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Da waren es noch 15

Am Anfang stand der KIM-Prozess, das kirchliche Immobilien-Management, mit dem sich in den 2010er Jahren alle Gemeinden und Pfarreien im Bistum Aachen beschäftigen mussten. Zu entscheiden war, welche Gebäude im Kirchenbesitz aus der bistümlichen Förderung fallen würden. Jetzt geht es einen Schritt weiter: Inzwischen stehen viele Kirchen selbst zur Disposition. Von 16 Gotteshäusern der Pfarrei Heilig Geist Jülich sollen 12 einen neuen Besitzer finden. Jetzt gab es den ersten Vertragsabschluss: Thomas Oellers hat St. Rochus gekauft.

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St. Rochus wurde 1961 nach Plänen des Kölner Architekten Gottfried Böhm erbaut. Foto: Dorothée Schenk
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„Es bleibt alles so, wie es ist!“ Das ist die Aussage von Thomas Oellers. Der Geschäftsmann, der seit 30 Jahren ein Fahrradgeschäft betreibt und den Jülichern bestens bekannt ist für seine pointierten Reden im Karneval, ist ab 1. Januar 2023 Besitzer der Kirche St. Rochus im Jülicher Heckfeld. „Es ist ein großer Einschnitt“, sagt Pfarrvikar Konny Keutmann, der vor 20 Jahren als Pfarrer in „Rochus“ seinen Dienst aufnahm. „Grundsätzlich tut es weh“, sagt Bernd Stenmans, Leiter des Fachbereichs Bauen und Denkmalpflege im Bistum Aachen. Aber es ist das Rad der Zeit, das läuft.

Möglichst alle Belange in den Blick zu nehmen, darin sieht Thomas Surma, Kirchenvorstand der Pfarrei Heilig Geist, die wichtigste Aufgabe im sensiblen Thema des Kirchenverkaufs. Tatsächlich war es Surma, der den Kontakt zu „Tom’s Bike Center“ aufgenommen hat. „Thomas Surma kannte meine Platznot. Er hat mir sogar schon mal seine Garage als Lagerraum zur Verfügung gestellt“, erzählt Kirchenkäufer Oellers schmunzelnd. Viel mehr Raum nehmen die heutigen Fahrräder ein, haben breitere Lenker und sind schwerer – gar nicht zu denken ist an eine Präsentation eines trendigen Lastendes. Aber als Surma im Frühjahr 2021 auf ihn mit der Frage „Willst Du eine Kirche kaufen?“ zugekommen sei, war das zunächst eine unvorstellbare Option.

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Thomas Oellers ist ein „Kind des Viertels“. Seine Eltern führten an der Heckfeldstraße 46 einen Lebensmittelladen mit Bäckerei, in dem der Geschäftsmann bis heute sein Fahrradgeschäft betreibt. St. Rochus, das ist die Kirche, in der er getauft wurde, zur Kommunion und Firmung ging, deren Sonntagsglocken zur Messe rufen. Darum ist es ihm auch so wichtig, dass grundsätzlich alles bleibt, wie es ist – zumindest nach außen hin. Nach eigenem Bekenntnis wird keine Werbung an der Kirchentüre oder Mauer angebracht. „Das Maximum an Reklame wäre, dass ich den Lieferwagen beklebe und vor der Türe parke.“ Und der Schaukasten, bislang als „Rochus-Fenster“ bekannt, soll zum bewegten Schaufenster werden: Per Video will Thomas Oellers zeigen, was im Kircheninnern zu sehen ist: Fahrräder.

Das „Rochusheim“ bleibt als Versammlungsstätte im Besitz der Pfarrei, ebenso wie die Wohngebäude. Die Werktagskapelle steht der Gemeinde für Gottesdienste zur Verfügung. Im November wird ein gepflasterter Zuweg gelegt. Es ist Thomas Oellers wichtig, dass die Menschen im Heckfeld das Gefühl behalten, dass das Glaubensleben nicht aus dem Viertel entschwindet. Derzeit werden für die Kirchenbänke Käufer gesucht, und die „Sakristei“ zieht ins benachbarte Rochusheim um, berichtete Thomas Surma. Oellers plant, im Kirchenraum für die Werktagskapelle eine „Quasi-Sakristei“ aus Milchglaswänden einzurichten, damit der Priester sich dort für die Gottesdienste vorbereiten und umziehen kann.

In die heutige Sakristei werden ab Januar drei Werkstattplätze einziehen. Genau an diesen Ort, weil es einen Seiteneingang gibt, über den die reparaturbedürftigen Zweiräder „angeliefert“ werden können und damit nicht durch den Kirchenraum fahren müssen. Erneuert werden sollen auch die Lampen. „Wir brauchen ein neues Beleuchtungskonzept“, sagt Oellers, der übrigens perspektivisch denkt: Ihn selbst hätte sein Ladenlokal noch „ausgehalten“, aber da gibt es noch einen engagierten Mitarbeiter und Oellers Junior, die einmal die Geschäfte weiterführen sollen. So kam es dann doch zur Kaufentscheidung.

Mit seiner Sensibilität, so Kirchenvorstand Thomas Surma, habe Thomas Oellers letztlich alle überzeugt: die Gremien vor Ort, die Denkmalbehörde(n), Paul Böhm, Sohn des Architekten Gottfried Böhm und damit Entscheider über das „geistige Eigentum“, sowie den Priesterrat und den Bischof. Die Entwidmungsurkunde liegt bereits unterschrieben vor, bestätigt Surma. Der Notarvertrag ist unterzeichnet. Und was kostet eine Kirche? Darüber bewahren beide Vertragspartner Stillschweigen.

Unklar ist noch, wie mit dem Altar und dem Weihwasserbecken verfahren wird. Auch sie hat Gottfried Böhm entworfen. Während nach Vorstellung der Pfarrei – und Bestätigung der Unbedenklichkeit durch einen Steinmetz – das Weihwasserbecken vor der Werktagskapelle Aufstellung finden soll, könnte der Altar „formschön der Kapelle angepasst werden“. Hier laufen die Gespräche noch. Die Orgel könnte, so erklärt Bernd Stenmans, eventuell in die Ukraine verkauft werden. Dafür hat die Pfarrei aber ein Jahr Zeit.

Klar ist, dass am 20. November in St. Rochus eine Messe gefeiert wird mit anschließendem Empfang, um die Kirche „auf den neuen Weg“ zu bringen. Die letzte Messe wird dann wohl am 25. Dezember zu Weihnachten begangen.

Ein Blick zurück

Schon Anfang 2019 stellte der damalige Propst Josef Wolff im Pfarrbrief die Frage Kirche im Jülicher Land, wohin gehst du? und stellte Zahlen & Daten zur Kirchenentwicklung vor. Die Arbeitsgemeinschaft Kirche 2030 hat bereits vor vier Jahren ihre Arbeit aufgenommen in der Erkenntnis, dass kreativ und konstruktiv die Zukunft der Kirchengebäude geplant werden müsste. Die aktuelle Statistik zeigt, dass die Zahl der Kirchgänger unter den Gläubigen immer weiter sinkt. Die Kirchenaustritte, die ihm in diesem Monat vorlägen, erzählte Pfarrer Konrad Keutmann, seien so hoch, wie früher im ganzen Jahr. Von rechts wegen würde also – auch angesichts der steigenden Energiekosten – lediglich ein Gotteshaus ausreichen, um Gottesdienste zu feiern. Allerdings will sich die katholische Kirche nicht völlig aus der Fläche zurückziehen.

Aus der Präsentation „Pfarrei Heilig Geist Jülich gestaltet ihre Zukunft und setzt Schwerpunkte“

Ganz sachlich legt Thomas Surma als Vorsitzender des Kirchenvorstandes der Pfarrei Heilig Geist Jülich die Fakten auf den Tisch. 1992 zählte die damalige GdG Heilig Geist rund 23.700 Katholiken. 2017 nach der Fusion zur Pfarrei waren es noch 19.200 – obwohl 2013 eine weitere Gemeinde, nämlich Schophoven, mit rund 700 Katholiken hinzugekommen war. 1992 besuchten 20 Prozent der Pfarrangehörigen den Sonntagsgottesdienst, 2017 waren es noch 7 Prozent. Dem gegenüber stehen 16 Kirchtürme, die sich derzeit alle noch im Besitz der Pfarrei befinden. Inzwischen stehen 12 von ihnen zur Disposition.

Vor einem Jahr hatte „Heilig Geist“ ihre Gemeinden dazu aufgerufen, „ihre“ Kirchen mit Inhalt zu füllen. Das Ergebnis: Benötigt werden demnach Orte für Familienpastoral (St. Franz von Sales im Nordviertel, wo schon die Jugendkirche 3.9zig zu Hause ist), Trauerpastoral (in Selgersdorf, gewählt wegen des Gleisanschlusses),  eine „Kunstkirche“, um die beweglichen Schätze der Pfarrei aufzunehmen und zu präsentieren, sowie die Propsteikirche im Stadtzentrum. Alle übrigen Kirchen können bei entsprechender Vorlage einer sensiblen Folgenutzung erworben werden – das gilt natürlich auch für die zugehörigen Pfarrhäuser und weiteren Immobilien. „Uns ist nicht der letzte Euro wichtig, sondern dass die Menschen dazu passen. Wir geben uns extrem viel Mühe, die richtigen Menschen für unsere Immobilien zu finden“, sagt Thomas Surma.

Er zählt auf, was es abzuwägen gilt: Wiegt die Nähe zu Schule und Kindergarten schwerer als die bauliche Substanz einer Kirche? Denkmalschutz ist eine Verpflichtung – die kann sich aber auch darin widerspiegeln, dass für den baulichen Erhalt, den man als Kirche nicht mehr gewährleisten kann, ein Verkauf die richtige Lösung ist. Einige Kirchen der Pfarrei Heilig Geist sind auf „Basisbetrieb“ gestellt, wie Surma es nennt. Das heißt, es werden keine teuren Reparaturen mehr vorgenommen. Ein Beispiel ist St. Agatha in Mersch, wo seit zwei Jahren die Heizung kaputt ist und die Reparatur über 100.000 Euro kosten soll. Hier wird gerade mit der Stadt gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

Eine Besonderheit im Jülicher Land ist der Apostelbalken in St. Martinus Barmen. Foto: Günter Jagodzinska | Archiv

Andere Kirchen sind wahre Schatzkammern, genannt sei hier nur der Apostelbalken in der Barmener Kirche, die man nicht aufgeben möchte. St. Martinus ist eine Kirche, die aber nicht viel Raum bietet – anders als in Güsten St. Philippus und Jakobus, die auch ein im Wortsinn reiches Innenleben hat. „Da tragen wir große Verantwortung“, ist sich Thomas Surma bewusst. „Für den einen ist es eine Kirchenbank – für den anderen ein emotionales Möbel. Wir müssen die Empfindungen der Menschen in allen Facetten ernst nehmen.“ Keineswegs banal sind entsprechend diese Abwägungsprozesse. Aber es wird an konstruktiven Lösungen gearbeitet. Proaktiv, so stellt Surma klar, würden keine Käufer gesucht. Man warte eher darauf, dass potenzielle Interessenten Kontakt aufnähme  oder er sich – wie im Fall Rochus – ergibt.

So sind wegen der Nähe zum Forschungszentrum Jülich und dem entstehenden Brainergy-Park Umnutzungen zu „Digital Hubs“ oder „Coworking Spaces“, also externe Arbeitsbereiche, im Gespräch, die mit entsprechender Datenleitung ausgestattet würden. Ein weiteres Modell ist, Partnerschaften zu knüpfen, etwa mit der Stadt Jülich, um in den Dörfern Versammlungsräume zu erhalten oder zu schaffen. Ein Haus, mehrere Nutzungen – etwa durch die Gemeinde mit der Feuerwehr. Diese Überlegungen stehen aktuell an zwei Orten an. Interesse an Kirchen bekundet haben auch schon ein Künstler und ein Archäologe. Letztlich scheiterte die Vertragsunterschrift daran, erklärt Thomas Surma, dass die Verfahren im Bistum zu lange brauchen. „Das ist ein Problem für die Pfarreien.“

Der Verkauf von St. Rochus brauchte von der ersten Idee über die Zustimmung der Gremien der Pfarrei Heilig Geist, dem Priesterrat und schließlich durch den Bischof rund anderthalb Jahre. Wenn ein potenzieller Käufer anböte, sogar die Glocken zu läuten, die Kirche weiterhin für Gläubige auf Nachfrage zu öffnen, der Kirchturm stehen bliebe und damit „die Kirche im Dorf“ bleiben könne, dann würde im Sinne der Menschen viel erreicht, ist der Kirchenvorstand überzeugt. Nachdem in beispielhafter Form der Verkauf der ersten Kirche unter Berücksichtigung aller sensiblen Punkte gelungen ist, hofft der Kirchenvorstand, dass sich auf für weitere Kirchen diese Perspektiven eröffnen. Und ja, es gibt bereits konkrete Anfragen.

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