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Als würde man einen guten Freund verlieren

Australien gilt als die Vorreiterrolle bezüglich des Social-Media-Verbots für unter 16-jährige. Ob Jülich Australien folgen würde? Laut Befragung in Schulen, in der Jugendsozialarbeit und Schulleitungen ein umstrittenes Thema. Die  Meinungen bewegen sich auseinander, aber wollen am Ende des Textes dann nicht doch alle dasselbe? Mit diesem Beitrag startet der HERZOG in eine neue Rubrik: Lokal betrachtet. Hier werden landes- oder bundesweite Themen einmal unter der Lupe der Realität in Jülich betrachtet.

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Grafik: Gerd Altmann | Pixabay
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Trends, Freunde, Nachrichten, Überkonsum, zu langes scrollen, Fake News und KI. Diese Dinge verbinden die Schülerinnen der 10b aus dem Mädchen Gymnasium Jülich mit der Alltagsrealität in Bezug auf Social Media.

Viele der 10-Klässlerinnen nutzten die sozialen Medien bereits mit 11 oder 12 Jahren, andere empfanden in diesem Alter noch gar kein Interesse an den Netzwerken. Einige berichten heute von Reue – etwa über Inhalte, die sie damals zu voreilig gepostet haben und die sich nicht mehr löschen lassen. Mit zunehmendem Alter habe sich jedoch der Umgang verändert: Mit 14 seien sie reifer, könnten besser mit Mobbing umgehen und Risiken einschätzen. Aufklärung bietet die Schule beispielsweise durch Workshops an. “Trotzdem geht es auch um die eigene Einstellung. Das viele angebotene Wissen muss auch angenommen werden, um Aufklärung umsetzen zu können”, betont eine Schülerin. Manche Weisheiten kann die Klasse nicht mehr hören, denn besonders die Jüngeren sollten mehr Möglichkeit auf Aufklärung über Social-Media bekommen.

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Der Umgang mit den Medien beginnt nicht erst in der zehnten Klasse. Ein Blick in die Grundschule zeigt, wie früh Kinder bereits damit konfrontiert werden: Der eigene YouTube Kanal, Smart Watch, Tracking von den Eltern oder das eigene Handy…

In der Promenadenschule Jülich gibt es da eine weite Spanne. Von Kindern, die erst in der weiterführenden Schule mit Social Media in Kontakt kommen, reicht es bis zur Nutzung von digitalen Geräten ab der ersten Klasse. “Die Präsenz der sozialen Medien hat sich mit der Zeit durchaus verstärkt”, bestätigt Susanne Lucas, Schulleiterin der Promenadenschule. Das digitale Zeitalter ignoriert die Schule nicht. Lernapps werden ab dem ersten Schuljahr mit einbezogen und ab dem dritten Schuljahr erstellen die Schüler und Schülerinnen die ersten digitalen Präsentationen. Teil des Sachunterrichts ist aber auch der Umgang mit der heutigen Internetkultur: Was passiert mit Bildern im Netz? Das Internet vergisst nie…?

Schon Grundschulkinder „leben“ vielfach online. Foto: pixabay

Auch mit Mobbing, durch Online-Plattformen, muss sich trotz der jungen Jahre die Schule schon auseinandersetzen. Regelungen existieren bereits, denn wer sein Smartphone nicht ausgeschaltet im Tornister lässt muss es von den Eltern im Lehrerzimmer abholen lassen. “Lasst die Kinder doch erleben. Nicht digital, sondern in der echten Welt,” würde die Schulleiterin gerne öfter vermitteln.
Ein Social-Media-Verbot kommt für sie durchaus in Frage. Sie ist der Meinung, dass diese Maßnahme in der Grundschule zur Entspannung führen könnte. “Den Einfluss auf die Kinder merkt man schon sehr stark”, betont sie. Überdramatische Verhaltensweisen, fehlende Kommunikation und eine geringe Aufmerksamkeitsspanne begleiten die Schule alltäglich. Susanne Lucas erhofft sich, dass ein Verbot besonders die Aufmerksamkeit der Eltern erreicht und akzeptiert wird und das ohne zu „Tricksen“.

Die ersten Reaktionen der Zehntklässerinnen des MGJ auf ein mögliches Verbot fallen deutlich anders aus: „Blöd“, „unfair“, „als würde man einen guten Freund verlieren“.   Doch nach längerer Diskussion entwickelt sich ein differenzierterer Blickwinkel und man könnte meinen, dass die Schülerinnen sich fast selbst widersprechen. Die Kompetenz der Jugendlichen auch sich selbst und eigene Aussagen zu hinterfragen, hat die Debatte besonders bereichert.  Sie prüften kritisch, warum das Verlangen den Trends zu folgen überhaupt bestehe und erkannten eine Chance, dass durch ein Verbot dieses Verlangen im gleichaltrigen Umfeld reduziert werden könnte.

Im Hinterkopf bleibt jedoch, dass man dadurch Aufsehen erreichen könne oder durch ältere Freunde doch auf die Trends aufmerksam wird, die man gerne selbst auch verfolgen würde. Viele erzählen über ihre Erfahrungen der “eigenen Aufklärung” auf die “harte Weise”, wie zum Beispiel durch die angeschnittene Reue zu Beginn des Artikels. Maßnahmen hält daher die Mehrheit doch für sinnvoll. Schnell füllt sich der Raum voller Ideen, um das Social-Media-Konzept zu verändern, anstatt es ganz zu verbieten. Vorschläge sind Apps sich weiterhin runterladen zu dürfen, aber ohne einen Account, der das Posten von eigenem Content ermöglicht.

Für psychischen oder sexuellen Missbrauch halten die Schülerinnen Kinder, die 10 oder 11 Jahre sind für anfälliger und gefährdeter als 14-jährige. Die Autorin ist der Meinung, dass das Selbstbild und Bewusstsein mit 11 oder 12 Jahren auch viel stärker sein kann als mit einem Alter von 14 und dem Beginn der Pubertät. Es lässt sich widerspiegeln, dass es sehr individuelle Ansichten und Persönlichkeiten gibt, die anders darüber empfinden.

Aber was wäre, wenn? Was wäre, wenn das Social-Media-Verbot in Kraft treten würde? 
Am Ende der Stunde stimmt die Mehrheit für ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige ab. Sie reflektieren, dass es nicht immer ganz fair wäre, aber es sei nötig eine Grenze zu ziehen, damit Social-Media nicht immer mehr Nachteile mit sich bringt. “Für mich ist es die letzte Maßnahme, nachdem so viele gescheitert sind”, erklärt eine der Schülerinnen. Es folgte eine zweite Abstimmung, die herausstellte: Die vollständige 10b ist überzeugt sie könnten ein Verbot auszutricksen und es umgehen.

Bild von Gordon Johnson auf Pixabay

Hinterfragen lässt sich dementsprechend die Wirksamkeit eines allgemeinen Gesetzes. Die Sozialarbeiterin Lara Albuszies des Jugendtreffs Gleis 13 sieht es kritisch den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit den Medien zu pauschalisieren. Sie und ihre Kollegin Eva Surma bleiben dem Thema gegenüber skeptisch. “Verbote bewirken leider oft das Gegenteil”, bringt Eva Surma mit ein. Für die beiden ist diese Maßnahme noch nicht richtig durchdacht, denn die Spanne zwischen keinem Interesse und benötigte Handyzeiten für Social Media ist weit. Einen Vorteil sehen sie zum Beispiel durch vereinfachten Kontakt zwischen Kindern und Eltern, der durch ein Handy hergestellt werden kann. Den beiden Sozialarbeiterinnen ist es dadurch möglich sich vollkommen auf das Kind zu konzentrieren.

Im Allgemeinen gilt für die beiden Sozialarbeiterinnen sich individuell präventiv einzubringen und die Kinder zu dem Thema zu sensibilisieren. Sie beobachten, dass viele im Jugendtreff sich über Möglichkeiten vom Handy weg zu kommen freuen. Erfolgreiche Aufklärung und Medienkompetenz erhoffen sie sich durch eine Kombination aus offener Arbeit, Schule und Bildung, denn ein Verbot bewirke bei vielen Individuen eben nur einen noch größeren Reiz.

Auch die Beratungsstelle Frauen helfen Frauen spricht sich gegen ein reines Verbot aus. “Ich wünsche mir eine Gesellschaft, wo niemand digitale Gewalt erleben muss, aber da ist noch einiges zu tun”, akzentuiert eine der Mitarbeiterinnen. Die Mitarbeiterinnen werden mit dem Thema Social-Media immer mehr konfrontiert und es ergeben sich besorgniserregende Risiken beim Konsum, wie zum Beispiel Cybermobbing. Sie wünschen sich den Aufbau einer Prävention: Begleitung, klare Regeln, engere Zusammenarbeit mit den Plattformen und klare Konsequenzen. Digitale Themen sollten ernst genommen werden und es benötigt mehr Gelder und Kapazitäten für eine hohe Medienabdeckung.

Für die Beratungsstelle ist das Verbot der einfache Weg. Stattdessen sollte man mit den Jugendlichen zusammenzuarbeiten und eine Lösung finden.
Eine Mitarbeiterin ist der Meinung, dass Social-Media definitiv alle angreifbar macht, sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene. “Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und man kann nicht nur den Finger auf andere zeigen”, führt sie aus. Sie bestätigt, dass nicht nur Jugendliche unter Social-Media leiden. Besonders Fälle von digitalem Stalking kommen in der Beratung oft auch bei Erwachsenen zur Sprache.

Im Verlauf des lokalen Austauschs und der Recherchen wächst das Problem über die Fragestellung hinaus. Die Zehntklässlerinnen werfen Fragen auf: Würde ein Verbot die notwendige Aufklärung ersetzen – oder sie im Gegenteil erschweren? Sie lenken den Blick auf ein oft übersehenes Problem: Auch Erwachsene verbreiten im Internet problematische Inhalte. Doch wer klärt eigentlich sie auf und vor allem, wer setzt ihnen Grenzen?

Ihre Fragen verhallen bislang unbeantwortet und kennzeichnen eine Leerstelle, die doch eigentlich in der gesellschaftlichen Verantwortung liegt.
Durch diesen Aspekt rückt die Rolle der Erwachsenen in dem Artikel doch noch in den Mittelpunkt. Die Beratungsstelle Frauen helfen Frauen betont, dass Maßnahmen wie ein Verbot nicht zulasten der Kinder festgelegt werden dürfen, sondern dass ihr Schutz oberste Priorität haben muss.
Schulleiterin Susanne Lucas unterstreicht, wie wichtig der Dialog mit Kindern und Erwachsenen ist. Doch ausgerechnet die Erwachsenen, bleiben oft außen vor. Informative Elternabende in Bezug auf Medienkompetenz erreichen nach alter Manier meistens nicht die Zielgruppe, denn präsent sind oft die bereits sensibilisierten Eltern.

Aufklärung kommt also nicht immer dort an, wo sie am dringendsten gebraucht wird, und es entsteht ein Ungleichgewicht.

Zwischen Tür und Angel wird getextet und ge-appt. Foto: marcino / pixabay
Zwischen Tür und Angel wird getextet und ge-appt. Foto: marcino / pixabay

Ausgleichen würde ein Verbot, das generationsübergreifend an Aufmerksamkeit gewinnt und das Kinder und Jugendliche ausreichend Schutz gewährt. Erschweren würde ein Verbot, das aus Einfachheit halber durchgesetzt wird. Das sich undurchdacht verabschiedet, um einen Wettlauf zu gewinnen. Das unumstritten und unkommentiert bleibt, weil es kein richtig oder falsch gibt. Dies ist von lokal bis international zu berücksichtigen. Besonders die Kompetenzbereiche gehen vorsichtig mit dem Thema um und trauen sich kaum konkret zu werden.

Im Hinterkopf bleiben besonders die Schülerinnen, die nicht durch ihre eigene Haltung stecken geblieben sind, sondern gemeinsam nachgedacht haben. Sie sind es, die von diesem möglichen Verbot betroffen wären. Sollten sie dann nicht auch das Recht bekommen über sich und ihre Zukunft mitzuentscheiden? Um Kinder und Jugendliche vor digitaler Gewalt und psychischer Belastung zu schützen, wäre es doch sinnvoll sie in solch eine Entscheidung einzubeziehen und ihre Stimmen anzuhören.

Denn ob das Gesetz durchgesetzt wird oder nicht, werden gewisse Grauzonen nicht von selbst verschwinden. Es gilt zu ermitteln, was zwischen Zustimmung und Ablehnung zu finden ist und wie man es greifbar macht.


Anm.d.Red Nicht alle Gesprächspersonen wollten mit ihrem Namen genannt werden, sie sind der Redaktion jedoch bekannt.


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