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Alles mal 16?

Die Klimakrise hat im übertragenen Sinne auch die Kirche erreicht. Fast 19.000 Menschen rechnen sich nach letzter Erhebung in den Jülicher Gemeinden dem katholischen Glauben zu. Die Prognosen sprechen aber eine andere Sprache: „Wir werden in den nächsten Jahren weiterhin ein bis zwei Prozent der Kirchenmitglieder verlieren“, sagt Josef Wolff, Propst der Jülicher Pfarrei Heilig Geist. „Noch haben wir eine gewissen Komfortzone und Menschen, die mitarbeiten. Aber es werden weniger. Auch das Pastoralteam wird weiter schrumpfen. Die Eisscholle schmilz und bevor sie fort ist, möchte ich schwimmen gelernt haben.“ Das ist eine Motivation sich mit seiner Pfarrei auf den Weg in die Zukunft zu machen.

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Das Bild von der Feuertaube wurde von dem ungarischen Grafik-Künstler András Simon aus Budapest entworfen, der alle seine Grafiken mit nur einem Strich zieht. Zur Fusion 2013 hatte sich die Pfarrei für dieses Logo entschieden. Die Begründung: "Die grafische Gestaltung drückt sehr viel Energie und Dynamik aus - sie ist gleichzeitig modern in der Formgebung und traditionell in der Bildsprache: Geist und Feuer, Bewegung und Lebendigkeit, Kraft und Wärme - unterstützt vom frischen Rot des Logos. Unter diesen Vorzeichen will sich auch die katholische Pfarrei Heilig Geist zeigen." Logo: András Simon
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Im Sommer 2018 hat sich der neunköpfige Arbeitskreis 2030 gebildet, der sich zu je einem Drittel aus GdG-Ratsmitgliedern, Pastoralteam und Kirchenvorstand zusammensetzt. Begleitet hat ihn Michael Kock als Moderator von der kirchlichen Organisationsberatung des Bistum. Im November letzten Jahres hat er erste Ergebnisse seiner Erkenntnisse öffentlich gemacht. Sie lauten: Bis 2030 wird die Katholikenzahl voraussichtlich auf 15.000 zurückgehen. Als Folge dessen werden auch die verfügbaren Kirchensteuermittel um etwa 20 Prozent abnehmen. Das Pastoralteam, das sich derzeit inklusive Priesterschaft aus 12 Mitarbeitern zusammensetzt, wird sich voraussichtlich gegenüber heute halbieren. 2030 werden noch etwa 600 Gottesdienstbesucher an einem durchschnittlichen Wochenende in den Kirchen von Heilig Geist erwartet. „Wenn keine Wende eintritt, wird sich dieser Schrumpfungsprozess von Kirche auch nach 2030 fortsetzen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Wir müssen und wollen handeln“, sagt Josefine Meurer, als eine des neunköpfigen Arbeitskreises.

Das allübergreifende Thema ist: Wie kann die Pfarrei Heilig Geist mit seinen 16 Kirchengebäuden und Ortsgemeinden ein aktives Glaubensleben aufrecht erhalten? Diese Überlegungen sind nicht neu und nicht revolutionär. Sie sind bereits mit Beginn des so genannten KIM-Prozesses in Jülich 2014 (siehe unten) ein Thema. Allerdings, so räumt Propst Wolff ein: „KIM hatte nicht zur Folge, dass wir Prioritäten gesetzt haben, sondern, dass wir möglichst vielen, möglichst wenig wehgetan haben.“ Inzwischen ist die Pfarrei aber von der Realität eingeholt worden: „Seit der Fusion denken wir im Kirchenvorstand denken wir alles mal 16“, erklärt Propst Wolff. Gemeint sind die Kosten, die zu bewältigen sind. Denn bislang gilt das Gleichheitsprinzip: Wird Kirche X eine Sanierung bewilligt, möchte Kirche Y dieses Recht ebenfalls für sich in Anspruch nehmen. Dieses „Gießkannen-Prinzip“ist perspektivisch aber wenig zielführend. „Wir haben einen Sanierungsstau“, beschreibt Propst Wolff den Ist-Zustand der kircheneigenen Bauwerke und wenn alles mal 16 genommen werde „dann sind wir pleite“. Klar ist allen: Ein Konzept muss her. So lange es keines gibt hat der Kirchenvorstand alle Maßnahmen „auf Eis“ gelegt – es sei denn, es ist Gefahr im Verzug. So ein Fall war Selgersdorf, wo sich aus dem Turm von St. Stephanus Steine lösten und herunterfielen.

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Die Folge des „Stopps“ bekommen etwa die Merscher derzeit deutlich zu spüren: In St. Agatha ist die Heizung defekt. Repariert wird sie nicht.Ein höherer fünfstelliger Betrag müsste aufgewendet werden. Zum Adventskonzert, so war zu hören, sind Decken verteilt worden. Hörbar ist es auch in Bourheim – oder vielmehr hören die Kirchenbesucher nichts, denn die Orgel leidet an Schimmelbefall. Da beim Spielen des Pfeifeninstruments die Sporen in den Raum getragen würden, darf es nicht gespielt werden.

Das Konzept, um das es geht, soll mit der AG 2030 Formen annehmen. Vorgeschlagen worden ist eine dreistufige Differenzierung der Kirchenorte: In der Pfarrei Heilig Geist soll es auf Dauer einen Zentralort geben mit Kirchenraum, Veranstaltungsräumen und Verwaltungszentrale. Außerdem sollen in der Pfarrei drei bis fünf „Themenzentren“ geben. Neben den gängigen Ideen wie Familien- oder Citykirche, Grabeskirche oder Umnutzung und Umbau zu betreutem Wohnen ist die AG nach Bekunden von Josefine Meurer für alle kreativen Ideen offen. Sie widerspricht auch Propst Wolff, der die Einschränkung „wirtschaftlich und umsetzbar“ andocken möchte: „Wir wünschen uns auch mutige Ideen, die man weiterdenken kann.“ Konsenz ist, dass es eine „Kirchenverträglichkeit“ geben soll.

In allen Gremien und auch den Seelsorgebezirken vor Ort hat sich die AG 2030 vorgestellt. Die Reaktionen, so Josefine Meurer, seien sehr unterschiedlich gewesen. „Die Gemeindemitglieder haben gesehen, dass wir daran arbeiten und auf ihre Ideen angewiesen sind. Dann müssen wir uns gezielt jede Kirche anschauen unter dem Aspekt: Was bietet sich wo an?“

Ganz deutlich macht Propst Josef Wolff aber auch, dass nur gewinnen kann, wer sich „bewegt“. „Die Kirchengebäude, für die wir keine Idee haben, wie wir sie entwickeln können, werden verlieren. Jede Gemeinde müsste ein Interesse daran haben, sich zu überlegen: Was können wir aus unserer Kirche machen und welchen Bedarf gibt es dafür?“

Die nächsten Schritte sind nicht vor diesem Frühjahr zu erwarten.

Wer ist eigentlich …?

Die Pfarrei Heilig Geist
umfasst 16 Gemeinden, die weitgehend identisch mit der kommunalen Gemeinde sind. Hinzu kommen Engelsdorf, Krauthausen und Schophoven.

Das Pastoralteam
sind alle Mitarbeiter im pastoralen Dienst mit bischöflichem Auftrag, die in einer GdG arbeiten, also Priester, Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten.

Der Kirchenvorstand
ist das geschäftsführende Gremium, das die Kirchengemeinde in allen Rechtsgeschäften vertritt (Personalverträge, sonstige Verträge, überhaupt alle wirtschaftlich-finanziellen Belange); es besteht aus ehrenamtlichen gewählten Pfarreimitgliedern. Geborener Vorsitzender ist der Pfarrer.

Der GdG-Rat
setzt sich aus gewählten Mitgliedern der Pfarrei Heilig Geist zusammen. Es ist damit Vertretungsorgan aller 16 Ortsgemeinden, der sonstigen Orte kirchlichen Lebens (Verbände, Schulseelsorge uvm.)

KIM
bedeutet Kirchliches Immobilien Management. Das Bistum Aachen hatte entschieden, dass ein Drittel der Immobilien nicht mehr durch das Bistum finanziell unterstützt wird. Die Gemeinden hatten – nach einer Bestandsaufnahme durch ein professioneles Büro – selbst zu entscheiden, auf welche Gebäude sie „verzichten“, also sie veräußern wollten, oder sie selbst finanzieren können. Anderorts sind auch Kirchengebäude aus der Finanzierung genommen worden. Die Pfarrei Heilig Geist hat sich entschieden, für 10 Jahre alle 16 Ortskirchen zu erhalten und selbst bei den 4 Kirchen für die ausfallenden Bistumsmittel aufzukommen, die aus der Förderung gefallen sind, um die Sparauflagen zu erfüllen.


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