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(Fast) ein Loblied aufs Bad

Baden – eine Form der Körperpflege, die wahrscheinlich zwar seit ein paar Jahrtausenden bekannt ist, jedoch mehrere Jahrzehntausende eher keinen besonderen Stellenwert hatte. Sonst hätte sich wohl kaum pulex irritans, „der Nervende“, auch Menschenfloh genannt, evolutionär auf unsere Spezies homo einsaugen können.

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Illustration: Zara Schmittgall
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Im Gegensatz zu Kopfläusen, die immer mal wieder aus Kindergarten und Schule als kurzfristige Haustiere mitgebracht werden, ist er bei uns ein eher seltenes Urlaubsmitbringsel – der kleine Hüpfer. Das will ich jetzt aber nur einführend oberflächlich erwähnt haben – wen juckt`s? Und wenn: Baden hilft. Und ist ja auch ohne parasitären Befall angenehm. Da schlägt man gegebenenfalls zwei Lästlinge mit einer Wanne – beziehungsweise ertränkt sie.

Haaah, wohliges Ruhen im vielleicht sogar schaumigen Bade… Ist doch etwas anderes als flottes reinigendes Duschen – wie man´s denn mag und bevorzugt.

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So haben es möglicherweise schon die Römer empfunden. Ohne ihre Thermen auch hier zu bauen, wären sie wahrscheinlich gar nicht in unsere nordischen Gefilde vorgedrungen: „Wie jetzt? Barbaren niedermachen und danach noch nicht mal gelegentlich warm baden – geht gar nicht!“ Also wurden Badeanstalten errichtet, die auch heute ihresgleichen suchen würden – wenn es sie denn nicht nur noch als Ruinen gäbe. Unsere zeitgenössischen „Spaßbäder“ haben ja durchaus auch eine Menge zu bieten, allerdings nicht wie bei den Römern für den Besucher kostenlos. Dafür durften ihrerzeit auch keine Kinder mit ins Vergnügen – man wollte sich ja entspannen. Die pure Reinigung vom Staub des Alltags stand dabei wohl eher nicht im Vordergrund. „Wellness“ und Kommunikation wurden gesucht, Klatsch und Tratsch ausgetauscht, Politik und Geschäfte gemacht. Muss ich erwähnen, dass entsprechend der damaligen Gepflogenheiten dabei Frauen nur in wohlproportionierter, gut geschminkter Form und dienender Funktion erwünscht waren? Selbst massieren ließ man sich meist von Spezialisten jeglicher Couleur, die –innen standen oder lagen für andere Vergnüglichkeiten zur Verfügung.

Mit dem Verfall des römischen Reiches und seines ausgeklügelten Bewässerungssystems war erstmal Schluss mit diesen Angenehmlichkeiten – bis das angeblich so dunkle Mittelalter neue Lichtblicke brachte: die Badehäuser. Große Holzzuber wurden bereitgestellt, in denen man gemeinsam und nicht grundsätzlich nach Geschlechtern getrennt saß und es sich gut gehen ließ – sofern man in der Stadt wohnte und es sich leisten konnte. Heißes Wasser wurde nachgegossen, ein Brett lag über den Rändern des Zubers, auf dem man Karten und anderes spielen konnte und / oder worauf Mahlzeiten und Getränke abgestellt wurden. Und diese Bottiche gab es auch für zwei Personen im Separée – da ging es dann wohl mal wieder weniger um Hygiene, und es wurde eher mehr unter dem Brett gespielt… Naja, der Mensch und seine Lustbarkeiten: zocken, mampfen, trinken und… Wonach ihm sonst so gerade ist.

Das durfte ich so nicht erleben, zu spät geboren. Allerdings habe ich als kleiner Bub noch in der Waschküche in der Zinkbütt gesessen, in deren Badewasser vorher schon andere Familienmitglieder oberflächlich gesäubert worden waren – und dabei lauthals gesungen: „In meiner Badewanne bin ich Kapitän!“ Einer schwäbischen Aussage gemäß „In der Familje koos net stimme – do kriegt jeda neus Wasser!“ war also bei uns alles zumindest diesbezüglich in Ordnung. Ein Badezimmer erhielt das Haus in Selgersdorf erst in den 1960ern. Doch baden konnte man damals auch sommers in der Rur. Die war nicht tief und reißend, nur ziemlich kalt. Verboten war´s und somit umso reizvoller, erfrischend in jeder Hinsicht. Kein Vergleich zu Hallen- und Freibädern, die ich später hauptsächlich aus Geselligkeitsgründen besucht habe. Man traf sich dort nachmittags nach der Schule und konnte einander knapp bekleidet pubertär begutachten. Und wenn´s ins Wasserbecken ging, war mehr Plantschen und Nassspritzen mit lautem Gekreisch angesagt : am besten mit „Arschbomben“ vom Beckenrand – oh Mist, da kommt der Bademeister! Nostalgie…

Und heute ist alles besser geworden, aber nicht mehr so lustig, wenn man sich`s sich nicht in der Spaßtherme leisten kann: Bademeister sind nun Mangelware beziehungsweise -menschen, Schwimmbäder sanierungsbedürftig, Rettungsschwimmer werden per Crashkurs „ausgebildet“. Manche Kinder können das Schwimmen unter diesen Umständen nicht mal mehr erlernen…

Müssen sie ja auch langfristig nicht. So tief ist die Badewanne nicht, und in Anbetracht der Beschränkungen, die sich derzeit Oberitalien dank Hitze und Wasserknappheit gerade auferlegen muss, werden die Gartenpools zwangsläufig kleiner werden. Denn es steht zu befürchten, dass auch wir hier auf Dauer von solchen standhaften, klimabedingten „Hochs“ nicht verschont bleiben werden. Da wird so einiges baden gehen, und wir eher seltener. Pulex irritans wird sich freuen – aber wen juckt´s? Derzeit die Wenigsten. Schade, aber… Ich gehe jetzt mich waschen.


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