Start Magazin Geschichte/n Göttin Minerva ist „wütend“

Göttin Minerva ist „wütend“

Ein eigens für Jülich entwickelter historischer Audiorundgang über Frauen, die von der Geschichtsschreibung vergessen oder sogar in der Historie verbrannt worden sind, fand erstmals im verschneiten Jülich statt. Der Audio-Rundgang ist ab sofort über eine App auf dem Mobiltelefon verfügbar. Bei der Premiere von „Voiceover Science“ führten die Autorinnen - das Theaterkollektiv „Faul & Hässlich“ - unter einem völlig neuen Blickwinkel durch die Herzog-Jülich.

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Clara Kaltenbacher, Laura Götz, Mare Kraus und Victoria Grace Findley haben den Audiowalk entwickelt. Foto: Sonja Neukirchen
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Die Wintersonne lacht vom Himmel, als sich eine Gruppe gut eingepackter Menschen zu einem ganz besonderen Ausflug durch das malerisch verschneite Jülich zusammenfindet. Überwiegend Frauen haben sich eingefunden. Aber auch ein paar Männer sind dabei. In dem Audiowalk geht es an diesem Morgen um eine sehr weibliche Perspektive auf Geschichte. Es geht um vergessene Naturforscherinnen. Es geht um Hebammen, die der Hexerei verdächtigt und hingerichtet wurden. Aber es geht auch um Machtstrukturen in der modernen Forschung, zum Beispiel in der Medizin, die immer noch auf den Mann ausgerichtet ist – zumindest auf dessen Körper.

Die vier weiblichen Guides sorgen dafür, dass alle Teilnehmenden mit einem Kopfhörer ausgestattet sind. Dass die App „storydive“ auf jedem Mobiltelefon installiert und richtig eingerichtet ist. Ein Klick auf den unter „Jülich“ sogleich erscheinenden Audiowalk „Voicover Science“ mit dem vielsagenden Untertitel „Das ist alles nur geklaut“ – und es geht los. Die Mitwandernden bleiben an einzelnen vorgesehenen Stationen stehen und lauschen den zusammengetragenen Fakten und Tönen, die sie über Kopfhörer mithören.

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Die Autorinnen, das ist das Theaterkollektiv Faul & Hässlich – drei Schauspielerinnen und eine Theaterwissenschaftlerin, die in ihrer Arbeit auf patriarchalisch geprägte Strukturen in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Sie blicken in die Zukunft, aber auch zurück in die Geschichte. Dass diese Strukturen auch am Theater zu finden sind, verraten die vier Mitglieder des aktivistisch-feministischen Theaterkollektivs ebenfalls. Die Schauspielerinnen hatten sich 2019 zu der Gruppe geformt. Jetzt ist neben Clara Kaltenbacher, Laura Götz und Mare Kraus noch Victoria Grace Findley dabei.

Foto: Sonja Neukirchen
Die Frauen hatten drei Wochen im Science College Overbach (SCO) an diesem Audiowalk für Jülich gearbeitet. Im letzten Jahr hatten sie dort Theaterworkshops mit Schülerinnen und Schülern abgehalten. Leiter Phillipp Mülheims unterstützt ihr Projekt. Außerdem Sabrina Schwarz vom Büro für Chancengleichheit am Forschungszentrum Jülich sowie Angelika von Ammon vom Landesbüro NRW für freie Darstellende Künste, das die Gruppe im Rahmen eines Programms (Tiny Residences) finanziell unterstützt.

Start des Audiorundgangs ist gleich am ersten Treffpunkt – dem Infokassenhäuschen des Museums Zitadelle. Ein Wispern erklingt plötzlich aus den Kopfhörern. Weibliche Stimmen reden aufgeregt durcheinander. „Die Knochen zeigen, dass auch Frauen auf der Jagd waren“- wispert eine. „Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?“, wispert eine andere. Sie flüstern, so als ob sie lieber im Verborgenen blieben. Zwischen die Wortbeiträge mischen sich immer wieder mystische, magische und sehr helle Klänge, die für Atmosphäre sorgen.

Foto: Sonja Neukirchen
Kulisse des Auftakts sind die Mauern der Zitadelle. Kriegerisch und männlich konnotiert, wie die Schauspielerinnen erläutern. Doch sofort meldet sich aus der App die römische Göttin Minerva zu Wort, die sich teils spöttisch, teils ironisch über ihre eigene Rolle beschwert: „Reden lässt man mich eher selten. Ich bin wütend.“ Auch der Minerva-Preis der Stadt Jülich sei zwischen 1994 und 2020 ausschließlich an Männer vergeben worden, kritisiert die Göttin.

Eine wichtige Geschichte aus der Wissenschaft wird ebenfalls gleich zu Beginn erzählt: Es geht um die jüdische Lise Meitner, die 1926 Deutschlands erste Kernforscherin wurde und bei ihrer Entdeckung der Kernspaltung zugunsten ihres Freundes und Kollegen Otto Hahn vergessen worden sei. Er habe anstatt ihr den Nobel-Preis erhalten, während sie zu der Zeit den Hintereingang der Universität habe nutzen müssen. „Ich werde ausgelassen. Und das auch in der entscheidenden Szene in der aktuellen Verfilmung Oppenheimer“, kommt Meitners Sprecherin zu Wort. Das – so erfährt die Gruppe – sei der sogenannten „Mathilda-Effekt“: die systematische Verdrängung und Leugnung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft.

Passend zu Jülich, und natürlich in Sichtweite des Hexentums, erhalten auch die als Hexen verbrannten Kräuterkundigen und Hebammen einen wichtigen Platz in der feministischen Erkundungstour. „Warum“, so fragen die Autorinnen der Tour, wurden Frauen von sogenannten Aufklärern noch als Hexen verbrannt, um sich dann an deren hinterlassenen medizinischen Wissensschatz zu bedienen? Die Frage suggeriert bereits die Antwort. Einen größeren Raum nimmt auch die Geschichte Hildegards von Bingen ein. Sie hatte umfassendes medizinisches Wissen erlangt und wurde selbst damals beachtliche 82 Jahren alt.

Foto: Sonja Neukirchen
Die letzte Station ist der Muttkrat-Brunnen. So mancher Teilnehmer zieht hier eine stille Bilanz über das Gehörte. „Man geht durch die Landschaft und entwickelt einen neuen Bezug dazu“, sagt Petra Jerrentrup. Ihr sei noch nie aufgefallen, dass auf dem Brunnen ja nur Männer stünden, sagt sie bei Blick auf die illustre Muttkrat-Brunnengesellschaft, zu der allerdings auch einige Kröten gehören. Jessica Fischer hat es fasziniert, selbst als „echte Muttkrat“ noch ganz viel Neues über ihre Heimat gelernt zu haben. Sie hält den historischen Rundgang über die Frauen auf jeden Fall für weiterempfehlenswert. Die Leistung der jungen Schauspielerinnen des Teams „Faul & Hässlich“ bleibt den Jülichern erhalten, und ist im Rahmen der App „storydive“ auch für andere nutzbar.


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