„Nie wieder“, das heißt immer auch „jetzt“. Und vor allem heißt es, sich immer wieder einzusetzen. Einen großen Schritt in diese Richtung hat nun die Sekundarschule Jülich unternommen.
Ein Raum mit großen Roll-Ups und ähnlich vielen Plakaten an der Wand. Dazwischen interessierte Erwachsene, die sich mit jenen in offiziellen Ämtern mischen – und eine überraschende Anzahl Jugendliche, die sich an diesem Nachmittag die Zeit genommen haben: Schulsozialarbeiter Isa Abdel-Fattah eröffnete eine zweiteilige Ausstellung mit Zukunftscharakter. Zum Einen verband sich die offizielle NRW-Ausstellung „Jüdische Nachbarn“ mit dem, was sein Kurs im Fach „Verantwortung“ über jüdisches Leben in Jülich und Einzelschicksale herausgefunden hat. Zum Anderen legten Schule, Stadt und Stadtarchiv einen neuen Grundstein: Sie unterschrieben eine offizielle Bildungspartnerschaft, um auch für folgende Kurse und Projekte entsprechende Recherche-Möglichkeiten zu sichern.
Monatelang haben Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Klassen unter Anleitung von Historikerin Susanne Richter im Jülicher Stadtarchiv gestöbert. In beiden Kursen des Fachs „Verantwortung“ ging es dabei um jüdische Jülicherinnen und Jülicher zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Und in Abdel-Fattahs Kurs ganz besonders um ein spezielles Konzentrationslager (KZ): Geplant war von Anfang an eine Fahrt nach Buchenwald. Aus diesem Grund wurde sich auch in der Recherche auf Menschen aus Jülich konzentriert, die in Buchenwald inhaftiert waren. Einer von ihnen ist dort laut Datenlage verstorben. In der Vorbesprechung mit der Gedenkstätte habe der Kursleiter daher den Namen „Rudolf Schwarz“ explizit genannt – in der Hoffnung, vielleicht noch ein paar weiterführende Informationen zu bekommen.
Denn verlässliche Infos zu recherchieren, das ist nicht so einfach. So auch die Erkenntnis der Jugendlichen. Laut Abdel-Fattah wurden im Internet sogar falsche Informationen gefunden: Es hieß bei einer Überlebenden nur, sie sei an unbekannter Ursache verstorben. Die Recherche im Stadtarchiv habe allerdings einen Lebensweg bis zum Tod im hohen Alter ergeben. Archivarin Richter betonte, die Arbeit im Archiv habe den Jugendlichen nicht nur Fähigkeiten im Umgang mit archiviertem Material beigebracht – sondern auch gelehrt, Informationen kritisch zu hinterfragen und welche Quellen seriös sind. Kurz: Wie ein Faktencheck funktioniere. Was, so Richter, ursprünglich durch das Stolperstein-Projekt des zweiten „Verantwortungskurses“ der Sekundarschule entstand, soll nun auch in Zukunft Geschichte für junge Menschen greifbarer machen – durch den Zusammenhang mit der Stadt, in der sie leben.
Das eigene Erarbeiten des Themas ebenso wie die örtliche Nähe zu den Geschehnissen soll für ein tieferes Verständnis der Zeit zwischen 1933 und 1945 sorgen. Doch dabei hört es noch nicht auf: Unterstützt durch die Hans-Lamers-Stiftung, die auch das Entleihen der Ausstellung „Jüdische Nachbarn“ gesponsert hat, finde in Kürze zusätzlich noch eine Fahrt zur Burg Vogelsang statt. Eine ziemliche Vertiefung dafür, dass zu Beginn des Schuljahres noch Grundlagenarbeit und allgemeine Einarbeitung in das Nazi-Regime stattgefunden hat. Vielen sei zu Beginn bekannt gewesen, dass es um Juden ging und sie verfolgt wurden. Dass es um noch viel mehr ging und welche Schlüsse man daraus für heute ziehen könne, sei im Rahmen der Aufarbeitung klar geworden. In der Ausstellung zu lesen ist etwa von Hetze gegen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die mit Foto als „Judenfreunde“ in einer örtlichen Zeitung veröffentlicht worden seien, da sie weiterhin bei jüdischen Geschäften kauften. Beeindruckend auch ein Foto von Überlebenden, die 1986 noch einmal Jülich besuchten.
Und auch unter den involvierten Jugendlichen hat das Projekt nicht nur einen theoretischen Eindruck hinterlassen. Julie erzählt, dass sie viel gelernt hätte – etwa, wie sehr jüdisches Leben einmal gesellschaftlicher Alltag war und beispielsweise, wie ihr eigener Arbeitsalltag aussah. Nicole ergänzt, dass sie nicht damit gerechnet habe, dass es einmal so viele Juden in Jülich gegeben hat. Sie findet, dass das Thema insbesondere jetzt wichtig sei und, dass diese Geschehnisse nie mehr passieren dürften.
Als stellvertretender Bürgermeister nannte in seiner Begrüßung auch Karl Philipp Gawel die Ausstellung „nicht nur interessant, sondern auch unheimlich wichtig“. Er habe eine Zeit lang geglaubt, es sei nicht mehr notwendig, Projekte zu dem Thema „Zweiter Weltkrieg“ und Menschenverfolgung zu machen. Leider sehe er dies aktuell anders. Ähnlich beschrieb Schulleiterin Nadja Haupt die Situation. Es sei wichtig, sich diesen historischen Themen zu widmen, um schlimme Zustände „in Zukunft abzuwenden“. Vielleicht seien einige der Schülerinnen und Schüler an manchen der Häuser, die in der Recherche aufgetaucht sind, auch schon unzählbare Male vorbeigegangen. Und vielleicht habe die Arbeit während des Schuljahres dazu geführt, dass sie nun mit einem anderen Bewusstsein an den Gebäuden vorbeigingen. Wenn das der Fall sei, habe man schon viel erreicht.
Künftig soll nach Möglichkeit alle zwei Jahre ein Buchenwald-Kurs angeboten werden. Passend dazu soll die „Jülich-AG“, die von Isa Abdel-Fattah für die sechsten Klassen angeboten wird, um Erkenntnisse aus der aktuellen Recherche erweitert werden. Einen Einblick in die Ausstellung ist für die Öffentlichkeit noch einmal möglich: Am 2. Juli von 13 bis 15.30 Uhr in der Sekundarschule.
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