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Nun – dem Herzog sei Dank – weiß ich es auch: Dieses ist ein sogenanntes Schaltjahr.

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Grafik: Sophie Dohmen
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Aha, ein Tag mehr. Da dürfen die, die an jenem Tag geboren wurden, auch kalendarisch am entsprechenden feiern und nicht wie in den Jahren dazwischen erst einen später. Oder eigentlich schon etwas früher, weil… Oder wie ist das rechnerisch korrekt? Das ist ähnlich wie mit dieser sinnlosen Winter- / Sommerzeitumstellung, da muss ich auch zweimal überlegen. Schließlich hat der Tag ja weiterhin 24 Stunden. Erst schneide ich mir ein Stück von der Hose ab, dann nähe ich es wieder dran, weil meine Beine ja gleich lang bleiben? Modisch mag das Sinn machen, haben tut es keinen. Anders ist das mit dem Schaltjahr. Da kommen wir auf Dauer mit 365 Tagen nicht hin. Wäre ja noch schöner, wenn das Sonnensystem sich nach uns richtete, obwohl es immer noch und immer wieder Staatsoberhäupter gibt, die diese Überzeugung in Bezug auf sich selbst vertreten, hemmungslos und nicht ohne Anhänger. Äh, ja, zurück: Durch- schnittlich ist das Jahr um ca. 0,24 eines Tages länger, also sind wir nach 4 Jahren um fast einen Tag hinterher. Dieser wird dann eingeschaltet. So habe ich es mir erklären lassen – ob ich es zumindest prinzipiell richtig verstanden habe, mögen Sie gerne überprüfen, vielleicht hat ja bei mir was nicht ordentlich geschaltet.

Dass wir kalendarisch-rechnerisch nicht auf der Höhe der Zeit sind und gelegentlich nachbessern (lassen) müssen, finde ich bei und wegen all der Wichtigkeit für unser bis in den Sekundenbereich (und darüber hinaus) getaktetes Leben nicht uninteressant, aber eher unwesentlich.

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Wir bekommen ja dieses Jahr keinen Tag MEHR, sondern nur 24 Stunden, deren Unangerechnetheit wir gar nicht bemerkt haben. Da stellt sich mir doch eher die Frage: würde uns wirklich ein Tag geschenkt, was würden wir mit ihm machen?

Und die ist schnell beantwortet: ääh, naja – „nichts“ mag ich jetzt nicht schreiben- also: das gleiche – oder schlimmer – dasselbe wie mit den anderen. Unabschaltbar wie unsere Gewohnheiten nun mal sind, schalten wir unsere Geräte ein (andere blieben eh standby). Kaffeemaschine und Toaster sind da NOCH harmlos, solange wir sie selbst bedienen und sie uns nicht freundlich bevormundend anquatschen: „Du hast gerade geduscht, ich mache jetzt dein Frühstück fertig!“ Die anderen Devices wissen sowieso um unsere Gier uns von ihnen bedienen zu lassen: „Sie (oh, ich werde immerhin nicht geduzt!) haben 23 neue Nachrichten!“ Und ran an die 22 Belanglosigkeiten, zügig 20 „Antworten“ vergleichbar inhaltlos aber sozial netzwerkerisch wertvoll (ja, finde ich auch!) versendet – und rum ist der Tag, der geschenkte. „Ich muss mal abschalten“ kenne ich noch aus Tagen, als wir noch nicht so verschaltet waren. Da machte man tatsächlich ohne dabei unterbrochen zu werden auch mal – nichts. Jedenfalls nichts, was einem von irgendeiner Seite nahegelegt wurde, nämlich per schlechtem Gewissen: „Tun Sie was für ihre Gesundheit !“ oder unruhiger Gelangweiltheit: „Besuchen Sie unsere Freizeitoase!“ Sowas von anspruchslos gestaltete sich das: Füße hochlegen, Arme hinter dem Kopf verschränken, bei gutem Wetter in die vorbeiziehenden Wolken schauen, darin Köpfe, Gestalten, sich paarende Hunde und sonstwas assoziierend sehend – bei schlechtem Wetter noch nicht mal das. „Relaxen“ war das auch, völlig „gechillt“ – nur ohne den sich selbst verhindernden Anspruch : „Nun sei aber mal entspannt!“ . Sicher nicht jedermanns Sache, aber eine durchaus sinnvoll erwägbare Möglichkeit.

Jaja. Ja. Sie haben recht: wirklich abschalten geht nicht. Noch nicht mal im Schlaf. Auch da klappern die Synapsen und bescheren uns unglaubliche Verschaltungen, über deren Produkte, obwohl sie doch irgendwie unsere eigenen sind, wir uns nur wundern können. Um also im heutigen Vergleichs-Bild zu bleiben: runterfahren, alle Neben- und Hintergrundprogramme auf stumm und umschalten. Richten Sie Ihr Benutzerprofil neu ein, nur für Sie selbst und was Ihnen wichtig sein MUSS. Keiner drängt Sie, wer nicht warten kann, sind Sie selbst. Die Welt läuft auch ohne ihre Anteilnahme. Sie nimmt auch keinerlei Anteil an Ihnen. Und wenn, dann nur um Sie zu benutzen, algorithmisch zu erfassen, Ihre Daten zu etwas zu strukturieren, was Sie eigentlich nicht sind, sie hoffentlich nicht wirklich ausmacht. So dämlich wie diese (wenn auch in sich für uns Nichtprogrammierer komplizierten) Verrechnungen ist eigentlich kein Mensch.
Haben Sie schon mal erlebt, dass Ihr PC sich gefreut hat ? Wird er auch nie können. Eben deshalb habe ich keine Angst vor sogenannter künstlicher Intelligenz, sondern nur vor den größenwahnsinnigen Überfliegern, die daran arbeiten und glauben – im Verbund mit kritiklos technikhörigen Usern.

Und: kein Computer kennt Hunger – wenn man ihn einschaltet, ist er „satt“, hat Energie, das war ́s. Und Datenhunger hat er schon gar nicht. Den haben andere: nämlich Menschen, deren als sozial getarnte eigennützigen Geschäftsmodelle wir nicht bequem-unüberlegt unterstützen müssen und sollten. „Ich hab ́ doch nichts zu verbergen!“, sagen einhellig in der sie auszeichnenden Unbedarftheit Otto Normalverbraucher und Chantal-Brigitte Konsou-Menthin. Mag ja sein, aber deshalb müssen wir uns doch nicht einer Maschinerie offenbaren, über deren Auswüchse selbst ihre „Bediener“ sich längst nicht im Klaren sind. Was man bisweilen noch nicht mal seinem Freund, seiner Freundin unter vier Augen erzählt, gehört nicht in Server, die uninteressiert nichts vergessen, nur weil man’s gerade loswerden zu müssen glaubt.

Bleiben Sie Mensch und berühren Sie lieber ein leibhaftiges ebenso menschliches Gegenüber mal vergleichbar zärtlich (so oft muss gar nicht sein) wie ihr Smartphone …

Geschaltet ? Dieses Jahr gibt‘s dafür einen Tag „mehr“.


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