Start featured Pasta und Pasteyen

Pasta und Pasteyen

Die Nudel in der europäischen Kunst- und Baugeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zitadelle Jülich. Von Guido von Büren und Dirk Tölke

95
0
TEILEN
Foto: Adobe-stock
Foto: Adobe-stock
- Anzeige -

Kunstgeschichtsschreibung hat ihren deutlichsten Ausgangspunkt in Italien, diesem Land, in dem man Sonne, Kunst und Teigwaren genießen kann. So kommt es nicht von ungefähr, dass wir hier über ein Thema handeln, das auf sinnfällige Weise die ästhetische Tradition mit der Kochkunst verbindet: Pasta und Pasteyen. Unsere Ausführungen verstehen sich als Beitrag zur kulinarischen Kunstgeschichtsforschung.

Eugenio Mangare schrieb 1914 in seinem bahnbrechenden Werk „Die Rezeption der Teigware in der Kunst des Abendlandes“: „Schon seit Anbeginn lässt sich eine Vorliebe des Menschen für Weiches und Teigiges feststellen, aber erst dem 17. Jahrhundert blieb es vorbehalten, das Teigige zu bewahren, ihm aber in reduktiver Kraft die Ausdrucksmöglichkeit der klaren Linie zu geben. Die Nudel, zumal in ihrer vollendeten Form, wie sie William Hogarth in ‚The analysis of birkel’ darstellt, sollte als neues strukturelles Basiselement die Kunst des 18. Jahrhunderts revolutionieren.“

- Anzeige -

Soweit Mangare. Lange Zeit war man in der Nudelforschung auf eine Handvoll Belege angewiesen, die von der Fachwelt nicht genügend gewürdigt wurden. Die breite Wirkung ist Mangares Werk wohl deshalb versagt geblieben, weil der Erste Weltkrieg weitere Forschungen in dieser Richtung abbrechen ließ.

In jüngster Zeit gelang nun die Freilegung eines Zyklus von Tondi im Refektorium des Klosters Santa Maria Makkaroni. Zur Überraschung selbst der Restauratoren stellte sich heraus, dass die Wandmalereien nicht al-fresco, sondern in der al-dente-Technik hergestellt waren. Ein äußerst seltener Fall.

Bisher war nämlich die al-dente-Technik nur aus der Literatur bekannt. Die früheste Erwähnung findet sich in Vasaris „Viten“. Vasari schreibt dort über Giacomo Tortello den Jüngeren, genannt Tortellini: „Giacomos frühester Beruf war, wie viele versichern, nicht die Malerei, sondern die Kochkunst, in der er sich durch Werke hervortat, die das Ergötzen vieler fanden. Diese Geschicklichkeit machte ihn den Vornehmen einige Zeit sehr angenehm und durch sie hatte er auch vertrauten Umgang mit anderen Künstlern. Dadurch kam ihn die Lust an, die Malerei zu studieren und er erlernte sie mit Gewinn bei dem für seine Fresken bekannten Andrea della Sagne.“ Etwas später im Text schreibt Vasari: „Nicht nur war ihm eine feine Zeichnung inne, sondern besonderen Ruhm erntete er wegen seiner al-dente-Technik, die ein feinliniges Relief der Umrisse durch die Aufbringung von Teigfäden (Pastolinos) ermöglichte, wodurch die Malerei sehr pastos wirkte.“ Spätere Quellen, unter ihnen der Nudelkodex des Abdull Ibn Al-Funghi sprechen von Primi-Piatti-Strukturen, womit wohl dieselbe Technik gemeint ist.

Tondi „Sommer“ aus dem Kloster Santa Maria Makkaroni. Foto: Dirk Tölke
Tondi „Sommer“ aus dem Kloster Santa Maria Makkaroni. Foto: Dirk Tölke

Bei den in Santa Maria Makkaroni entdeckten Tondi mit einem Durchmesser von 25 cm könnte es sich um eine Arbeit aus der Schule Tortellinis handeln. Die Deutung der freigelegten Arbeiten liegt noch in den Anfängen. Der Teigwarensoziologe Martin Jause und der Kulinarhistoriker Viktor Schmaus deuten die Tondi als Bestandteile eines Zyklus über die Erdentwicklung unter Einschluss der Jahreszeiten. Sie gehen dabei von einer Abfolge Frühling – Erdentstehung, Sommer – Pflanzenwuchs, Herbst – Städtebau, Winter – Weltzerstörung aus. Als Beispiel möge hier der Sommer dienen. Der „Sommer“ zeigt einen Fluss in einer grünen Landschaft im Abendrot mit leicht bewölktem Himmel.

Nudelportrait des Paolo Farinato in einer Kopie des Monogrammisten F.D.H. Foto: Dirk Tölke

Nudelportrait des Paolo Farinato in einer Kopie des Monogrammisten F.D.H. Foto: Dirk Tölke

 

Die Fresken dürften den Endpunkt einer Entwicklung markieren, die Anfang des 16. Jahrhunderts begann, als es zum Streit zwischen Malern und Konditoren um die Frage kam, welche Zunft mit Mehl mehr Geschmack bewiese. Wie S.P.A. Ghetty in „Glanz und Elend der Nudel in der Kunst“ schrieb, habe Kaiser Maximilian I. dem Baumkuchen des Franz von Baiser jedoch den Vorzug vor den Bolognesischen Nudelportraits des Paolo Farinato gegeben. Erhalten ist uns eine Kopie des Monogrammisten F.D.H., die eines der Nudelportraits von Farinato zeigt. Maximilian I. soll der Überlieferung zufolge allerdings die Portraits als „Ächt Lekker“ bezeichnet haben, was mit „gefällig“ nur unzureichend übersetzt wäre.

Zu Anfang des 17. Jahrhunderts entwickelte in Deutschland zum Leidwesen der Architekten Gotthard Weizengrieß die „Nudelordnung“ für Säulen an Küchenportalfronten, von denen jedoch keine jemals verwendet wurde. Der hier reproduzierte Stich in der Nudelapplikationstechnik zeigt von links nach rechts die pomo-dorische, die an-ionische und die kapitellinische Ordnung.
Diese Nudelordnung ließ uns nun im Hinblick auf die Zitadelle Jülich stutzig werden. Sollte Gotthard Weizengrieß seine Nudelordnung ohne direkte italienische Vorbilder entwickelt haben? In uns keimte ein Verdacht auf, der eine unerwartete Bestätigung fand. Bis auf die Meldung von Geburt und Taufe Alessandro Pasqualinis, des Architekten von Stadt und Festung Jülich, im Mai 1493 in Bologna, fehlen bisher jedwede Quellenfunde in Italien. Erst Anfang der 1530er Jahre ist er in den Niederlanden wieder greifbar. Was war in der Zwischenzeit geschehen? Am 1. April des vergangenen Jahres machten wir in unsortierten Akten des Stadtarchivs Jülich eine sensationelle Entdeckung. Einem Hinweis Horst Dinstühlers folgend fanden wir den Urnudelentwurf der Zitadelle Jülich mit dem Monogramm Alessandro Pasqualinis.

Urnudelentwurf der Zitadelle Jülich mit dem Monogramm Alessandro Pastalinis. Foto: Marcell Perse
Urnudelentwurf der Zitadelle Jülich mit dem Monogramm Alessandro Pastalinis. Foto: Marcell Perse

Schlagartig wurde uns klar, dass Pasqualini ein Pseudonym sein muss; tatsächlich handelt es sich bei dem Bologneser Pasqualini um den bedeutenden Saucenbinder Alessandro Pastalini. Insoweit erklärt sich auch die Schreibweise Pastey statt Bastei (= Bastion) in schriftlichen Äußerungen Pastalinis. Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, weitere Entwurfsnudelapplikationen dieses Meisters zu finden. Wir zeigen hier den entsprechenden Entwurf des rustizierten Jülicher Nordportals

 

 

und eines Skelettbukranions der Schlosskapelle

Doch nicht genug damit: Die Darstellung des Menschen in Kreis und Quadrat machte unmissverständlich deutlich, dass sich Pastalini intensiv am theoretischen Nudeldiskurs seiner Zeit beteiligt hat.

Alessandro Pastalini, Darstellung des Menschen in Kreis und Quadrat nach Vitruv. Foto: Marcell Perse
Alessandro Pastalini, Darstellung des Menschen in Kreis und Quadrat nach Vitruv. Foto: Marcell Perse

So sind wir ziemlich sicher, dass die Nudelordnung des Gotthard Weizengrieß nur eine billige aber schmackhafte Kopie einer entsprechenden Nudelinvention Alessandro Pastalinis darstellt. Hier besteht noch weiterer Forschungsbedarf. Gerade auch deshalb, weil wir einen spektakulären Fund gemacht haben, der erst vor wenigen Tagen bei archäologischen Untersuchungen an der Kontramauer der Zitadelle gefunden wurde. Bei Sondagen wurde eine Schicht angeschnitten, die unzweifelhaft Abfälle aus der Nudelküche Alessandro Pastalinis enthielt. Unter diesen befand sich tatsächlich eine Nudelverpackung der Marke Krauselli!

Angesichts der jüngsten Funde ist abschließend der Frage nachzugehen, wie sich der künstlerische Nudeldiskurs des 16. und 17. Jahrhunderts in der Moderne fortsetzt. Als Beispiele möchten wir ausgewählte Werke von Kandinsky, Schwitters und Mondrian zeigen. Vor allem Wassily Kandinsky hat sich innerhalb der klassischen Moderne mit Nudeln auseinandergesetzt. Bekannt ist seine Nudelserie mit Titeln wie „Spannung in Gelb“, „Einige Nudeln“, „Hart im Locker“ und „Weiches Zentrum“.

Wassily Kandinsky, 1. Entwurf „Punkt und Linie zu Fläche“. Foto: Dirk Tölke
Wassily Kandinsky, 1. Entwurf „Punkt und Linie zu Fläche“. Foto: Dirk Tölke

Programmatisch aber sind die Entwürfe für das Titelblatt zu seinem Werk „Punkt und Linie zur Fläche“. Besonders interessant ist innerhalb des Buches die Auseinandersetzung mit der Schwingungsqualität der al-dente-Nudel im Gegensatz zum Hartweizengrießprodukt.

Die folgende Abbildung zeigt das nur wenig bekannte Nudelmanifest von Kurt Schwitters vom März 1924 (Abb. 10). Nach Angabe von Hans Richter kochte Schwitters die dazu verwendete „Ur-Nudel“ bei einem Dadaisten-Treffen Ende 1923.

Die letzte Abbildung schließlich zeigt das Hauptwerk von Mondrians kulinarischer Phase „Rosso, Giallo, Blu“ von 1924 (Abb. 11). Diese Werke mögen als Belege für den fortgesetzten Nudeldiskurs in der Kunst genügen.

Piet Mondrian, „Rosso, Giallo, Blu“, 1924. Foto: Dirk Tölke
Piet Mondrian, „Rosso, Giallo, Blu“, 1924. Foto: Dirk Tölke

Wir hoffe, dass wir habe zeigen können, dass sich die Nudel wie ein gelber Faden durch die Kunstgeschichte zieht und möchten zum Abschluss noch ein Zitat von Nathan Spätzle herunternudeln, das sich wiederfindet in seinem Schlüsselwerk „Wahrer Abriß und förderlicher Ratgeber der Geschmackskunst, wie sie vorgebildet und gegeben durch die Werke der Malerei und der allzumal zünftigen Verrichtung der Zuckerbäcker und Teiger“ (Ravioli 1634): „Das wichtigste bei der Beschäftigung mit Kunst ist es, auf den Geschmack zu kommen.“ In diesem Sinnen: Wohl bekomms!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here