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Aus der Not geboren

Nach dem Angriff Russlands aufgrund machtpolitischer Interessen fallen in der Ukraine Bomben, es wird geschossen, es brennen Häuser. Und jedes dieser Häuser ist das Zuhause von Menschen gewesen, die nichts für diesen Krieg können, deren ganzes Leben binnen weniger Tage zum absoluten Chaos geworden ist, die alles zurücklassen müssen, die nicht wissen, wo ihre Liebsten gerade sind und ob es ihnen gut geht. Es ist ungerechtes und sinnlos verursachtes Leid, das in Europa eine große Welle der Solidarität und des Mitgefühls verursacht hat.

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Nataliya Danylyuk ist Dozentin am Science College Overbach. Seit 2004 ist die gebürtige Ukrainerin in Deutschland. Danylyuk ist Teil der JÜkrainer, der ukrainischen Gemeinde in Jülich. Um zu helfen, wandte sie sich an den Leiter des Science College Philipp Mülheims. Über Nacht fiel die Entscheidung, Sachspenden zu sammeln und auch zu der ukrainischen Grenze zu bringen sowie im Anschluss mit dem Autos Kriegsflüchtlinge mit in Sicherheit zu nehmen. Eine Woche sehr wenig Schlaf, sehr viele Telefonate und noch mehr Arbeit folgten. „Ich wollte nicht, dass das ganze passiert. Ich muss das ganze erstmal begreifen. Der Krieg in der Ukraine hat ein unglaubliches Ausmaß angenommen“, sagt Danylyuk. „Wir holen dann teilweise unsere Verwandten ab. Ich habe Angst um andere Menschen, weil ich und meine Familie sehr viele in der Ukraine haben, da wo die Städte schon platt gemacht wurden, wo wir seit zwei, drei Tagen auch keinen Kontakt mehr haben. Wir denken nur an diese Leute.“

Schnell wurde das Foyer des Science College zur Lagerhalle. Zahlreiche Menschen folgten dem spontanen Zuruf und brachten die dringend benötigten Sachspenden vorbei. Windeln, Kleidung, Medikamente und Lebensmittel beispielsweise wurden in Umzugskisten gepackt, beschriftet und teilweise mit netten Grüßen versehen. „Es war heute richtig viel los“, freute sich Mülheims am vergangenen Sonntag entsprechend. Trotzdem wurde am Montag noch ein weiterer Abgabetag organisiert, da noch beispielsweise Zahnbürsten, Schnuller, Kuscheltiere und Tragetücher gebraucht wurden. In einer Hau-Ruck-Aktion wurden die Kartons zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Fahrzeuge geladen.

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Zeitgleich meldeten sich Freiwillige, die den Konvoi begleiten würden. Darunter drei Fahrer für den LKW, eigentlich ein Fahrschulfahrzeug des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland. „Wenn wir in der Situation wären, würden andere auch helfen“, sagte Berufsfahrer Markus Jansen, der zusammen mit Aziz Zelmat und Karl-Gert Kerres den Sattelzug über die Grenze brachte.

Unternehmen aus dem Umland stellten acht Transporter, die ebenfalls vollgeladen und von drei Fahrern begleitet wurden. Joseph Steinschulte, der den Konvoi als Fahrer begleitete, sagte: „Eine tolle Sache zum Unterstützen. Vor uns liegt eine lange Hinfahrt. Die Rückfahrt wird dann nochmal spannend, weil die Verständigung mit den ukrainischen Kindern schwierig werden wird. Aber das werden wir schon irgendwie hinbekommen.“ Peter Feddersen war eine Woche vor dem Start des Konvois des Science College bereits schon einmal in der Ukraine gewesen. Damals brachte er in einem Pferdeanhänger mit der Unterstützung von Freunden 1,5 Tonnen Hilfsgüter zur Grenze und brachte eine Mutter und ihre zwei kleinen Kinder, im Alter von drei und sechs Jahren, sowie die Familienkatze mit nach Deutschland zurück. „Ich habe im Leben eine Menge Glück gehabt. Ich denke, ich kann auf diese Art und Weise einen kleinen Teil wieder zurückgeben“, sagte dieser auf die Frage, warum dieser nun erneut losfahre.

Am Dienstagabend um kurz nach 19 Uhr traten alle kurz vor der Abfahrt zusammen. „Allen ein extrem großes Dankeschön. Wir alle tun das aus demselben Grund. Nataliya hat gefragt, ob wir etwas tun können, auch weil das Haus Overbach Gästehäuser hat. Dann haben wir vom CJD den Sattelzug bekommen. Dann war klar, dass wir die Bullys bekommen. Ganz Jülich hat Spenden reingebracht. Dann war klar, dass viel mehr Leute kommen werden, die auch mitwollen. Wir fahren heute los bis nach Chelm. Das liegt im Dreiländerdreieck zwischen Weißrussland, der Ukraine und Polen. Das sind über 3000 Kilometer. Wir werden im Konvoi fahren. Das ist ganz wichtig, damit keiner zurückbleibt“, richtete Mülheims das Wort an die Helfer. „Ich habe mit der Bildungsdezernentin aus Chelm gesprochen. Die werden gerade von Flüchtlingen überrannt. Die Lebensmittel werden knapp. Wir haben Leute dabei, die übersetzen können und die in der Traumahilfe ausgebildet sind. Es warten jetzt schon Menschen auf dem Parkplatz in Chelm auf uns. Dabei sind Kleinkinder ab einem Jahr, Mütter und auch eine Oma.“ Dann wurde es nochmal etwas ernster: „Es ist Chaos, das da herrscht. Immer bei den Fahrzeugen bleiben. Zusammenbleiben. Ruhe bewahren. Keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen.“

Zuletzt trat Pater Manfred Karduck vor die Menschen. Dieser sagte in Auszügen: „Wir bitten um den Schutz Gottes für die Fahrt für die Mitmenschlichkeit und den Frieden. Wir bitten die Schutzengel, uns zu begleiten. Begleite die Helfer und lasse die Frauen und Kinder erfahren, dass sie in den Fahrzeugen geschützt sind.“ Dann ging es los.

Nach einer langen Nacht und der Überquerung der polnischen Grenze gegen fünf Uhr morgens kam der Konvoi schließlich in Chelm an. Hier wurden die Hilfsgüter in einer großen Lagerhalle abgeladen. Anschließend wurden die Flüchtlinge in Zusammenarbeit mit den polnischen Behörden auf die Autos verteilt. „Wir sind durch das Chaos gelenkt worden“, sagt Mülheims. Zwei Dinge werden ihm besonders in Erinnerung bleiben. Am Hauptbahnhof Chelms traf er auf einen deutschen Malteser. Als dieser herausfand, dass die Deutschen Flüchtlinge transportieren und auch einen Rettungssanitäter mit an Bord haben, führte der Malteser Mülheims zu einer hochschwangeren Frau. Diese ist für diese oder nächste Woche ausgezählt. „Uns wurden drei Nabelschnurklemmen und ein Wehenhemmer in die Hand gedrückt und uns wurde erklärt, wie wir das Kind im Notfall auch auf der Autobahn auf die Welt bringen können.“ Die Schwangere hat es glücklicherweise mit Baby im Bauch in die Herzogstadt geschafft.

Einen der Bullys noch nicht besetzt, war die nächste Station ein Frauenhaus. Bereits als die Autos dort ankamen und die Menschen vor Ort die deutschen Kennzeichen erkannten, habe sich eine Menschentraube um die Fahrzeuge gebildet. Die Polizei schützte die Autos. „Ich werde das nie vergessen. Als wir das Haus betraten, stand wie in einem Lichtkegel die Bürgermeisterin im Raum und hat uns in absoluter Ruhe mitten im Chaos in eine Halle geführt, in der 4000 Feldbetten standen.“ 30 Zentimeter Platz sei zwischen den Reihen gewesen. Teilweise in den Betten Menschen mit schweren Kriegsverletzungen. Alle Plätze der besetzt, wurde die Fahrt wieder in die Richtung Jülichs fortgesetzt.

Lautes Autohupen kündigte den Konvoi auf dem Schlossplatz des Haus Overbach an. Voller Spannung wartete ein kleines Empfangskomitee auf die Helfer und die Geretteten. Völlig erschöpft, aber größtenteils von einem zum anderen Ohr grinsend stieg die Gruppe aus. „Wir sind zurückgekehrt! Wie versprochen“, lachte Nataliya Danylyuk altbekannte Gesichter an. Einen Satz, den man von den Wiedergekehrten immer wieder hörte: „Wir sind wieder da, wie wir gesagt haben“, machte nochmal deutlich, in welche Zustände sich die Helfer begeben hatten. „Die Stimmung ist extrem gut. Alle haben sich total gefreut“, sagte Mülheims.

Insgesamt konnten 41 Menschen gerettet werden. Das Haus Overbach nimmt nun 36 Geflüchtete auf. Darunter Kleinkinder, eine Hochschwangere, eine ältere Dame und einen Hund, die sich nun in der friedlichen Atmosphäre des historischen Geländes hoffentlich gut erholen können.

Die Aktion soll bald wiederholt werden. Fahrer können sich unter der Mailadresse [email protected] melden. Außerdem soll bald eine weitere Mailadresse eingerichtet werden, unter der sich Anwohner rund um das Haus Overbach melden können, die noch Platz und Betten freihaben.


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