Start Magazin Geschichte/n „Gleichschaltung“? – nur falsch geschaltet!?

„Gleichschaltung“? – nur falsch geschaltet!?

Aufgepasst! Nazi-Vokabular unterwegs! Wenn heute in Kreisen des sog. AFD-Flügels oder von Pegida ein ideologisch kontaminierter Begriff wie derjenige der „Gleichschaltung“ aus der Zeit der Nazi-Diktatur auf die heutige Zeit übertragen wird, um die angebliche Gleichschaltung der heutigen „Lügen-Presse“ unflätig anzuprangern, dann ist das keineswegs als ein politisches Kavaliersdelikt im Sinne einer nur falsch geschalteten Rhetorikfloskel zu bagatellisieren.

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Rat & Recht in und um Jülich Foto: ©Andrey Burmakin - stock.adobe.com / Bearbeitung: la mechky
Rat & Recht in und um Jülich Foto: ©Andrey Burmakin - stock.adobe.com / Bearbeitung: la mechky
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Diese politischen Speerspitzen der neuen Rechten in Deutschland setzen mutmaßlich bewusst Nazi-Vokabular ein, um dieses als Ausdruck ihrer system- und damit demokratiefeindlichen Ziele, hier in Form des Frontalangriffs auf die verfassungsgemäß geschützte Pressefreiheit öffentlich salonfähig zu machen.

Das weitere ekelhafte Nazi-Schlagwort der „Umvolkung“ im Sprachgebrauch der verblendeten neuen Rechten spricht leider ebenso gleichermaßen beispielhaft und abschreckend Bände über die reaktionäre Haltung dieser braun lackierten Verharmloser des furchtbarsten und dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte.

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Gewiss sollten man zwischen parteipolitischer Agitation am rechten Rand und privaten Verbalausrutschern unterscheiden.
Denn es gibt in der Tat typische Begriffe aus der Zeit des sog. 3. Reichs, deren Herkunft vielen beim Gebrauch im Privatgespräch gar nicht bewusst ist.

Der Einsatz von Begriffen wie Mädel, asozial, Anschluss, Hiwi, Vergeltungswaffen oder Kulturschaffende, die als verbrannte Naziwortschöpfungen gelten, könnte auch und gerade in teilweiser Unkenntnis der braunen Wurzeln noch so gerade als Geschmacksverirrung durchgehen und müssen nicht unbedingt gleich als Gesinnungsverfehlung gescholten werden.
Andere Begriffe wie innerer Reichsparteitag, Sippenhaftung, Euthanasie, Herrenrasse, Kraft-durch-Freude-Fahrt, Volksgemeinschaft, Volksempfänger oder eben Umvolkung und Gleichschaltung verdienen aufgrund ihrer ganz offensichtlichen Nazi-Affinität einzig und allein den absoluten Bann aus der deutschen Sprache und damit aus dem ehemals irrgeleiteten deutschen Bewusstsein.

Ein dem jetzigen Titel des Herzogs gewidmeter kurzer Exkurs sei an dieser Stelle zum Nazi-Begriff „Gleichschaltung“ erlaubt: Dieser berüchtigte Begriff stammt ursprünglich aus dem Bereich der Elektronik und wurde seitens der NS-Propaganda einer bewussten Bedeutungsänderung unterzogen. Überhaupt haben die Nazis Begriffe aus den Bereichen Krieg, Biologie und Technik verwendet, um letztlich Gegner des Nationalsozialismus zu entmenschlichen. Grausame Beispiele hierfür sind auch die Vokabeln biologischen Ursprungs wie „Parasiten“ oder „Schädlinge“, mit denen die NS-Diktatur die Juden als die von ihr erklärten Erzfeinde propagandistisch zu paralysieren versuchte. Das NS-Regime erhob die Gleichschaltung gleichsam zum obersten Prinzip jeden politischen Handelns.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurden die Grundrechte außer Kraft gesetzt und die Verfolgung politischer Gegner legalisiert. Die staatlichen Gewalten, die Legislative, Exekutive und Judikative wurden durch das Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 gleichgeschaltet, insbesondere auch der Reichstag entmachtet. Sodann erfolgte die Gleichschaltung der deutschen Länder mit dem gleichnamigen Gesetz am 31. März 1933.Die Länderparlamente wurden aufgelöst und durch Reichsstatthalter ersetzt. Sodann wurden nach und nach sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens gleichgeschaltet. Die Gewerkschaften wurden zerschlagen, die Parteien wie u.a. die SPD verboten oder zur Selbstauflösung gezwungen.

Am 14. Juli 1933 wurde von der Reichsregierung das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien verabschiedet. Danach war die NSDAP die einzig legitime Partei. Am 1. Dezember 1933 wurde die „Einheit von Partei und Staat“ gesetzlich verankert.
Polizei und Justiz wurden ebenfalls gleichgeschaltet. Die Polizei entwickelte sich zum politischen Instrument der NSDAP.
Der Staatsdienst, so auch die Justiz wurden von oppositionellen und vor allem jüdischen Beamten gesäubert. Die deutsche Zivilgesellschaft wurde gleichgeschaltet und sollte zu einer Volksgemeinschaft umgestaltet werden. Alle Deutschen sollte in die NS-Massenorganisationen wie Hitler-Jugend, Bund deutscher Mädel, NS-Frauenschaft und Kraft durch Freude eingebunden werden.

Presse, Film- und Literaturbetrieb unterlagen einer strengen Zensur.
Mitte 1934 hatten Adolf Hitler und die NSDAP nahezu den gesamten Staatsapparat unter Kontrolle.
Mit dem „Röhm-Putsch“, der Ermordung Ernst Röhms als Hitlers letzten innenpolitischen Gegners und der Liquidierung der gesamten Führung Röhms Sturmabteilung (SA) sowie mit dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg war die Gleichschaltung des NS-Staates auf ihrem Höchststand.

Hitler übernahm auch das Amt des Reichspräsidenten und wurde Oberbefehlshaber der Reichswehr.

Die Gleichschaltung durchdrang Mark und Bein von Gesellschaft und Staat, der totalitäre Führerstaat war vollendet.
Erst mit Millionen Kriegsopfern wurden die Deutschen am 8. Mai 1945 durch die Alliierten von diesem NS-Wahnsinn befreit.
Wer vor diesem abscheulichen historischen Hintergrund heute noch den Begriff der „Gleichschaltung“ für Entwicklungen egal welcher Art in unserem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat verwendet, der versündigt sich begrifflich und vor allem politisch an unseren demokratischen Errungenschaften in nahezu 75 Jahren Bundesrepublik Deutschland mit ihrer bewährten freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

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