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Wenn der Krieg plötzlich „im Kopf“ ist

Als Vorbereitung auf ein geplantes Projekt des Mädchengymnasiums Jülich zur Unterstützung der Menschen in der Ukraine hatte die Fachschaft Religion.Dr. Alla Kovalenko eingeladen. Die Ukrainerin gab Auskunft über die aktuelle Situation in ihrem Heimatland und stellte sich den Fragen der Schülerinnen.

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Ukrainerin Dr. Alla Kovalenko beim Vortrag vor der neunten Klasse des Mädchengymnasiums. Foto: Sonja Neukirchen
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Nach einem sehr bewegenden Vortrag der Ukrainerin Dr. Alla Kovalenko über die Kriegssituation in ihrem Heimatland, waren die Schülerinnen im Mädchengymnasium Jülich (MGJ), die dem Beitrag im Rahmen eines Projektes im Religionsunterricht gelauscht hatten, sehr schweigsam. Nur langsam und zögerlich wagten es einige, der Referentin Fragen zu stellen. Die Anteilnahme an der Situation der Menschen, die teilweise in Kellern ausharren mussten, war offenbar plötzlich sehr konkret in ihren Köpfen. Sie hatten neben Fakten auch Bilder gesehen. „Ganz anders als in den Nachrichten“, meinte Dania Alla aus der 9b. Die Präsentation in der Aula hatte Krankenlager und Schulunterricht in Kellern gezeigt. Dort begäben sich die Menschen fast mehr aus psychologischen Gründen hin, so Kovalenko, weil der Schutz dort als größer empfunden werde. Überhaupt sei der Krieg in der Ukraine auch ein psychologischer. Nie wisse man, ob einer Sirene nur eine Bombe oder ganz viele folgen würden.

Ob die Menschen hungern müssten, fragte ein Mädchen. Das komme darauf an, wo die Menschen lebten. Essen gebe es genug, aber es sei teuer, so lautete die Antwort von Kovalenko. Eine andere Schülerin wollte wissen, was mit den Orten sei, die nicht mehr betroffen seien vom Bombardement. In Charkiv, da sei alles zerstört. In Kiew sei vieles bereits wieder restauriert worden. Eine Schülerin wollte wissen, wie die Flucht hierher funktioniere: Über alle Wege, so Kovalenko. Besonders mit dem Zug funktioniere das gut. Die Ukrainerin lebt und arbeitet selbst bereits seit vier Jahren in Köln als Unternehmensberaterin und hat zwei Kinder.

Am 24. Februar letzten Jahres habe sie plötzlich erste Bilder vom Krieg aus der Ukraine geschickt bekommen. Diese seien mitten in die Karnevalsfeierlichkeiten in Köln geplatzt und sie habe tagelang weinen müssen. Doch danach sei sie sofort aktiv geworden. Auch ihr damals sechsjähriger Sohn habe Bilder gemalt und im Bekanntenkreis verkauft. So seien über 600 Euro zusammengekommen, die den militärischen Helfern in der Ukraine gespendet worden seien. Seit Beginn des Krieges ist die römisch-katholische Kathedrale in Zaporizhzhia Zentrale für Hilfslieferungen aus der ganzen Welt geworden, so die Ukrainerin über ihre Heimatstadt, die 40 Kilometer von der Front entfernt sei und daher auch von Soldaten aufgesucht werde. Die einfachste Form der Hilfe funktioniere so, wie sie es praktiziere: Kontakt in die Ukraine halten, dort nach den Bedürfnissen fragen, diese notwendigen Dinge im Ausland einsammeln und hinsenden. So funktioniere das tausendfach. Auch jede kleine Hilfe zähle. Ihre Freundin betreue vor Ort 40 Militärärzte und sammle sehr umfangreiche Spenden weltweit, ohne Hilfsorganisation aber mit größtmöglicher Transparenz und im persönlichen Kontakt.

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Der eindrucksvolle Vortrag bildete den Auftakt für ein Hilfsprojekt des MGJ zur Unterstützung der Menschen in der Ukraine, erläuterte Lehrerin Bettina Groos, die das Projekt schulseitig koordiniert. Da Kovalenko direkt in Verbindung stehe mit der Freundin vor Ort, wisse man auch, dass alles in die richtigen Kanäle gelange. Den Transport von Jülich aus übernähmen die Jükrainer. Auch Groos schilderte ihr persönliches Schlüsselerlebnis, wo ihr die Not vor Ort besonders bewusst geworden sei: Die Ärzte, die mit dem Projekt mit Hilfsgütern versorgt werden sollen, wünschten sich Kondensmilch in kleinen Portionen. Damit sicherten sie in Schlucken ihren Kalorienbedarf zwischendurch, denn für eine richtige Mahlzeit sei keine Zeit, so Groos. Den Kontakt zu Kovalenko habe Dr. Barbara Schellenberger vom Schulträger des MGJ hergestellt, die an dem Vormittag ebenfalls anwesend war. Insgesamt dreimal – vor der achten, neunten und der EF-Klasse trug Kovalenko ihre Präsentation vor.

Wie es denn Menschen psychologisch gehe, wollte der Schulseelsorger Andreas Kuhlmann wissen. Auch hier antwortete Kovalenko mit einer Schlüsselsituation: Ein kleines fünfjähriges Mädchen habe eine Sirene gehört und sei schnell zur Mutter gerannt. Auf die Frage warum, habe sie geantwortet: Sie hätte Angst gehabt alleine zu sterben. Wichtig sei es für die Menschen, erstmal den Alltag weiter zu machen. Tag für Tag. So könnten die Menschen das überleben. Man dürfe nicht immer auf den „Tag der Befreiung“ fixiert sein. Derweil zerstöre die russische Armee wichtige Infrastruktur: Am 30. Dezember letzten Jahres seien 2600 Bildungsgebäude bereits beschädigt, 406 völlig zerstört gewesen. Aber Bildung sei sehr wichtig. Es gebe viel Propaganda, viele Fake- und so genannte „Deep-Fake Videos“, die vom Laien von echten nicht zu unterscheiden sind. Dafür braucht es Bildung, deshalb werde weitergelernt. „Ich habe Angst, morgens die Nachrichten zu schauen“, meint sie. Dann könnte sie nichts mehr machen. Sie schaue daher abends.


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