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Vom Losgehen und Ankommen

„Gewinne, Gewinne, Gewinne“, eine frühe Kindheitserinnerung, tatsächlich eine lieb gewonnene.

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Illustration: Daniel Grasmeier
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Denn ich liebe Kirmes – vor allem wegen der Losbuden. Der spezielle Geruch nach Popcorn, Pommesbude und Fahrgeschäften sowie die Verheißung für kleinen Einsatz etwas Großes, Tolles, ja beinahe Fantastisches mit nach Hause nehmen zu können. Den Hauptpreis. Auf der Kirmes meistens etwas Profanes wie riesige Plüschtiere (die wahrscheinlich immer noch irgendwo auf dem Dachboden meiner Eltern auf Wiedererweckung warten). Aber für eine etwa 7-jährige ist es das ja dennoch. Auch heute als Erwachsene üben Losbuden, Tombolas und generell Lose in allen Varianten einen großen Reiz auf mich aus – Grüße gehen raus an das Team der Lionsclub Losbude, ich vermisse euch jetzt schon wieder.

Aber warum ist das so? Das große Los ziehen, ein Traum für viele Menschen. Da sind wir dann nicht mehr bei der Losbude, sondern eher bei einem Lebenskonzept. Dabei bedeutet das für fast jeden etwas Anderes. Der eine meint den neuen Job, die neue Wohnung oder die Partnerwahl, mancher auch eine hohe Gewinnsumme. All diese Dinge haben aber doch weniger mit Zufall zu tun, denn dies ist ein Los definitionsgemäß. Eine zufällige Verteilung von Dingen oder Auszeichnungen. Früher auch Aufträgen bei so genannten Baulosen. Kurzer Zwischenstopp: Ja, es gab tatsächlich eine Zeit wo Aufträge im Handwerk per Los zugeschlagen wurden. Heute gibt es im öffentlichen Bereich zwar eher Ausschreibungen, im Privaten hat man aber das Gefühl, kommen wir langsam eher in einen Bereich, in dem wir die Handwerkertätigkeit verlosen müssten, schaut man sich Auftragslage und die jeweiligen Wartezeiten in manchen Gewerken an. Da ist es tatsächlich Glück. Das große Los fast, klappt es zügig mit der Baustelle. Wo war ich davor? Ah ja…Zufälle. Die wenigsten Dinge, die Menschen als das große Los bezeichnen, sind Zufälle. Das allermeiste passiert, weil jemand losgegangen ist, Mut gefasst hat etwas anzupacken. Loslegen, die Ärmel aufkrempeln.

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Ein Grund warum die Zeit zwischen den Jahren so toll ist. Man kann zur Ruhe kommen, Dinge und schlechte Gedanken loslassen, den Kopf leerräumen und Sachen neu denken. Einmal alles auskehren, reinigen, um dann „Auf die Plätze, fertig, los“ befreit in ein frisches neues Jahr zu starten. Bestimmt haben deshalb so viele Menschen das Bedürfnis neue, gute Vorsätze zu fassen. Das Blatt ist noch leer, der Kalender auch und es fühlt sich vielleicht an, als könne man alles sein, alles ändern. Zuweilen muss man sich also von Dingen losmachen oder gar los sagen im Sinne von befreien. Schlechte Angewohnheiten oder gleich toxische Beziehungen. Denn auch das Los hat Schattenseiten: Das harte Los, so wie die sprichwörtliche Medaille zwei Seiten hat. Ein schweres Schicksal, schlimme Dinge oder Krankheiten, die einem passiert sind und hier bin ich sehr sicher, dass es sich zu 99% um Zufälle handelt. Das eine Prozent lass ich aus Hoffnung, dass das Karma eben doch die Boshaften erwischt und es Ihnen in gleicher Münze heimzahlt. Dennoch verdienen die wenigsten, dass ihnen schlimme Dinge passieren. Manchmal reicht es schon im falschen Land oder auch nur zum falschen Zeitpunkt geboren worden zu sein. Denn da sind wir uns wohl auch alle einig: Für das Privileg in einem gutsituierten und sicheren Land wie unserem geboren worden zu sein, kann niemand etwas. Das große Los schon direkt beim ersten Schrei. Natürlich gibt es auch hier schwierige Lebensumstände und Schicksale – wir können und sollten das nicht vergessen. Vielleicht kann einer unserer Vorsätze ja sein, ehrenamtlich tätig zu werden. Dafür gibt es auch in Jülich viele tolle Initiativen und Möglichkeiten. Einfach mal loslegen und machen. Für sich und andere und das große Los nicht dem Schicksal überlassen.

Ähnliches hatte vielleicht auch die junge Frau im Kopf, die den Vorgänger von Monopoly 1904 erfand. Das bekannteste Los im Spiel. Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Mark ein. Die Erfinderin wollte mit dem Spiel kritisch auf die Bauinvestoren Situation in den USA hinweisen. Es gab auch eine Spielvariante bei der am Ende der Besitz gleich verteilt ist und eben nicht der Monopolist gewinnt. Ein Thema, das zu Zeiten von nötigen Mietpreisbremsen und Gentrifizierung aktueller denn je erscheint. Aber irgendwie auch wenig erstaunlich, dass diese Spielvariante sich nicht durchgesetzt hat. Wahrscheinlich liegt Wettkampf in der Natur des Menschen. Das Gewinnen wollen…wieder sind wir beim „Auf die Plätze, fertig, los“. Der Schnellste, Größte, Tollste gewinnt. Dabei übersieht man oft Schönes, weil es vielleicht leise und schüchtern ist.

Wie oft ich schon mein Kind antreibe…Los, los, jetzt schnell. Weil wir zu spät sind, weil wir Termine haben. Zu viel loslegen ist halt auch nicht richtig. Bestimmt verpassen wir auch dann viele schöne Dinge am Wegesrand, die versteckt und unauffällig sind. Das Gegenteil der gerade so gewünschten Achtsamkeit. Wahrscheinlich ist das wie mit allen Dingen. Das richtige Maß macht es.

Ich mag nochmal zurückkommen auf die Frage nach Zufall oder Schicksal. Eine Begegnung und damit einhergehendes Gespräch haben mich diesbezüglich zum erneuten Nachdenken gebracht. Verbindet ein gläubiger Mensch immer ein Schicksal mit einem Gott? Gibt es dann keinen Zufall mehr? Der Impuls der uns an eine Stelle unseres Lebens führt kann Schicksal oder Zufall sein, aber was wir dann machen oder generell wie es weitergeht, ist die freie Entscheidung eines jeden Menschen und damit auch seine Verantwortung. Sein Los annehmen bedeutet ja nicht sich zurückzulehnen und nichts zu tun in meinen Augen. Sollte es zumindest nicht. Es sollte nur bedeuten anzunehmen, wo man steht und dann loszulegen.

In diesem Sinne: Los geht’s! Frohes neues, aktives, aber bewusst gelebtes Jahr 2022!

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Andrea Esser
In Jülich geboren und dann nach der Schule ab in den Süden zum Studium der Wortjonglage. Nach einer abwechslungsreichen Lehrzeit mit den Prominenten dieser Welt, überwog das Heimweh nach dem schönen Rheinland und Jülich im Speziellen. Deckname Lottofee, liebt ihre Familie, Süßigkeiten, Kaffee, alles Geschriebene und Torsten Sträter. Anfällig für sämtliche Suchtmittel (nur die legalen natürlich). Hat schon mal eine Ehrenurkunde gewonnen und ihre erste Zeitung bereits mit zehn Jahren herausgegeben. Hauptberuflich strenger Händchenhalter eines Haufens vornehmlich junger Männer. Der Tag hat notorisch zu wenige Stunden für alle Pläne und kreativen Vorhaben, die meiste Zeit etwas verwirrt.

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