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Jubel – Was ich noch sagen wollte…

Manchmal ist das ja so eine Sache mit dem Jubel

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Also mit dem, der aus einem selber raus muss und dem der anderen, der in einen rein muss. Im Unterschied zur kleinen stillen Schwester namens Freude kommt der große Bruder Jubel meistens mit mehr oder weniger lauten Geräuschen daher: Jauchzen, Rufen, Schreien. Jubel bricht los oder man selber in selbigen aus. Jubel donnert, tost, brandet auf, ist überschäumend, frenetisch und oft grenzenlos. Auf der Suche im und nach weltweitem Wissen finde ich als Jubel-Quelle das kirchenlateinische „iubulus“ – den lang gezogenen Ausklang eines Kirchenliedes, der im übertragenen Sinne das Jauchzen der Seele bei der Versenkung in Gott meint. Als Chorsängerin kann ich durchaus nachvollziehen, dass die Freude über das gleichzeitige Ankommen aller Stimmlagen im harmonischen Schlussakkord tatsächlich Grund zum Jubel bietet – sowohl für die Sänger als auch zumeist die Zuhörer. Laut Duden ist Jubel die laute Bekundung großer Freude oder die Offenbarung selbiger durch entsprechendes Verhalten in Gestik, Mimik, Stimme oder Sprache. Alles gleichzeitig kann vorbildlich Kermit der Frosch aus der Sesamstraße, der – seine Schenkel-Enden (wie heißen Froschfüße eigentlich?!) wild aneinander klatscht  und  „Applaus, Applaus“ gen Himmel schreit. Jubel-Meister sind seit dem Sommer wohl auch die Isländer, die bei der Fußballeuropameisterschaft mit ihrer eigenen Zeremonie neue Maßstäbe setzten – an einem Ort, an dem sich der Jubel des einen Teams meist in dem Triumpf über das andere Team begründet. Diesem ist dann meist das Jubeln vergangen – es sei denn, es ist aus Island. Rätselhaft ist mir dagegen, wie beispielsweise in Sportarten wie Schach oder Snooker die Akteure stundenlang völlig emotionslos agieren können ohne jeglichen Jubel – obwohl manche gezeigte Leistung große Freude hervorruft oder auch einen ungeahnten Triumpf offenbart. Völlig im Gegensatz dazu das für mich ebenso unverständliche Jubelgeschrei des Publikums bei großen Dart-Sport-Wettbewerben. Hier verliert selbst der sportliche Sieger im Jubel-Wettstreit mit dem Publikum. Doch Jubel – echten und falschen – gibt es nicht nur im Sport, sondern manchmal auch im Theater. Claquere sind Profi-Jubler, also bezahlte Applaudierer, die in den ersten Reihen die Leistungen der Akteure aktiv von Akt zu Akt bejubeln müssen, ob sie nun wollen oder nicht. Ähnliches gilt nicht selten auch auf der politischen Bühne. Ungeschlagene Weltmeister dürften dabei die US-Wahlkampfteams sein. In Meeren von Papierfähnchen, Glitzerkonfetti und umtost von Schlachtrufen wird der Jubel vom ersten Tag der Vor-vor-vor-Delegiertenwahl an dergestalt zeleberiert, als sei der Sieg schon in der Tasche. Irgendwie erinnert mich das manchmal an die vielen DDR-Jubelparaden zum 1. Mai oder 7.Oktober, die ich einst als Ossi-Kind erlebte: bejubelt wurden meinerseits nicht die auf der Tribüne unecht fröhlich winkenden Parteifunktionäre zum Tag der Arbeit oder Republik, sondern der echt schulfreie Tag. Und auch heute gibt es so viele ganz kleine und große Dinge, die für echten Jubel zu sorgen: wenn der Regen endlich aufhört und die Sonne wieder scheint, wenn der Postbote kommt oder der Schluckauf geht, wenn drei Lottozahlen stimmen oder – wenn der neue „Herzog“ druckfrisch erscheint…

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