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Von 0 auf 100 und zurück

100 – was eine magische Zahl. Sie ist rund und gleichzeitig vielfach teilbar.

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Grafik: Daniel Grasmeier
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Wer 100 Prozent gibt, der hat nach landläufigem Verständnis vieles richtig gemacht und vollen Einsatz gezeigt. „100“ – so ist der Titel der aktuellen Ausgabe, und das hat seinen Grund: Der HERZOG freut sich, dass die Jülicher im April in der 100. Ausgabe des Magazins blättern können, und er seit 2012 bis heute immer wieder viele „Geschichten“ mit seinen Lesern teilen kann. Das geht natürlich nur, weil der HERZOG ein Team hat, das 100-prozentig dahinter steht. Wir empfinden das als Geschenk und als Luxus, und so sei hier auch einmal ein großer Dank nicht nur an die treuen und uns – vielen Dank auch dafür! – lobenden Leser, sondern auch die „Macherinnen und Macher“ ausgesprochen. Sie sind Ideengeber, Umsetzer, Menschenbegeisterer in Schrift und Bild!

Natürlich war auch für die Redaktion diese Ausgabe eine besondere Herausforderung. Da kommt er schon: der Virus. Er hat die Veröffentlichung eines Veranstaltungskalenders auf seriöser Basis nahezu unmöglich gemacht. Vier Tage vor der Abgabe an die Druckerei sind viele Beiträge noch einmal ausgetauscht worden, oder es war unsicher, ob und welche Inhalte überhaupt möglich sein würden. Aber es ist wieder gelungen.

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Natürlich verkündet der HERZOG nicht nur alle Informationen rund um das Thema „Corona“ und die Richtlinien wie Versammlungsverbote, Veranstaltungsverbote… Wir pflegen den Hashtag #flattenthecurve: Jeder arbeitet zu Hause, der Austausch geht per Videokonferenz und Chats oder das gute alte Telefon! Wir sind nicht abgeschnitten voneinander, wir sind verbunden auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Und wenn dann der Chefdesigner launig bei der Video-Sitzung in die Runde ruft: „Wie immer gehen die Getränke auf den HERZOG!“ Dann prosten sich alle grinsend von Bildschirm zu Bildschirm mit Getränken zu. Geht doch! Läuft!

Das ist nicht wie vor 100 Jahren, als das Leben noch langsamer und ohne Technik drehte und ein Telefonat über „das Fräulein vom Amt“ vermittelt werden musste.

Liselotte Schmitt ist 100 Jahre alt und ist Wahl-Jülicherin. Von ihrem Leben hat sie Andrea Eßer erzählt (S. 24) Sie hat viele Staatsformen erlebt: Sie hat eine Republik, eine Diktatur und eine Demokratie am eigenen Leib erfahren – und naja, der deutsche Kaiser lebte immerhin noch. Wer 100 Jahre alt ist, hat noch Kutschen auf Straßen fahren sehen, die ersten Fahrversuche mit Automobilen, die Entwicklung von Flugzeugen zu Passagierflugzeugen, zur Selbstverständlichkeit von Flugreisen. Kommunikation: Die Entwicklung vom Telegramm auf Papier zum heutigen Messenger-Dienst gleichen Namens für das Smartphone. Und die Nahrungsmittelbranche, was sich hier getan hat: Vom Kühlschrank und Tiefkühler gar nicht zu reden. Bier wurde in Krügen bei der Brauerei abgezapft nach Hause getragen. Meine Schwiegermutter hat mir erzählt, wie sie zu diesem Botengang als Kind ausgeschickt wurde, und hat uns den Krug mit Deckel vermacht. Unverpackt-Läden waren Normalität und keine Besonderheit.
Unfassbar, was so in 100 Jahre passt. Und unfassbar, wie lange das dauert. Und unfassbar, wie schnell das heute geht: Der Mensch von 0 auf 100 in 10 Sekunden – längstens. Da würde die Autowerbung neidisch werden. Nee, was regen wir uns alle gerne auf: Im Supermarkt an der Kasse, wenn die Schlange lang ist, und die Marktleitung keine zusätzliche Kasse aufmacht; wer wie viel Toilettenpapier kauft; wer wo rücksichtslos hamstert. Warum nicht einfach selbst es besser machen, anders machen…?

Von 0 auf 100, wenn der Schiedsrichter beim Fußball hinguckt oder wenn er wegguckt – je nach Perspektive.
Über Raser und über „Schnecken“ vor uns auf der Straße, über spielende Kinder und darüber, wenn Kinder nicht spielen dürfen.

Über Hofberichterstattung, über Kritik, über Lob.
Jammern immer und überall und auf hohem Niveau: Wenn die Sonne nicht scheint, wenn es zu heiß ist, wenn es regnet, wenn es nicht regnet… Die Reihe ist beliebig erweiterbar.

Über zu viel Regeln – „Was! Ausgangssperre? Meine Bürgerrechte werden eingeschränkt!“

Über zu wenig Regeln – „Was! Der Karnevalszug wird nicht verboten, obwohl es stürmt?“

Und warum ist das so? Weil die Menschen dem Kantschen Imperativ nicht folgen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten können.“ Es fehlt das Prinzip der Eigenverantwortung, die sich misst am Wohl der Allgemeinheit. Da passt dann das zweite Zitat: „Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.“ Und das gilt für die „Freiheit“, eine Unversehrtheit an Leib und Leben zu gewährleisten und zu behalten, ebenso.

Um mal eine Formulierung zu wählen, die eigentlich schon gruselig abgegriffen ist, aber dennoch passt: „Normal“ ist das neue „außergewöhnlich“.

Jahrelang haben die Mahner in der Wüste sich ungehört über die Spaßgesellschaft verbreitet, über Menschen, die sich nicht mehr selbst zu beschäftigen wissen, über den Verlust im Zusammenhalt der Familien, über die Oberflächlichkeit.

Seit zwei Wochen sind die Menschen auf sich selbst zurück geworfen. Schon kursieren die dümmsten Witze von Ehepartnern, die – weil Fußball und Kneipe ausfallen – sich erstmals nach vielen Jahren wieder miteinander beschäftigen müssen und „sich eigentlich ganz nett“ finden. Von Eltern, die plötzlich mit ihren eigenen Kindern konfrontiert sind und Alkohol hamstern, um die Situation zu bewältigen. Achtung: witzig! Aber es gibt auch viel Solidarität: Straßengemeinschaften etwa, die sich für die Versorgung ihrer älteren Nachbarn verabreden. Eine nette kuriose Geschichte am Rande, die uns zugetragen wurde: Um zu helfen, klingelte eine „Nicht-Risikogruppen-Angehörige“ bei einer über 90-jährigen Nachbarin. Was sie nicht wusste: Sie war nicht die Erste und auch nicht die Zweite. Die alte Dame war schon völlig „entnervt“, weil ständig bei ihr Nachbarn mit demselben Angebot klingelten. Das zeigt aber: Der Mikrokosmos Nachbarschaft ist intakt. Es gibt angekündigte feste Zeiten zum gemeinsamen Applaus aus dem Fenster für Pflege- und Einsatzkräfte in dieser ungewöhnlichen Zeit, die evangelische Kirche lädt zum Balkongesang… Wer sich nicht bereits geerdet hat, der hat jetzt die einmalige Chance, dies zu tun.

Von 100 auf 0.

Das ist die Gelegenheit in der Burn-Out-Generation zu mehr Gelassenheit, Überlegtheit und auch zur Freude an Fakten. Zeit zu prüfen, was wissenschaftlich fundiert ist, und was Propaganda. Denn auch das ist ein Thema: Als „trojanische Pferde“ kommen Posts und Videonachrichten daher, die unterschwellig rassistisch oder nationalistisch populistisches Gedankengut verbreiten. Tipp: Jetzt, da weder die Sportmannschaft noch Außenaktivitäten locken, einfach mal die Quellen googeln und den Seriösitätscheck machen, für den sonst im beklagten schnelllebigen Alltag beim Weiterleiten so oft auf der Strecke bleibt.

Uns allen wünschen wir, dass wir mit Kreativität und Gelassenheit und natürlich vor allem mit Rücksichtnahme, Einsicht und gesund bleibend oder werdend durch den April kommen.

Wem das zu anstrengend ist, der kann ja noch die Dornröschen-Alternative wählen: 100 Jahre Schlaf, das wäre manchmal ja schon märchenhaft.


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