
Wie schafft man es, Jugendliche in Zeiten permanenter Digitalität für Gesellschaft und die Gefahren von Social Media zu interessieren? Eine mögliche Antwort lautet: Politische Bildungsangebote schaffen. Und das ganz konkret – bloß nicht so „abstrakt und schwer zu greifen“, wie es Politik meistens ist. Letzteres ist ein großes Credo der beiden Jülicher Jugendeinrichtungsleiter Sascha Römer und Franz Meuthrath.
Klar ist für sie: Jugendliche werden Social Media nicht ohne weiteres verlassen. Einen Anreiz dafür setzt man nicht in ein paar Stunden pro Woche. Deutlich ist auch, dass solche Themen bei der Jugendsozialarbeit als erstes ankommen, wie Franz Meuthrath erklärt. Nach eigener Aussage habe er bereits seit seinem ersten Tag im Beruf mit Kolleginnen und Kollegen über Social Media gesprochen. „Mir war halt klar, dass es so kommen wird, wie es gekommen ist.“ Dabei reagieren die höheren politischen Ebenen – so Sascha Römer – oft stark zeitversetzt. Erst jetzt, zwei Jahre, nachdem sie mit der konkreten Arbeit begonnen hätten, sei Social Media Thema in der Politik. „In den zwei Jahren hast du die Chance, ganz viele junge Leute nicht zu erreichen oder, dass die auch in andere Extreme abrutschen. Das geht halt ruck-zuck.“
Darum soll nicht nur in Sachen Social Media, sondern auch in anderen Bereichen Wissen angeboten werden. Die Themen stammen aus dem Gespräch mit oder Anregungen von Jugendlichen im Roncalli-Haus wie im b.haus. Oft würde ein Film angeschaut und eine Gesprächsrunde angeschlossen. Ein paar Mal wurde es bereits „interaktiv-spielerisch“, etwa, indem die Anwesenden ihren eigenen ökologischen Fußabdruck berechnen konnten. So wurde sich noch einmal aktiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Wichtig sei auch, dass die Jugendlichen sehen, wie die Themenabende aufbereitet werden. Stichwort Rassismus: Welche Aussagen gab es schon vor 25 Jahren und sind heute, selbst in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Bedingungen, immer noch die selben? Hat das dann wirklich etwas mit der Realität zu tun? Römer und Meuthrath zufolge war auch die Veranstaltung zu Meeresschutz noch lange Gespräch. Es gehe darum, eine Möglichkeit zu bieten, die Zusammenhänge zu verstehen. Und das, anders als in der Schule, im Austausch und mit Alltagsthemen. Insgesamt vor allem ein Format, um Denkanstöße mit auf den Weg zu geben.
Besonders nachhaltig sei aber die Bildungsfahrt zur Burg Vogelsang gewesen. „Da war das Thema nicht mehr so abstrakt, sondern auf einmal ziemlich real“, erinnert sich Sascha Römer. Diese Aktion habe auch dementsprechend lange nachgewirkt. Doch für mehr solcher Veranstaltungen fehlt – wie so oft in der Jugendarbeit – das Geld. Das gilt auch für den Wunsch der beiden Veranstalter, für die Vorträge künftig externe Expertise, Menschen aus dem Feld, einholen zu können. Damit soll den Jugendlichen die tatsächliche Arbeit im jeweiligen Gebiet noch näher gebracht werden. Auch das ist eine Finanzierungsfrage. In diesem Zusammenhang sehen sie auch mit Sorge auf den immer größeren Einfluss der AfD. Denn wenn diese noch mehr Entscheidungsanteile bekäme, so stehe zu befürchten, dass sie die offene Arbeit beschneidet. Das passiere im Osten Deutschlands schon ganz massiv.
Wie wichtig die Veranstaltungen sind, zeige sich auch im Alltag. „Die Themen wirken unterschiedlich nach, aber ich würde halt fast sagen: Nachwirken tun sie alle“, ordnet Sascha Römer ein. Und dabei ist wichtig, immer am Ball zu bleiben. Etwa, indem Methoden zum kritischen Umgang mit Social Media gezeigt werden. Kann das gerade angesehene TikTok die Wahrheit erzählen, wenn man logisch nachdenkt? Sind Quellen dafür vorhanden? Wie kann man überprüfen, ob die Aussage eines Politikers überhaupt stimmt? Das eigene kritische Denken anregen, statt nur zu konsumieren und Dinge einfach hinzunehmen. „Wenn wir in dem Rahmen bei den Jugendlichen, die wir hier erreichen, nur schon ein bisschen anregen können, in die richtige Richtung zu denken oder kritischer zu hinterfragen, dann machen wir das.“ So der Leiter des Roncalli-Hauses. Wichtig gerade auch in der Schnelllebigkeit dieser Plattform, mit der sich Fehlinformationen in Windeseile verbreiten. Franz Meuthrath stellt dazu fest: „Einen kritischen Umgang merke ich schon bei dem einen oder anderen, dass sowohl mit Social Media an sich kritischer umgegangen wird als auch mit dem generellen Internetkonsum. Aber halt längst nicht bei jedem.“
„TikTok übernimmt gerade für die Jugendlichen alles, also sowohl Nachrichtensender als auch Bildungsplattform und jeder streut da irgendwas ein“, ordnet der b.haus-Leiter des Weiteren ein. Darum sei es so wichtig, diese Hilfestellungen zu geben. Sich gegen die Digitalisierung zu stellen, das würde nicht funktionieren. Allein schon wegen der Menge an unterschiedlichem Material aus diversen Richtungen und der vielen Zeit, die die „Kids“ dort verbringen. In diesem Zusammenhang werde auch die kommende Landtagswahl mit Sicherheit Thema werden. Insbesondere, da einige Parteien mit ihrer emotionalen Ansprache von Social Media wesentlich besser ausgespielt werden. Und es gelte laut Meuthrath:
„Wer in Zukunft gewählt werden will, der muss sich in den Raum TikTok begeben.“
Römer kommentierte in diesem Zusammenhang außerdem, dass auch die Lokalpolitikvertretung in seiner Einrichtung kaum stattfinde. Schließlich kämen Abgeordnete fast ausschließlich wenn, dann auf Einladung im „Ronci“ vorbei. Dabei seien gerade diese jungen Menschen die Wähler von Morgen und Zukunft des Landes. Das setze ein deutliches Zeichen, denn die Jugendlichen hätten ein konkreteres Verhältnis zu jenen, die sie persönlich kennen würden. Ein Problem, gerade, wo bekannt ist, dass zu eigentlich unbekannten Menschen – und damit auch politischem Personal – über Social Media eine emotionale, fast schon persönliche Verbindung aufgebaut wird. Dieses Phänomen heißt „parasoziale Beziehung“.
Für die beiden steht fest: Es müsste eigentlich mehr getan werden. Gerade auch im schulischen Kontext. Das Thema Social Media brauche mehr Aufmerksamkeit und Druck. Sie sehen es als ihre Aufgabe und Pflicht, an der Basis zu arbeiten, denn sie bekämen direkt mit, was gerade Thema ist. Zumal die Wahrscheinlichkeit klein sei, dass etwas „von oben“ thematisiert wird, wenn es in der Praxis nicht schon Thema ist. Doch ihre Möglichkeiten als zwei Einrichtungen in einer Kleinstadt seien eben begrenzt.
Nicht nur deshalb, sondern auch im Selbstverständnis der beiden Jugendsozialarbeiter wird insgesamt klar: Der Alltag in den Einrichtungen ist Demokratie pur. Partizipation mit den Jugendlichen ist oberstes Gebot – übrigens bei allen drei Jülicher Jugendheimen, wie sie anmerken. Nicht nur was das nächste Vortragsthema angeht, sondern auch beispielsweise bei der nächsten gemeinsame Gruppenaktivität oder Veränderung der Einrichtung: Schätzungsweise 90 Prozent entständen mit den Jugendlichen zusammen. Vielleicht auch eine Grundlage, auf der ein gesellschaftliches Demokratieverständnis wachsen kann.













