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Miss Marple, Pebbles und die rote Weste

Ein aufgeregtes Fiepen ertönt, als Susanne Küpper die Box mit einem runden, schwarzen Fellknäuel ins Wohnzimmer trägt. Bei dem kleinen Lebewesen handelt es sich um den zwölf Wochen alten Welpen Pebbles, welche leicht verschlafen von ihrer rosa Schmusedecke aufschaut. Pebbles wird kurz von ihren Artgenossen Miss Marple und Moneypenny beschnuppert, bevor es sich die beiden Zwergpudel auch schon auf dem Sofa neben ihrer Besitzerin bequem machen. So ein Assistenzhundeleben ist eben ziemlich anstrengend.

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Susanne Küpper und ihre Hundeschar. Foto: Jana Zantis
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Moneypenny und Miss Marple, jeweils vier und acht Jahre alt, sind die treuen Begleiter von Susanne Küpper, welche an einer Dysmelie-Erkrankung leidet. Darunter versteht man eine angeborene Fehlbildung von Körpergliedern. Küpper kümmert sich um die Ausbildung ihrer Assistenz- und Therapiehunde und möchte mit Welpen Pebbles einen weiteren Hund anlernen.

Manchmal kommt es dazu ganz überraschend: Susanne Küpper entschloss sich damals ohne Intention, ihrem Hund, welcher liebevoll auch „Marple“ genannt wird, ein paar „Tricks“ zum Apportieren beizubringen. „Neben Jacken ausziehen und Besteck aufheben kann der Hund auch Klavier spielen“, erklärt sie. Irgendwann entschied sie sich dazu, ihren treuen Vierbeiner zum Assistenzhund ausbilden zu lassen.
Doch was genau passiert bei einer Ausbildung zum Assistenzhund und wie tragen die Fellnasen zu einer Erleichterung im Alltag bei?

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Eine Ausbildung zum Assistenzhund dauert zwischen zweieinhalb und drei Jahre. Eine Zeit, in der nicht nur außerhalb der Trainingsstunden geübt wird, sondern in der es auch gegen Ende hin eine Abschlussprüfung gibt. Während der besonderen Erziehung lernen die Tiere, sich während ihrer „Arbeit“ nur auf ihren Besitzer zu fokussieren. Desweiteren müssen sie absoluten Gehorsam üben und in der Lage sein, sich überall und zu jedem Zeitpunkt abzulegen, um auch immer abrufbar zu sein. Küpper erläutert: „Ihre Reaktion auf verschiedenste Menschen wird getestet, beispielsweise auf Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollatoren. Ebenfalls müssen sie lernen, in einer Menschenmenge zu arbeiten, also zu apportieren oder zu schauen, ob der Weg für ihren Besitzer begehbar ist“. Solange die Vierbeiner arbeiten, tragen sie ihre Weste: ein rotes Tuch mit der Aufschrift „Assistenzhund“, oder wie bald in Pebbles‘ Fall: „Assistenzhund in Ausbildung“.
Das bedeutet, dass sich die Hunde dann ausschließlich auf ihr Frauchen konzentrieren und weder von anderen Menschen noch Hunden abgelenkt werden dürfen. Viele Menschen, darunter sehr häufig Hundebesitzer, zeigten wenig Verständnis dafür, dass die Tiere sich beim Tragen ihres Geschirrs im Arbeitsmodus befinden und dementsprechend nicht abgelenkt werden dürfen – besonders nicht von anderen Hunden.

Miss Marple wird jedoch irgendwann einmal in ihre wohlverdiente Rente gehen und an dieser Stelle komme die kleine Pebbles zum Einsatz.
„Mein Plan ist es, dem Welpen in Ausbildung einmal das Wäsche angeben beizubringen, damit mir auch beim Waschmaschine ausräumen geholfen werden kann“, so Küpper. Zuvor schaue sich der Welpe jedoch schon einiges bei seinen zwei großen Vorbildern Moneypenny und Miss Marple ab, welche von Susanne Küpper auch beim Mantrailing eingesetzt werden. Bei diesem Training macht man sich die hervorragende Nase der Hunde zum Nutzen und geht auf Personensuche. Wie auch beim Mantrailing wird in der Prüfung zum Assistenzhund ebenfalls eine Unfallsituation simuliert. Bei dieser wird dann mit Hilfe von Rettungskräften und der Polizei geübt, wie sich die Hunde in einer Notfallsituation zu verhalten haben. Doch so bedeutend und interessant eine Ausbildung zum Assistenzhund auch ist, sie ist ganz schön teuer.

Die Tatsache, dass die Krankenkasse eine solche Bildung der Hunde nicht in allen Fällen unterstütze und man sich dementsprechend eigene Förderer suchen müsse, verärgert Susanne Küpper. Sie macht immer wieder deutlich, dass ihre Hunde nicht nur ihr Leben vereinfachen, sondern dass sie ebenfalls zu einer Verbesserung ihrer mentalen und physischen Gesundheit beitragen. Die Tiere sorgen dafür, dass sie weniger Medikamente nehmen müsse, da sie häufiger an der frischen Luft sei, sich mehr bewege und durch ihre drei tierischen Mitbewohner viele Menschen kennenlerne. Susanne Küpper sagt, sie trage zusätzlich immer den Ausweis ihrer Hunde bei sich. Auf diesem ist nicht nur ein Bild des jeweiligen Assistenten zu sehen, sondern auch seine Angaben sowie die von seinem Halter. Die Abkürzung „LPF“ deutet darauf hin, dass die Hunde mit „Lebenspraktischen Fähigkeiten“ ausgestattet sind und somit als Unterstützer laut Gesetz überall Zugang haben. Aber Recht haben und Recht bekommen ist halt nicht immer dasselbe. Laut Gesetz dürfen Assistenzhunde nach erfolgreicher Ausbildung ihre Besitzer in Lebensmittelgeschäfte, Drogeriemärkte und sogar in Arztpraxen begleiten. Dennoch stoße sie des Öfteren auf Widerstand: Küpper trifft laut eigener Aussage oft auf Ignoranz bei Leuten, die ihre Hunde nicht „in Ruhe“ lassen oder Personen, die ihnen den Zutritt zu Geschäften verwehren. Doch gerade für Menschen mit Beeinträchtigungen sorgt dies für Schwierigkeiten im Alltag.

Ein gutes Beispiel stelle die Corona–Situation dar: Mit nur einem Finger ist es eine Herausforderung für Susanne Küpper, sich eine Maske anzuziehen. Musste jedoch eine Apotheke besucht werden, erzählt Küpper, konnte die Bestellung von draußen dem jeweiligen Mitarbeiter zugerufen werden und Miss Marple – ausgestattet mit einem Beutel und einer sich darin befindenden Geldbörse – wurde in die Apotheke geschickt, um die Medikamente abzuholen und hinauszubringen. Wenn beispielsweise eine Geldkarte runterfalle, assistieren die Hunde beim Aufheben – auch wenn es in diesem Fall mal etwas länger dauern könne.

Um auf den Beitrag ihrer Hunde aufmerksam zu machen, besucht Küpper sowohl Seniorenheime als auch Grundschulen mit ihren treuen Begleitern. Dabei stelle sie fest, dass die Senioren sich unfassbar über die Vierbeiner freuen, da viele selbst auch einmal Hundebesitzer waren. Auch die Grundschüler seien immer ganz aufgeregt, wenn Pebbles und Co. erscheinen. Dabei möchte die Hundebesitzerin den Kindern den Umgang und Respekt gegenüber Tieren beibringen und ihnen auch die Angst vor Hunden nehmen. Des Weiteren mache die Aktion schon früh auf Menschen mit Beeinträchtigungen aufmerksam.

Susanne Küpper wünscht sich, dass mehr Aufmerksamkeit für das Thema Menschen mit Assistenzhunden geschaffen wird, um eben auch zu zeigen, dass diese Hunde eine wahre Bereicherung für Beeinträchtigte seien. Zusätzlich solle die Gesellschaft toleranter werden, da es vielen Beeinträchtigten auch die Angst nehmen würde, in die Öffentlichkeit zu gehen und Geschäfte sollen ebenfalls besser informiert werden. Küpper spricht sich auch dafür aus, dass Einrichtungen für die Förderung und Betreuung behinderter Menschen oder auch Palliativstationen Assistenz- und Therapiehunde erlauben sollten. „Die Patienten sind dankbar für Fellnasen wie Pebbles oder Moneypenny und blühen bei den Tieren regelrecht auf“, berichtet sie.

Mit Hilfe von Moneypenny, Miss Marple, Pebbles und anderen Mitstreitern hofft Susanne Küpper, für ein größeres Verständnis zu sorgen und appelliert an die Jülicher, Assistenz- und Therapiehunden mit mehr Toleranz zu begegnen.


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