Witzeleien und freundliche Kommentare flogen nur so durch den Salon des Quartiers, der von Diana Kamps zur Verfügung gestellt wurde. Eine Atmosphäre, in der sich das Engagement wie eine Selbstverständlichkeit anfühlte. „Keine Sorge, ich hab einen Rollstuhlführerschein“ beim Schieben traf auf kurzes Necken: „Willst du die Haare ganz ab haben?“ „Von wegen!“ – ein Umgang, der schon beim Zuhören gut tut. Ebenso auffällig: Mehrere Bewohner fragten, wie denn bezahlt würde. Und waren merklich dankbar, als die Antwort lautete: „Das ist kostenlos!“
Wie wichtig diese Aktion war, zeigte sich auch im Verhalten der Bewohner der Einrichtung. Zu beobachten war, dass der Sitz gerader wurde, die Augen leuchteten, das Gesicht strahlte. Eine „Kundin“ umarmte Mo Khomassi spontan, der die Aktion initiiert hatte. Der Blick in den Raum ließ ihn einen Satz sagen, der offensichtlich die Stimmung aller einfing: „Da geht mir das Herz auf!“
Doch nicht alle Hintergründe sind durch bloßes Hinschauen erkennbar. Pflegedienstleitung Jessica Selbach erzählt von schwierigen Situationen. Es gebe viele Bewohnerinnen und Bewohner, die von Sozialhilfe lebten und denen nur ein schmales Taschengeld zur Verfügung bliebe. Bei allen anderen Ausgaben käme da nicht nur ein Friseurbesuch oft zu kurz – manchmal schneide das Personal selbst die Spitzen – auch für Drogerieartikel sei häufig kein Geld da. Aus diesem Grund hatte das Team an diesem Tag auch mehrere „Goodie-Bags“ mit ein paar Pflegeartikeln und Schokolade für die frisch frisierten Menschen mitgebracht. Selbst die im Quartier ansässige Friseurin Diana Kamps habe, so Selbach, schon darüber gesprochen, dass man etwas machen müsse, weil den Menschen die finanziellen Mittel fehlten.
Dabei ging es bei der Veranstaltung nicht nur darum, nötige Mittel zu beschaffen. Ziel sei auch gewesen, den Menschen Gespräche und vor allem Zeit zu schenken. Etwas, da sind sich Khomassi und Selbach einig, von dem viele im Schirmer Quartier zu wenig bekämen. Die Pflegedienstleiterin führte aus, dass vielen der Kontakt fehle, oft Betreuer da seien, die aber wirklich nur betreuten. Im Subtext: Keine warmen Worte oder einfach mal freundlich mit einander umgehen – Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind. Dafür sei die Besetzung des Quartiers für einige – Angestellte inbegriffen – wie eine Familie. Teilweise sei man als Pflegepersonal sogar privat erreichbar und für Sorgen und Nöte da. Und das zusätzlich zur Arbeitszeit, zu der man unter anderem auch „Seelsorge, Hausmeister und Ärzte“ sei – und das rund um die Uhr.
Dass er nochmal etwas fürs Schirmer Quartier tun wollte, wusste Mo Khomassi seit einer Plätzchenback-Aktion mit Kindergarten-Kindern im vergangenen Winter. Die bloße Dankbarkeit fürs Vorbeikommen insbesondere jener, die alleine lebten, hätte ihn so tief berührt, dass er nicht nur den Entschluss fasste, jedes Jahr Kekse dort hin zu bringen. Er habe sich gefragt: „Hier will ich nochmal hin, aber was macht man?“ Mit den Informationen über die schwierige Lage vieler der Seniorinnen und Senioren kam spontan die Idee auf, das Haarschneiden zu veranstalten. Er betont: Diese Aktion werde nicht die letzte sein und ließ durchscheinen, dass es auch weitere Einrichtungen oder Institutionen geben werde, für die er sich einsetzen werde. Khomassi kommentierte: „Wenn man die Älteren nicht respektiert, hat man das Leben nicht verstanden.“ Auch eine Erklärung für die Selbstverständlichkeit des Einsatzes.
Nicht einmal ein Monat ist seit dem ersten Anruf ans Schirmer Quartier mit der Idee vergangen. „Morgens um zehn nach Sieben“, erinnert sich die stellvertretende Wohnbereichsleitung WB1 Heike Sand lachend an das Gespräch. Laut Selbach sei auch der Einrichtungsleiter sofort hellauf begeistert gewesen. „Dass es überhaupt noch so Menschen gibt, die sich Gedanken machen: Was passiert um mich herum, was passiert in meiner Stadt?“ Dass es so „lange“ für die Umsetzung gedauert hat, ist damals bereits feststehender Urlaubsplanung zuzurechnen. Eine Geschwindigkeit, die deutlich macht: Manchmal hilft es, einfach mal zu machen.
Für Mo Khomassi ist es bei weitem nicht die erste Aktion, die er für Bedürftige organisiert. Und auch für Kemal’s Barbershop ist dies kein neues Gebiet. Der Friseurmeister hat schon öfter soziale Projekte unterstützt – beispielsweise Khomassis Aktion für die Erdbebenopfer in der Türkei. Auch bei dieser Aktion sei Kemal Kalender sofort dabei gewesen. Schließlich sei Montag sowieso Ruhetag.
Aus Anerkennung für die Aktion schenkte das Schirmer Quartier dem ganzen Team betriebseigene Pullover. Darauf zu lesen ist „Team Compassio“ – also ungefähr „Team Mitgefühl“ und der Name der Betreiberfirma – „Wir nehmen nicht jeden“.
Geplant ist, die Aktion jedes Quartal zu wiederholen und sie damit zu verstetigen. Dann hört man im Quartier vielleicht öfter Gespräche wie „Sie sehen toll aus!“ – „Das höre ich gern!“
Fotos: Ariane Schenk

















































