Wenn man irgendwo in Jülich gräbt, dann ist zu erwarten, dass „Geschichte“ aufgedeckt wird. So auch an der derzeit attraktivsten Baustelle in Jülich inmitten der Stadt. Immer wieder bleiben große wie kleine Menschen am Schlossplatz und an der Kölnstraße stehen und gucken in die Baugruben. Mit Laienblick lässt sich da nicht viel erkennen, wohl aber mit Kennerblick. Die Archäologen haben aktuell Spannendes und sogar Sensationelles zu vermelden.
Erwartet haben die Archäologen , dass Reste der historischen Stadtmauer aus dem frühen 14. Jahrhundert freigelegt würden. Diese Annahme hat sich bestätigt. Das Stückchen Mauer, beziehungsweise Mauerfundament, um exakt zu sein, war schon bekannt durch Grabungen von vor 35 Jahren, die den heutigen Museumsleiter Marcell Perse nach Jülich führten. Bekannt ist, dass dort, wo heute der Kreisverkehr ist, die Stadtmauer einen Knick machte. Sie führt dann weiter zum Schlossplatz.
Auf dem größten Teil des Schlossplatzes sei zwar nichts gefunden worden außer Schutt, Bauresten, ein Stückchen römischer Dachziegel und Porzellan, das seit dem 19. Jahrhundert bekannt ist. Dann kommt es zur ersten kleinen archäologischen Sensation: Archäologe Stefan Ciesielski bestätigt den Fund von Mauerresten in Nord-Süd-Richtung, die „eindeutig nicht“ Teil der Festungsanlagen waren. Vermutlich habe es Wohnbebauung bis direkt an die Stadtbefestigung gegeben. Und inmitten dieser Wohnbebauung finden sich weitere unerwartete historische Mauerreste. Die Parallelen zu den Funden in der Zitadelle im Jahr 2015 sind unverkennbar. Damals schon deuteten erste Strukturen auf eine ausgeprägte Badekultur in Jülich hin. Diesmal handelt es sich aber um eine antike Therme, die Stück für Stück wieder ans Licht gebracht wird.
Neues Alleinstellungsmerkmal für Jülich
Während Archäologen noch eifrig pinseln und dokumentieren, denkt man im Rathaus bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Denn die Entdeckung kommt zu einem Zeitpunkt, der kaum besser sein könnte: Das Jülicher Hallenbad ist seit einem Jahr geschlossen, die Forderung nach einer zentralen Schwimmmöglichkeit groß. Seit Anfang März liegt jetzt ein Förderbescheid über 15 Millionen Euro für einen Neubau vor. Warum also nicht Vergangenheit und Zukunft elegant miteinander verbinden ganz im Sinne des Stadtslogans „Historische Festungsstadt – Moderne Forschungsstadt“? Erste Stimmen aus der Verwaltung prüfen ernsthaft (oder, sagen wir, „mit einem Augenzwinkern“), ob sich der Schlossplatz nicht als Standort für ein „historisch integriertes Erlebnisbad“ eignen könnte. Der Arbeitstitel: Thermae Juliae 2.0.
Besonders begeistert zeigt sich Marcell Perse, Leiter des Museums und von Haus aus Archäologe. „Wenn schon römisches Badehaus, dann bitte konsequent gedacht“, soll er bei einer internen Besprechung angemerkt haben. Seine Vision: Ein Teil des Wallgrabens der Zitadelle wird wieder mit Wasser gefüllt, und vom Schlossplatz aus führt eine spektakuläre Spaßrutsche direkt hinein. „Ein Alleinstellungsmerkmal für die Region“, so Perse weiter, „zwischen Kulturerbe und Freizeitspaß.“
Archäologisches Fenster für die Stadtmauer
Doch bei aller Euphorie bleibt der Fachmann in Perse nicht ganz unkritisch. Vor allem der Umgang mit der ebenfalls freigelegten Stadtmauer bereitet ihm Kopfzerbrechen. Diese soll im Sinne moderner Vermittlung durch ein sogenanntes „archäologisches Fenster“ sichtbar bleiben. Ein Konzept, das in Jülich bereits seit Jahrzehnten in der Buchhandlung an der Kölnstraße erprobt ist.„Die Herausforderung wird sein, das Ganze langfristig zu erhalten“, erklärt Perse. Das größte Problem sei das Klima unter dem Glas. Temperaturunterschiede führen schnell zu Kondenswasser, das sich auf den Funden niederschlägt. Dadurch entstehen ideale Bedingungen etwa für Schimmel, Algen und Moose.
In der Bevölkerung sorgt die Entwicklung derweil für gemischte Reaktionen. Während die einen bereits ihre Badehose entstauben und von römischem Flair beim Frühschwimmen träumen, fragen sich andere, ob man beim nächsten Einkauf auf dem Schlossplatz womöglich über ein Hypokaustum (Heißluftheizung aus der römischen Antike, Anm. d. Red) stolpert.
Fest steht: Jülich hat einmal mehr bewiesen, dass Geschichte hier nicht nur bewahrt, sondern auch kreativ weitergedacht wird. Und wer weiß – vielleicht heißt es schon bald „Abtauchen, bitte!“ – zwischen antiken Mauern und moderner Rutscharchitektur.



















