aus Ihrem Fachbereich, die Ihnen bei Ihrer Arbeit als Vorstandsvorsitzender hilfreich sind?

Marquardt: Da muss ich vielleicht doch einen Satz dazu sagen, was Verfahrenstechnik ist. Es ist letztlich eine Wissenschaft, die sich allgemein mit der Technik von Stoffumwandlung befasst. Das ist so abstrakt, wie das Fach auch gemeint ist.

Herzog: Aus Stroh Gold machen…?

Marquardt: Fast, ein bisschen einfacher: aus Pflanzen eine biobasierte Kunstfaser zu machen, und darüber hinaus, Stoffumwandlung in voller Breite, von Pharmaprodukten bis zu Glas. Wenn ein Fach diese Bandbreite hat, muss man immer strukturiert und systemanalytisch an Probleme herangehen. Man muss den methodischen Kern, das, was im Innersten alles zusammenhält, heraus destillieren, um Probleme zu lösen. Dieser systemische Blick hilft mir sehr. Er hat mir auch sehr geholfen, schnell in meine neue Aufgabe hineinzufinden. Das ist das eine. Das Zweite in der Verfahrenstechnik ist die Schnittstelle zwischen Naturwissenschaften, die erkenntnisorientiert sind, und einer Ingenieurwissenschaft, die lösungs- und produktorientiert ist. Dadurch, dass ich quasi immer an dieser Schnittstelle gearbeitet habe, habe ich es auch relativ leicht, mich in die naturwissenschaftlichen Gebiete, die den Standort Jülich ausmachen, schnell einzufinden und die Denke der Kollegen zu verstehen, auch wenn es nicht meine Fächer sind.

Herzog: Sie haben beim Amtsantritt gesagt, dass Sie bedauern, die eigenen Forschungen aufgeben zu müssen. Welchem Experiment würden Sie sich gerne einmal stellen?

Marquardt: (denkt lange nach) Wenn es gelingen würde, aus einem Stück Holz einen Kraftstoff zu machen, der überhaupt keine Emissionen mehr verursacht, weder Rußpartikel noch die NOX-Gase, die ja der Umwelt, der Atomsphäre schaden… Wenn man das hinkriegen würde zu einem Preis, den man auch bezahlen kann, der wettbewerbsfähig ist… Das wäre ein absoluter Traum – da würde ich auch gerne noch ein bisschen dran rumspielen (schmunzelt).

Herzog: Ein Anlass, ein Feuerwerk zu zünden? Welchen gäbe es noch?

Marquardt: Es gibt viele Ziele, die man sich als Leiter des Zentrums setzt, und viele wären ein Feuerwerk wert, wenn man sie erreichen könnte. Ich würde die Korken knallen lassen, wenn wir zu einem Zentrum im wissenschaftlichen Bereich würden und nicht die vielfältigen Aktivitäten nebeneinander her betreiben. Wann das gelänge, das wäre ein Feuerwerk wert – mindestens eins.

Herzog: Was muss passieren, damit Sie „in die Luft gehen“?

Marquardt: Da muss viel kommen. Was ich gar nicht haben kann, ist, wenn institutionelle oder persönliche Egoismen, die gar überwiegend ideologisch getrieben sind, zum Leitfaden des Handelns werden, und das, was man wirklich erreichen möchte, aus dem Blick gerät.

Herzog: 365 Tage liegen 2016 vor uns. Noch eine Zahl: 60 – was verbinden Sie damit?

Marquardt: … dass ich in diesem Jahr dieses Lebensalter erreichen werde. Der zweite 60er ist das Jubiläum des Forschungszentrums. Die Gründung war im November 1956. Wir feiern im Juni, wo wir unseren Tag der Neugier um das Motto „60 Jahre Forschungszentrum“ gruppieren werden. Es gibt bereits eine Planung, die schon auf Hochtouren läuft, und ein Programm. Aber da lass ich die Spannung noch ein bisschen stehen. 60 ist eine schöne Zahl, aber keine Zahl, auf die man viel Gewicht legen sollte. Wir gehen es etwas bescheidener an und heben uns für eine andere schöne Zahl, vielleicht die 75, den großen Knaller auf.


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