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Jecke – Was ich noch sagen wollte…

Manchmal ist das ja so eine Sache mit den Jecken

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Manchmal ist das ja so eine Sache mit den Jecken. Also denen, die Jeck sind und denen, die jeck werden. Ein Jeck sein ist nämlich nicht gleich jeck sein und schon gar nicht in einen Topf bzw. Bütt zu werfen mit Narren und Karnevalisten. Also natürlich feiert der Jeck (auch) gern Karneval, aber der Karnevalist ist ein organisierter Narr mit Vereinsfunktion, der öffentlich auftritt. Der Jeck feiert einfach mit – und das nicht nur in der fünften Jahreszeit. Bestenfalls ist der Karnevalist auch jeck, wenn er Narrenkappe, Uniform und Orden abgelegt hat – dann beschreibt jeck vielmehr seine grundsätzliche humorvolle Lebenseinstellung und erlaubt ihm – karnevalistisch anmutende – Späße auch in den anderen vier Jahreszeiten. Jeck sein in der rheinischen Lebensart heißt (laut durchforsteten Nachschlagewerken), sich selbst und die Dinge nicht zu ernst zu nehmen und nicht immer unbedingt geradeaus, sondern um die Ecke zu denken und die Welt auch schon mal auf den Kopf zu stellen. Wobei die Grenze zwischen dem liebenswerten Kompliment und dem tadelnden bis beleidigenden jeck als Umschreibung geistiger Verwirrung fließend, und deshalb unbedingt zu beachten ist. Eine jecke Person ist die harmloseste Variante des Verrückten, vom negativ besetzten Spinner oder Irren (noch) weit entfernt – bringen letztere uns doch nicht zum Lachen oder zumindest Schmunzeln wie der jecke Jeck. Im fernen Mecklenburg-Vorpommern war mir der Begriff sowohl als Substantiv wie auch als Adjektiv einst völlig unbekannt. Dort musste man sich mit Umschreibungen wie „mit dem Klammerbeutel gepudert“ oder „ein Ei am Wandern haben“ behelfen. Die Bilder, die vor meinem geistigen Auge entstanden, ließen mich zwar schmunzeln, verstanden habe ich sie aber bis heute nicht. Als Kind der Küste wurde angedroht, man „kam nach Gehlsdorf“, wenn man gar zu verrückte Sachen anstellten würde – auch das war mir damals unerklärlich. Da war und ist es im Rheinland schon einfacher. Da gibt es eben den Jecken, der ohne Klammerbeutel und Wandereier zum Schmunzeln bringt. Und man kommt nicht „nach Düren“, wenn es zu dolle wird, sondern ins „Jeckes“ – eindeutig im wörtlichen Zusammenhang mit jeck auch für kindliche Gehirne erschließbar. Vor wenigen Monaten anlässlich einer Urlaubsreise in die alte Heimat an der Ostsee habe ich dann plötzlich entdeckt, dass der Rostocker Ortsteil Gehlsdorf eine den Rheinischen Landeskliniken in Düren nicht unähnliche Einrichtung zentral beherbergt, weil sich unser angemietetes Domizil just nebenan befand. Zwei Währungsreformen zu spät fiel bei mir der sprichwörtliche Groschen: „Du kommst nach Gehlsdorf!“ war einfach nur die Umschreibung für die angedrohte Einweisung in eine Nervenheilanstalt! Hätte es das Wort jeck im Norddeutschen damals für mich schon gegeben, ich hätte mich all die Jahre mit dem Bild des rüschenbesetzten und pudergefüllten Klammerbeutels nicht beschäftigen müssen. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Quarantäne im jecken Rheinland war demnach völlig folgerichtig meine erste verbale Reaktion vor dem Gehlsdorfer Ortseingangsschild: „Ach jeck?!“ – was kurz und knapp genau das vermittelte, wofür die eloquente Mecklenburgerin in mir ganze Sätze gebraucht hätte: „Ich werde verrückt. Da habe ich wohl jahrzehntelang um zu viele Ecken gedacht. Meine Welt ist auf den Kopf gestellt.“. Es geht auch einfacher. Jeck, oder…?

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