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Der Muttkrate-Club

Die Innenansicht eines Muttkrate: Heino Bücher schreibt über die inzwischen auftrittslose, aber immer noch gesellige Musik- und Karnevalsgruppe - den Club der Muttkrate.

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Foto: privat
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Gegen Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bildete sich in Jülich ein Freundeskreis, meist Mitglieder des Jülicher Turnvereins: der Muttkrate-Club. Eine lose Vereinigung von etwa 20 Männern und Frauen, die Weiberfastnacht und an den drei tollen Tagen abends singend und musizierend durch Stadt, Gaststätten und Ballsäle zogen. Das war so attraktiv, dass sie von Gastwirten und Ballveranstaltern gebeten wurden, ihr Haus zu besuchen. Die Gaststätten und Ballgäste betrachteten es als besonderes Erlebnis, diese Gruppe gesehen und gehört zu haben.

Foto: Dorothée Schenk

Die Muttkrate-Frauen stellten die Kostüme selbst her entsprechend dem jeweiligen Motto, zum Beispiel „Pensionat Muttkrat“, „Bordkapelle vom SMS Muttkrat“ oder auch mal „Bauern und Bäuerinnen“. Lieder und Sprüche wurden bei Josef und Maria Wirtz zusammengebastelt. Bei „Onkel“ Karl und „Tante“ Klara im „Vatikan“ (Lürken, Baierstraße) wurden die Lieder mit Karl Lürken am Klavier eingeübt.

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Der Muttkrate-Club musste leider 1939 seine Auftritte beenden.

Nach dem Krieg dauerte es einige Jahre, bis ein paar Ulk-Mitglieder sich daran machten, die alten Muttkratenlieder und -tänze zu üben und wieder durch Säle und Gaststätten zu ziehen. Einige Jahre ging das wunderbar. Aber man wird ja nicht jünger, und so kamen die älteren Fastelovends-Jecken allmählich an ihre Grenzen. Sie waren dem anstrengenden Treiben nicht mehr gewachsen. Sie mussten schweren Herzens aufhören, und es war Schluss mit dem Singen und Tanzen.

Einige Jahre tat sich nichts. Doch dann…

Foto: privat

Es war wahrscheinlich 1977. Nach dem Kinderzug zog der Ulk mit Kind und Kegel geschlossen zu „Kratz“, das heutige „Liebevoll“, um den tollen Tag fröhlich ausklingen zu lassen. Die Ulk Frauen kümmerten sich um die Kinder, für die es Wurst und Fritten gab. Wir Männer, der Hans Lafos, der Hans Abels, der Willi Krantz, der Hans-Karl Stärk, der Dieter Buntenbruch und auch ich, der Heino, belagerten die Theke, um den Flüssigkeitshaushalt des ausgetrockneten Körpers durch fleißiges Trinken wieder auf einen gesunden Pegel zu bringen. Es wurde aber nicht nur viel getrunken, sondern auch fleißig erzählt von Fastelovend heute, und wie es früher war, von lustigen Ereignissen, von jecken Dingen, die alle erlebt hatten – also ein Thema ohne Ende. Dabei kam die Sprache zwangsläufig auch auf den Muttkrate-Club, an den sich alle noch gut erinnern konnten. War es doch nicht allzu lange her, dass einige aus dem Ulk für eine geraume Zeit die Tradition der Gründer fortgeführt hatten.

So wundert es nicht, dass der Gedanke aufkam, ob es wohl eine Möglichkeit gebe, diese lustige und schöne Sache wieder aufleben zu lassen. Alle waren begeistert, und man fasste einstimmig folgenden Beschluss: „Heute ist Karnevalssonntag. Morgen, am Rosenmontag, treffen sich alle, Männlein und Weiblein, die mitmachen wollen, bei Ningelgen am Schwanenteich und ziehen durch die damals noch zahlreichen Jülicher Gaststätten und singen Fastelovendslieder. Lustige Kostüme sind selbstverständlich.“

Heino Bücher. Foto: privat

Gesagt, getan. Trotz einiger kritischer Stimmen aus den Ulk-Reihen – „Dat jitt jo doch nix, dat könnt ihr verjesse!“ – ließen wir uns nicht beirren, und es wurde ein riesiger Erfolg allen Unkenrufen zum Trotz. Freude und Begeisterung waren groß, und so hieß es nur noch: „Dat wor et, on dröm mache mie och wickter su!“ Alle waren davon überzeugt, dass wir das Richtige zum richtigen Zeitpunkt unternommen hatten. Leider bestand beim ersten „Trecken“ (Ziehen) unsere musikalische Begleitung nur aus einem Waschbrett und dem wichtigsten Instrument, der „dicken Zimm“ sowie zwei Becken. In unserem Repertoire befanden sich zwei Muttkraten-Liedchen, alte und neue Fastelovendslieder und, nicht zu vergessen, einige Trecklieder. Diese wurden gesungen, wenn wir von Wirtschaft zu Wirtschaft zogen. Dazu gehörten unter anderem „Es war einmal ein treuer Husar“ oder „Wo mag er sein, wo mag er bleiben?“ Als Josef Dautzenberg, Gründungsmitglied des 1. Muttkrate-Club, nach einigem guten Zureden bereit war, weitere Muttkraten-Liedchen beizusteuern, war unsere Freude groß, als er sagte: „Dat es esu schön, ich treck widde met!“

Von nun an nannten wir uns „De Muttkrate us dr Köttelsjass“, der ehemaligen Kirchgasse zwischen Markt- und Stiftsherrenstraße. Unsere musikalische Begleitung wurde stark aufgewertet und bedeutend besser, als Ursel Schmit „met singer Quetsch“, dem Akkordeon, dazu kam. Ursel ist die Nichte von Willi Krantz und als echter Fastelovendsjeck war sie sogleich bereit, bei unserem lustigen Treiben mitzumachen, als Onkel Willi sie fragte. Nun waren wir komplett, ein echter Freundeskreis, der bis heute besteht. Unser Repertoire erweiterte sich von Jahr zu Jahr, weil ich bekannte Märsche mit lustigen Texten versah, die allen schnell in Fleisch und Blut übergingen. Unser Erkennungslied war et „Lure Lisje“, angelehnt an das Lied der Aachener Liedertafel „Türe, Lüre, Liesje“. Mitgebracht hatte es Josef Dautzenberg und für uns Muttkraten etwas textlich verändert. Rös (Roselies Lohn) verkörperte das Liesje hervorragend und tanzte herum, während wir anderen dazu das Liedchen sangen. Balto Matzerath war der Polizist, der mit einer Glocke bewaffnet beim „Trecken“ vorauszog, um uns in den Gaststätten anzukündigen. Jedes Jahr dichtete ich neue Texte, die Ereignisse aller Art in der Stadt beschrieben oder als Spottliedchen dienten, natürlich in unserer Mundart. Als Melodie diente das „Dorfschulmeisterlein“.

Ursula Schmidt. Foto: privat

Vor vielen Jahren wurden wir eines Tages gefragt, ob es wohl möglich wäre, einmal im Altenheim St. Hildegard aufzutreten. Natürlich waren wir alle sofort bereit, dort in der Karnevalssitzung zu singen. Es hat den alten Leuten so viel Freude bereitet, dass wir von da an jedes Jahr zur Sitzung eingeladen wurden.

Um die Gemeinsamkeit zu erhalten und fördern, trafen und treffen wir uns bis zum heutigen Tag einmal im Monat bei einem der Muttkraten, um neue Liedchen einzuüben und ein wenig zu „müffelen“ und zu „süffelen“. Weil wir nur noch einige Wenige sind und auch nicht mehr trecken, brauchen wir keine neuen Liedchen mehr.

Früher wurde bei jedem Treffen Geld gesammelt. Es diente dazu, unsere einmal im Jahr stattfindenden Wochenendtouren zu finanzieren. Josef Dautzenberg hatte für alle einen Orden fertigen lassen, der bei unseren Treffen getragen werden sollte. Wer ihn vergessen hatte, musste Strafe zahlen. Davon wurden dann bei unseren Fahrten Sonderwünsche und die Frühstückseier bezahlt. Ingeborg Buntenbruch organisierte die Fahrten und führte das Protokoll sehr gewissenhaft und genau. In all den Jahren sind einige Bücher zusammengekommen. Alte Anekdoten, Sprüche und Witze, die bei unseren Treffen vorgelesen und erzählt werden, kommen uns heute vor, als seien sie neu, und wir hätten sie noch nie gehört.

Mittlerweile sind wir in die Jahre gekommen, und unser Freundeskreis wird stetig kleiner, teils aus Krankheitsgründen und auch, weil schon einige leider nicht mehr unter uns sind. So waren wir vor einigen Jahren gezwungen, die Anzahl unserer Auftritte erst zu verringern und dann auch ganz einzustellen. Es darf ebenfalls nicht vergessen werden, dass die meisten unserer alten Jülicher Gaststätten – es waren einmal 40 an der Zahl – nicht mehr da sind. Von allen, die wir immer besuchten, existieren nur noch ganz wenige, und so müssen wir leider feststellen, dass unser schönes, lustiges und traditionelles Treiben und Umherziehen ein Ende hat. Einer meiner Söhne erklärte einem Freund aufgrund dessen Frage „Die Muttkraten, wer ist das?“ die Sache folgendermaßen: „Die Muttkraten, das sind ältere Männer und Frauen. Die ziehen durch die Kneipen und singen für Bier!“

Wir haben viele wunderbare Jahre gemeinsam erleben dürfen, und die Erinnerungen daran wird uns niemand nehmen können. Heißt es doch immer wieder, wenn wir uns treffen: „Weeßte noch, domols?“ Ein Lied von Karl Viertmann drückt das aus, was wir fühlen: „Mie wolle Muttkrat blieve et janze Leave lang.“

Ich habe bewusst darauf verzichtet, die Bedeutung des Wortes Muttkrat zu erklären. Sie dürfte inzwischen allgemein bekannt sein.

Foto: Dorothée Schenk

Muttkratenlied
Melodie: Lennet Kahn

1.
Jülich ons urahle Stadt an der Rur
Römer senn hee at erömjespronge,
se hann off jefiert en janze Woch en eener Tour
on hann dann dat Ledche jesonge:

Refrain
Muttkrate senn mie
ech us de Köttelsjass… jass… jass… jass…
am Fastelovend hann mie de jrößte Spass

2.
Rusemondag trecke mie met Musik dörch de Stadt
on senge ons löstije (Leede) Liede
su mänch eene, dä richtig Freud doran hat,
dä wönsch sich dat Leed emme wiede
Refrain

3.
Onsere Herzog Willem wor ne welde Jäjersmann
wie hätt dä dat Hobby jenossen.
Dä rigget noh Hambach mem Peäd dann on wann
on hätt do de Böcke jeschossen.

Refrain

4 Napoleon schuf de Bröggekopp wie allgemein bekannt,
on dusende hann Schöpp on Hack jeschwonge.
De Arbed äwer jing dann noch vell liehrte von dr Hand
wenn die dobei da schöne Leed jesonge.

Refrain


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