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Mit Familienanschluss

Spiel- und Lernstuben des Sozialdienstes katholischer Frauen sind ein besonderes Modell zur Integration - und im Zuge des diskutierten Rechtsanspruches auf einen OGS-Platz eine wichtige Ergänzung und Alternative.

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Gemeinsames Essen gehört in der Spiel- und Lernstube dazu. Foto: SkF
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Es ist 14 Uhr. Die Klingel steht kaum mehr still. Mädchen und Jungen vom Grundschulalter bis zur Oberstufe tummeln sich im Einfamilienhaus an der Berliner Straße 109. Es ist ihr Refugium – die Spiel- und Lernstube des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF), die seit 2010 im Jülicher Nordviertel geöffnet ist und heute von 80 Kindern und Jugendlichen aus acht Nationen besucht wird.
„Spiel- und Lernstuben sind mein Herzblut“, sagt Pia Leifeld lächelnd. Sie ist die pädagogische Leitung des SKF in Jülich. Es ist ein besonderes Konzept, das mit den hohen Zielen antritt, das Recht von Kindern auf Spiel und Freizeit ebenso zu gewähren wie das Recht auf Chancengleichheit in der Bildung. Gleichzeitig werden die Eltern besonders begleitet und unterstützt. Es ist ein Angebot, das kostenfrei zur Verfügung gestellt wird – anders als die Offene Ganztagsgrundschulen (OGS), deren Einführung 2007 weitgehend die Horte ablösten. Personell wird es von „ein bis anderthalb“ festangestelltem Fachpersonal mit sozialpädagogischem Hintergrund und einer Reihe von ehrenamtlichen Kräften getragen. „Sie sind zwar geschult, kommen aber nicht unbedingt aus dem Fach der Pädagogik“, erklärt Leifeld. Es gibt ehemalige Lehrer und Lehrerinnen, die sich in der Unterstützung beim Lernen einbringen, und weitere, die sich in der Küche und bei Kreativangeboten einbringen.

Pia Leifeld ist die pädagogische Leitung des SkF. Foto: Dorothée Schenk

Neben dem Nordviertel gibt es noch die „Urzelle“ der Spiel- und Lernstuben im Buchenweg: Im nächsten Jahr wird sie 50 Jahre alt. Dort hat es begonnen mit einer Handvoll Roma- und Sintikinder, die jetzt ihre Kinder in der dritten Generation in die Einrichtungen schicken. In der Mehrzahl sind es Kinder und Jugendliche, die Flüchtlingsgeschichten mitbringen und auch solche, die im Bildungssystem Deutschland nach der Ankunft noch gar keinen Platz gefunden haben. Sie alle finden sich zum Spielen, Spaß haben und Lernen zusammen. Der Dreiklang macht wohl den Reiz aus, wie auch die Kinder wissen. Besser als Abdul (12) kann man es wohl kaum sagen: „Ich finde die Lernstube cool, weil es keinen Rassismus gibt und alle nett und hilfsbereit sind.“ Imam (11 Jahre) stimmt zu, wünscht sich aber, Kaugummi kauen zu können und eine Snackbar für alle ab Klasse 5. Nour (15 Jahre) meint dagegen: „Für die Zukunft wünsche ich mir nichts, denn es ist alles perfekt so, wie es ist.“

„Einen vergleichbaren Ort
gibt es nicht“

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Es ist eine Form der Freiheit und Flexibilität für die Kinder und dennoch ein Fixpunkt im Leben. „Die Spiel- und Lernstube bietet die Möglichkeit, den Ort Schule verlassen zu können und zuerst nach Hause zu gehen. Die Kinder haben die Wahl, ob sie innerhalb der Zeit zuerst Hausaufgaben machen oder zuerst spielen möchten“, erklärt Pia Leifeld. Nur eins ist klar: „Es muss immer gearbeitet werden!“ Wer keine Hausaufgaben hat, wird gefördert und gefordert. Wer wenig oder kein Deutsch spricht, kann sehr individuell in Kleingruppen betreut werden.

Regelmäßig treffen sich Mütter zum Austausch oder auch zur Verbesserung der Sprachkenntnisse. Foto: SkF

Ein großer Unterschied ist auch in der Elternarbeit: Eltern werden zu Kochkursen eingeladen oder gemeinsamen Festen, die miteinander organisiert und ausgerichtet werden. „Das ist noch mal ein ganz anderer Kontakt – auch zu den Familien, bei dem auch weiterführende Gespräche stattfinden“, berichtet Leifeld. Etwa wenn die Frage aufkommt, wer Hilfe bei häuslicher Gewalt bieten kann. Niederschwellig heißt es im Fachjargon, umgangssprachlich zwanglos: So jedenfalls ist das Angebot für die Mütter, monatlich zum „internationalen Frauenfrühstück“ oder montäglich zum Deutsch-Lern-Treff zu kommen. SKf-Leitung Leifeld schwärmt: „Es ist etwas, das ich vergleichbar so noch an keinem anderen Ort gefunden habe.“

Und wer trägt die Kosten, wenn es für Eltern und Kinder kostenfrei ist? „Bisher haben wir das Glück, dass auch der Kreis selbst in der Eintrachtstraße in Düren eine solche Einrichtung unterhält und die Notwendigkeit sieht, so dass wir die Gehälter der Hauptamtlichen refinanziert bekommen. Aber schon im letzten Jahr haben wir Kürzungen hinnehmen müssen.“ Die Hans-Lamers-Stiftung finanziert die Räume im Nordviertel. Durch Spenden müssen die weiteren Kosten gedeckt werden. Ob im Zuge des Anspruchs auf einen OGS-Platz ab 2026 das Konzept noch einmal eine andere Bedeutung bekommt, wird die Zukunft zeigen. Pia Leifelds Urteil ist eindeutig: „Die Spiel- und Lernstuben sind absolut erhaltenswert.“


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