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Keine These ohne Antithese

Früher war mehr Lametta! Eine steile Behauptung, die Loriot seinem Opa Hoppenstedt da in den Mund legt und die es zum geflügelten Wort gebracht hat.

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Foto: Adobe Stock
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Früher war mehr Lametta – dahinter steckt eine These, die vermutlich so alt ist wie die Menschheit: Früher war alles besser. Und wenn nicht uneingeschränkt besser, dann zumindest schöner. Was „früher“ in diesem Kontext bedeutet, ist mit Blick auf die allgemeine Akzeptanz hinreichend unkonkret. Egal in welchem Jahrzehnt – die Aussage reitet offenbar immer auf der Welle des Zeitgeistes. Erlauben wir uns, kurz innezuhalten und eine (gewagte?) Antithese aufzustellen: Trotz aller großer und kleiner Probleme und Herausforderungen geht es uns in diesen Breiten der Welt eigentlich ziemlich gut, oder?

Niemand von uns muss morgen befürchten, bei einem Luftangriff getötet zu werden, im kältesten Winter aufgrund zerstörter Infrastruktur ohne Wasser, Strom und Heizung in der Wohnung zu hocken. Anders als in vielen anderen Regionen der Welt ist für den Großteil der deutschen Bevölkerung die Auseinandersetzung mit (Bürger-)Krieg doch eher eine theoretische, die sich wohlfeil vom Stammtisch aus argumentativ führen lässt. Die Zeitzeugen der Luftangriffe auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg sind immer rarer geworden. An kaum einer Kaffeetafel dürfte es zum Frankfurter Kranz noch Geschichten geben, wie früher bei „Alarm“ mit den Nachbarn zusammen im Keller gehockt und gezittert wurde. Gebetet wurde. Gehofft wurde. Eine These aus der Nachkriegszeit: Damals sind die Menschen enger zusammengerückt. Es gab noch echte Solidarität. Das mag angesichts des großen Gleichmachers Krieg so sein.

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Was in diesem Zusammenhang aber gerne vergessen wurde, so war es zumindest in Teilen der eigenen Familie: Früher war mehr Lametta! Und die Strategen und Ordensträger der Nationalsozialisten haben den bis dato brutalsten Krieg der Menschheitsgeschichte vom Zaun gebrochen und halb Europa in Schutt und Asche gelegt – inklusive der industriellen Tötung von mehr als sechs Millionen Juden in Europa. Diese schwere und untilgbare Schuld entlastet uns aber nicht davon, weltweit Verantwortung zu übernehmen. Auch militärisch. Denn nur eine wehrhafte Demokratie wird in den längst begonnenen turbulenten Zeiten bestehen können. Und ja, das kostet. Vermutlich auch Wohlstand. Aber was wäre sonst der Preis?

Selbstverständlich wollen wir heute alle Frieden. Und meinen damit vermutlich, dass uns alle anderen bitte mit ihrem Leid in Ruhe lassen. Komisch, dass angesichts von Millionen Pazifisten dennoch unendlich viel Hass in der Welt ist. Auf den Straßen, in den Kommentarspalten von Internetforen. Um es mit Max Liebermann zu sagen: Man kann nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte. Ergänzend die These von Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Ja, die Butter ist teurer geworden. Die Milch. Die Produktionskosten der Landwirte werden aber nach wie vor nur kaum oder gar nicht gedeckt. Benzin und Öl waren auch schon mal billiger. Und dennoch schaffen wir es, Milliarden Euro im Jahr für kurzweilige Verbrauchsgüter zu verprassen, die beim genauen Hinsehen eigentlich schon für die Mülltonne produziert worden sind. Wer braucht 20 Paar Sportschuhe im Schrank? Alle vier Jahre ein neues Wohnzimmer? Autos, die so viel PS haben, dass die 500 Meter vom Haus zur Kita meist im ersten Gang zurückgelegt werden könnten. Wir konsumieren in schwindelerregenden Mengen wie keine Generation vor uns – und beklagen uns über steigende Folgekosten, die die allgemeine Verschwendung und der Raubbau an den Ressourcen unseres Planeten mit sich bringen. Alle haben kein Geld, lautet eine weitere These. Warum aber jagt die Zahl der Fernflüge von Rekord zu Rekord? Warum verstopfen Wohnmobile gerade junger Menschen (Neupreis locker 50.000 Euro aufwärts) die Innenstädte von Großstädten, aus denen die „Van-Life-Community“ unter medialem Instagram-Dauerfeuer doch nach eigenem Bekunden zu entfliehen versucht und das natürliche Leben in der Natur zelebriert?

Ja, es gibt auch in unserem Land viel Armut: strukturelle Armut. Und das ist in einer immer noch reichen Industrienation wie Deutschland der eigentliche Skandal. Diese Form von Armut trifft trotz aller stattlichen (Geld-)Leistungen vor allem die Kinder, die kaum eine Chance haben, den Kreislauf zu durchbrechen – obwohl ihnen (Achtung, hier kommt die nächste öffentlich proklamierte These) alle Türen offen stehen und sie angeblich im Zeitalter der Chancengleichheit leben. Antithese: Quatsch mit Soße. Wir laufen als Gesellschaft Gefahr, ganze Bevölkerungsgruppen zu verlieren. Anstatt Milliarden in Bildung und Erziehung zu pumpen, gönnen wir uns beispielsweise lieber ein fragwürdiges Infrastrukturprojekt nach dem nächsten und wundern uns, warum wir beim Thema Digitalisierung und Gesundheitswesen von den Nationen abgehängt worden sind, die schon vor Jahren auf das Geld achten mussten und lieber effiziente Systeme statt paralleler Strukturen geschaffen haben. Währenddessen fällt in unseren Schulen und Universitäten der Putz von der Decke.

Habe ich an mancher Stelle übertrieben? Wunderbar! Keine These ohne Antithese. Das wusste schon Martin Luther, als er seine Liste an die Kirchentür nagelte. Ein Opus, das heute schon aufgrund seiner Länge die Aufmerksamkeitsspanne der TikTok-Generation überfordert. Vielleicht sollten wir wieder damit anfangen, uns ernsthaft mit Thesen auseinanderzusetzen, anstatt nur nachzuplappern. Ja, das ist Arbeit. Denn in unserer komplexen Welt gibt es keine einfachen Antworten mehr – auch wenn manche politische Partei genau damit Menschenfischerei betreibt. Nichts ist so einfach, wie es aussieht. Freunden wir uns doch einfach wieder mit dem Gedanken an, der auch den Thesen-Nagler 1517 getrieben haben durfte: Aus Liebe zur Wahrheit und im Verlangen, sie zu erhellen, lud Martin Luther zum Disput ein. Auch heute muss es nicht schaden, anderen zuzuhören und nachzudenken.

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Stephan Johnen
Kein Muttkrat, aber im Besitz einer Landkarte. Misanthrop aus Leidenschaft, der im Kampf für Gerechtigkeit aus Prinzip gerne auch mal gegen Windmühlen anreitet. Ist sich für keinen blöden Spruch zu schade. Besucht gerne Kinderveranstaltungen, weil es da Schokino-Kuchen gibt, kann sich aber auch mit Opern arrangieren.

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