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Die Windmühle, ein vom Vater selbstgebautes Erbstück, ist mit Lydia Chenaux vom Bauernhof umgezogen. Foto: Britta Sylvester
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Wo anfangen? Lydia Chenaux überlegt ein Weilchen, dann sprudelt es nur so aus ihr heraus. Sie hat eine Menge zu erzählen aus einem abwechslungsreichen (Berufs-)leben. Die gebürtige Westerwälderin ist nicht nur Jülichs erste Schiedsfrau, sondern auch Landwirtin, Chemielaborantin, Umweltbetriebsprüferin, Unternehmerin und Mutter. Doch der Reihe nach: Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung als Chemielaborantin. Auch der Vater arbeitete als Schlosser in der Chemieindustrie, da war das eine naheliegende Wahl. In die mütterlichen Fußstapfen treten und Schneiderin werden, war wohl nicht das Passende für Lydia Chenaux. Mit dem Abschluss in der Tasche reiste die junge Frau aus der Nähe von Montabaur nach Jülich, denn „hier gab es ja eine Ingenieursschule.“ Dort hat sie dann „ihren Ingenieur gemacht“. Außer ihr gab es dort nur eine andere Frau. Eine Erfahrung, die sie noch häufiger machen sollte, doch davon später.

Die frischgebackene Ingenieurin startete nun allerdings eine etwas andere Karriere, als der Titel vermuten ließ: Der damalige Partner besaß ein Taxiunternehmen und da „bin ich mit eingestiegen“, erläutert Chenaux. Im Taxi habe sie dann auch den rheinischen Zungenschlag verstehen gelernt. Das Lenkrad tauschte sie dann allerdings recht schnell gegen Spaten und Mistgabel. Mit Mann und Kindern lebte Lydia Chenaux auf einem großen Anwesen. 15.000 Quadratmeter wollten bewirtschaftet, die Ziegen versorgt und das eigene Gemüse gezogen werden. Fast schon folgerichtig machte die energische Frau eine weitere Ausbildung und wurde Landwirtin. „Da bin ich auch ganz stolz drauf“, konstatiert Chenaux und strahlt. „Dort war übrigens auch nur eine andere Frau“, ergänzt sie ihre Erzählung.

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An den Bauernhof erinnern noch heute die dunklen schweren Möbel in ihrer Wohnung und auch die Leidenschaft fürs Gärtnern ist geblieben: In Töpfen und Schalen recken die ersten kleinen Pflänzchen zaghafte hellgrüne Blätter empor. Gurken, Paprika und Kräuter wachsen dort. Die Landwirtschaft sollte nicht die letzte Station in Lydia Chenaux‘ Berufsleben bleiben. Nachdem sie den Hof verlassen hatte, drückte sie ein weiteres Mal die Schulbank und bildete sich per Fernstudium zur Umweltbetriebsprüferin weiter – auch dort, man ahnt es, außer ihr nur eine weitere Frau. Auch in der nun folgenden Selbstständigkeit mit dem eigenen Ingenieursbüro hat es Chenaux meist mit Männern zu tun. „Du musst als Frau mehr leisten, mehr wissen und günstiger sein“, so ihre Erfahrungen. Aber es habe immer wieder auch Anerkennung gegeben: „Das macht die Frau für uns“ hätten die Kunden gesagt und sie weiterempfohlen und das war für sie immer das schönste Lob. Und heute?

„Ich überlege, die Selbstständigkeit abzumelden, aber ich hab ja immer gearbeitet“, überlegt die Frau, die sich über ihr genaues Alter lächelnd ausschweigt, laut. Eine Tätigkeit allerdings wird sie wohl noch lange nicht an den Nagel hängen: Seit rund 25 Jahren arbeitet Lydia Chenaux ehrenamtlich als Schiedsfrau der Stadt Jülich. Zunächst als Stellvertreterin ist sie seit 2014 die Chefin und hat „nun selbst einen Stellvertreter“, schmunzelt sie. „Schlichten statt richten“ lautet der Wahlspruch der Schiedsleute und das trifft den Nagel auf den berühmten Kopf. Ob Straf- oder Zivilrecht, eine Einigung zwischen den Parteien herbeizuführen sei das vorrangige Ziel. Jurakenntnisse bräuchte man keine, wohl aber Menschenkenntnis, Organisationsgeschick und ein gewisses Interesse für Verordnungen und Gesetze. Für die Ingenieurin, die strukturiertes Arbeiten und penible Dokumentation ohnehin schätzt, genau das richtige Ehrenamt. Und wenn dann am Ende immer wieder ein Vergleich steht – auch wenn der Weg bis dahin bisweilen zäh sein und stundenlang dauern kann – dann ist das Belohnung genug.


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