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Die ganze Wahrheit über den Bürgermeister

Ein Anarchist auf dem Bürgermeisterstuhl. Seit 2015 ist der ehemalige Frontmann der Band „Helmut Shitt and the Koalitionsbruch“ hauptamtlicher Verwaltungschef von Jülich.

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Axel Fuchs. Foto: la mechky +
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„Damals waren wir schon sehr politisch“, grinst Axel Fuchs über das ganze Gesicht. „Bei einem unserer letzten Konzerte, wenn man es überhaupt so nennen kann, da ging es um Ölfässer, eine Casio-Orgel, viel Schmutz, es ging um Anarchie“, erinnert er sich. Weil der Sänger abgesprungen war, stellte sich Föx ans Mikro. „Es war ein unfassbarer Erfolg“, spricht‘s und lacht laut auf. Ganze fünf Minuten soll der Auftritt im PZ der Zitadelle gedauert haben. „Eine großartige Zeit!“

In der war Axel Fuchs seiner Ansicht nach bereits erwachsen: „Meine Kindheit hat mit 13 aufgehört, weil ich gedacht habe, ich müsste mich mal dem Punkrock widmen.“ Dazu gehörte natürlich nicht nur die Musik, sondern auch der Schlossplatz und der Wallgraben als „Wohnzimmer“ der Jugend. Neben der Politik interessierte sich der heutige Bürgermeister nach eigener Aussage auch schon früh für den Denkmalschutz: „Damals sind wir mit Getränken bewaffnet die noch nicht restaurierten Mauern der Zitadelle hochgeklettert, um auf dem Wall ein schönes Plätzchen zu suchen, wo man die Sonne genießen konnte.“ Mit der Distanz und Erfahrung von 53 Jahren räumt er ein: „Das war hochgefährlich.“ Und: „Es ist zum Glück nie etwas passiert.“ Ein Glück auch, dass noch nicht alles via Netzwerke in alle Welt geschickt und nicht gleich an jeder Ecke „Verbot!“ und „Polizei!“ gerufen wurde.

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In diese Zeit fiel auch die Entscheidung, vor dem Abitur die Schule „zu schmeißen“. „Der Punk braucht natürlich trotzdem Geld“, war die Erkenntnis, und so schuftete Axel Fuchs bei Gissler & Pass – eine Nachtschicht lang. Bis heute prägt ihn die Erinnerung und der große Respekt vor den Arbeitern. Er wechselte dann doch lieber an den Schreibtisch und schlug nach Höherer Handelsschule, wie es Familientradition ist, eine Beamtenlaufbahn ein.

„Das Wort Skandal fängt ja mit SKA an – sensationell!“ Das passt Axel Fuchs bestens, der – zumindest in Musikerkreisen – in den 1980er und 1990er Jahren eine bundesweite Bekanntheit erreichte. „Blue Beat!“ hieß das Zauberwort, das heute noch die Herzen der Fans höher schlagen lässt. Statt Infektionswellen gab es damals die dritte Ska-Welle, auf der die Jülicher Band weit vorne mitsurfen konnte, unter anderem im legendären Live-Club Okie Dokie in Neuss auftrat und als Support für Ska-Größen wie Laurel Aitken, Desmond Dekker oder The Selecter auf den Bühnen stand. Die Frage, ob dem bislang letzten Auftritt 2016 von Blue Beat im KuBa noch ein weiterer folgen könnte, beantwortet Sänger Axel Fuchs mit: „Ich schließ das nicht aus.“ Nur „oben ohne“ darf er nicht mehr, das hat ihm seine Frau Yvonne verboten, mit der er inzwischen 2 x 11 Jahre verheiratet ist.

Folgerichtig kommt das nächste Stichwort: Karneval! Und damit zur Sprache, welche „Wahlversprechen“ (bis jetzt?) noch nicht umgesetzt sind: Das Rathaus ist immer noch nicht zur Kneipe geworden, wie im Wahlkampf 2015 prophezeit worden ist, und die Verwaltung auch keine Karnevalsgesellschaft geworden. Richtig ist allerdings, dass Axel Fuchs weiterhin neben dem Bürgermeisteramt Präsident ist – der Café Cholera Karnevalsgesellschaft – und als solcher hat er nach der „Sessionseröffnung“ am 27. September 2015 den Rathausschlüssel nicht wieder abgegeben.

Und noch mehr „Skandale“ ranken sich um den Bürgermeister: Natürlich sind Parkplätze vor dem KuBa nur geschaffen worden, damit Axel Fuchs es nicht so weit zur Kneipe hat; die Stadtentwicklungsgesellschaft hat ihn bevorzugt behandelt und ihm ein Baugrundstück am Ginsterweg zugeschustert; selbstverständlich sind er und seine Familie auch längst geimpft, weil sie wichtiger sind als Senioren Ü80 und Pflegekräfte. Resigniert zuckt Axel Fuchs die Achseln: „Manchmal erfahr ich über mich Dinge, wo ich selber auch manchmal sage: Was bist Du für ein Arschloch…“ Man muss einiges aushalten können, und das kann der Bürgermeister in seiner zweiten Amtszeit auch. „Ich kann damit leben, dass jemand zum Beispiel in Sachen Stadthalle, Muschel, Schlossplatz und Corona anders entschieden hätte und das begründet. Was passiert, ist genau das Gegenteil.“ Mit unflätigsten Beschimpfungen werde er tituliert, so dass aktuell ein Rechtsanwalt mit einer Anzeige beschäftigt ist. „Das ist mein persönlicher Skandal: Wie man mit Menschen heutzutage in den sozialen Medien umgeht.“


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