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Leuchtend – Leuchtende Augen

Kid A. und Opa Ferdinand im Dezember 1970

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Leuchtende Augen | Foto: HERZOG
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Mit drei Jahren ist die Welt noch in Ordnung. Vor allem in der Weihnachtszeit kann das Leben eines Dreijährigen eigentlich nicht schöner sein. Die Stadt ist hell erleuchtet durch die schönsten Schaufenster des Jahres, überall hängen Lichterketten von Haus zu Haus, der Weihnachtsmarkt mit seinen heimeligen Buden ist eröffnet, es riecht nach Kinderpunsch, gebrannten Mandeln, Zuckerwatte und Paradiesäpfeln und das obligatorische Karussell dreht sich noch toller als auf jeder schnöden Sommerkirmes. Am Himmel leuchten die Schäfchenwolken in den schönsten Farben, weil das Christkind begonnen hat, feinste Plätzchen in der himmlischen Küche für den Heiligen Abend zu backen. Schon ab dem Martinstag über Nikolaus bis weit über den 24.Dezember hinaus scheint der Vorrat an mehr oder weniger kilotreibenden Leckereien unerschöpflich zu sein. Die Zeit ist einfach nur herrlich, wäre da nicht diese Aufregung, ob und welche Geschenke das Christkind in diesem Jahr vorbei bringt und noch viel wichtiger, ob man das Christkind endlich zu Gesicht bekommt. Wie sieht es eigentlich aus, kann es nicht ein wenig bleiben, wird es mit mir spielen???

Diese Aufregung steigert sich so vehement bis zum Heiligen Abend, dass so manch kleiner Racker bisweilen im Kindergarten vergisst, dass große und kleine Geschäfte in eigens dafür gebauten Keramiktöpfchen mit Wasserspülung zu erledigen sind.

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Auch ich war einmal drei, ja genau und ob man es mir glaubt oder nicht, ich erinnere mich noch ganz genau an den ersten Besuch des Christkindes bei uns. Genau genommen war es gar nicht bei uns, sondern bei meinen Opa Ferdinand, weil meine Oma damals (1970) leider schon dauerhaft wegen ihrer schweren Erkrankung das Bett hüten musste und daher nicht bei uns den Heiligen Abend verbringen konnte. Aber selbst mit gerade mal drei Jahren war ich mir absolut im Klaren darüber, dass es doch gar keine Rolle spielt, ob das liebe Christkind mit den Geschenken durch das geöffnete Wohnzimmerfenster meines Opas oder meiner Eltern fliegt – Hauptsache es kommt!!!

Ein zweiter, nicht zu unterschätzender Grund, warum das Warten auf das Christkind bei meinen Großeltern eigentlich besser war als zu Hause entsprang der Tatsache, dass mein Opa Ferdinand mit dem Christkind persönlich bekannt war – da konnte auch so schnell keiner mithalten, wenn man einen Opa hat, der mit dem Christkind auf „Du und Du“ ist.

Leuchtend | Foto: HERZOG

Er hatte nach eigener Aussage schon eine paar Mal mit diesem geheimnisvollen Engel geredet, über mich und meine Wünsche, über das Wetter, über meine Eltern, über meinen doofen Bruder, der mich geärgert hatte und dafür bestimmt keine Geschenke bekommen würde und darüber, wie es am Heiligen Abend empfangen werden möchte. Auch hatte er mir genau beschrieben, wie es aussieht – groß, hübsch, lange blonde Haare, schlank (Größe 36), ein tolles weißes Kleid – der Beschreibung nach konnte es sich nur um meine Mutter handeln – aber nein, die kann ja nicht fliegen.

Das Christkind hatte also gesagt, dass es absolut still und dunkel sein muss, wenn es durch das geöffnete Fenster voll bepackt mit den ganzen Geschenken in das Wohnzimmer geflogen kommt und es benötige noch ein wenig Zeit, um die Geschenke unter den noch nicht erleuchteten Tannenbaum zu legen. Außerdem wollte es noch kurz mit seinem alten Kumpel Ferdinand einen kleinen Plausch halten, weil man sich doch relativ selten sieht. Aber am allerwichtigsten wäre  es, dass alle wartenden Kinder und Erwachsenen absolut still sein müssten, sonst wäre es sofort wieder von dannen.

Der Heilige Abend war gekommen, tagsüber konnte man sich noch im TV mit diversen Weihnachtsklassikern ablenken (und das bei 3 Programmen, übrigens alle schwarz-weiß) aber bei allen, selbst bei meinem Bruder, der ja aus meiner Sicht nicht viel zu erwarten hatte, stieg die Spannung ins Unermessliche. Gegen 19:00 Uhr war die Familie an der Wohnungstür meiner Großeltern versammelt. Meine Eltern, mein Bruder, meine Tante, mein Onkel, mein Vetter und meine Cousine. Als mein Vater gerade die Klingel betätigen wollte, bemerkte er, dass die Türe nur angelehnt war. Ha, mein Opa hatte mal wieder mitgedacht, denn die Klingel war megalaut – gut gemacht Opa Ferndinand.

Ich ging als erster in den Flur, der fast stockdunkel war, nur ein kleines Windlicht neben dem Telefon auf der Anrichte flammte armselig vor sich hin. Nach und nach füllte sich der Flur mit den Familienmitgliedern, ich stand, wie man heute sagen würde in der Poleposition vor der Wohnzimmertür. Diese hatte in der Mitte eine große, gelbe Glasscheibe, aber aufgrund ihrer Struktur konnte man nicht erkennen, was sich im Wohnzimmer abspielte. Auf jeden Fall war es hinter der Tür auch stockdunkel und absolut still, Opa Ferdinand hatte sich an die Spielregeln gehalten, vielleicht saß er ja schon bei einer Tasse Tee mit dem Christkind am Esstisch und die beiden wollten uns noch ein wenig auf die Folter spannen.

Plötzlich, wie aus dem Nichts war die gelbe Scheibe hell erleuchtet, ich sah in der Scheibe helle, mehr oder weniger große, grelle Sonnen, die Ihre Strahlen über die ganze  Scheibe verteilten. Meine Mutter beugte sich zu mir runter und flüsterte mir ins Ohr: Kid, ich glaube, gleich geht es los.

Sanft streichelte ich über die Scheibe und die hinter mir stehenden Familienmitglieder stellten sich bestimmt die Frage, ob die Lichter im Glas eine Reflektion meiner weit aufgerissenen leuchtenden Augen waren oder tatsächlich aus dem Wohnzimmer kamen.

Doch dann spielte sich eine Katastrophe ab. Mein Bruder war als letzter in den Flur gegangen und irgendwie hatte er es geschafft, seine Hand zwischen die zufallende Wohnungstür und die Zarge zu bekommen. Mit einem ohrenbetäubenden „Auuuuaaaaaaaaah, Schei……………“ machte er seinem Schmerz Luft.

„Nein bitte, wir müssen doch ganz leise sein“, wie von Sinnen riss ich die Tür auf, ich rannte an dem herrlich geschmückten Weihnachtsbaum vorbei auf das geöffnete Fenster zu und starrte in den dunklen Nachthimmel – es ist weg, das Christkind ist weg, einfach weg. Mit hängendem Kopf stand  ich nun im Wohnzimmer, vor lauter Tränen sah der Weihnachtsbaum aus wie vor wenigen Augenblicken die gelbe Scheibe. Mein Opa Ferdinand nahm mich in den Arm und fragte mich: „Was ist den los, kleiner Stropp?“

Aufgeregt erzählte ich ihm, dass wegen des unnötigen Gefühlsausbruchs meines Bruders das Christkind jetzt nicht mehr da wäre. Opa Ferdinand konnte mich aber beruhigen. Er erklärte mir liebevoll, dass das Christkind schon lange wieder weg war, weil es heute noch so viel zu tun hätte und von dem Schrei meines Bruders gar nichts mitbekommen hätte.

Außerdem hatte das Christkind versichert, dass wegen der abzusehenden Ölkrise die Geschenke (für die Erwachsenen) demnächst kleiner ausfallen würden, und dann vielleicht doch ein wenig mehr Zeit für eine persönliche Begegnung wäre. Puh… der Abend war gerettet…

Ach ja, Geschenke gab es auch, die schönsten, die ich bis dato jemals bekommen hatte… sogar Geschenke, für die man Batterien braucht… Super!

Nächstes Jahr erzähle ich Ihnen, wie mein Opa Ferdinand vom Christkind zum „Weihnachtsprofi“ gekürt wurde und dass er nach wie vor den Rekord im Stapeln von Süßigkeiten auf dem Weihnachtsteller inne hat.

In ein paar Tagen stehen meine Kinder vor dem Weihnachtsbaum und singen Lieder. Meine Augen leuchten dann bestimmt wieder so wie 1970, denn die Träne, die meine Wange herunterläuft, ist ganz, ganz warm.


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