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Archäologie mit Leidenschaft

Marcell Perse ist der Leiter des Museums Zitadelle und damit zuständig – wie er immer sagt – für die drei großen R: Römer – Renaissance – Romantik. Diese Spannbreite bietet Jülich. Von Hause aus ist der Museumschef, obwohl auch als Schirmerpapst bekannt (nach R wie Romantik) eigentlich Archäologe. In dieser Funktion kam er vor 40 Jahren nach Jülich. Wie es dazu kam und warum er blieb hat er dem HERZOG erzählt.

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Marcell Perse bei der Ausgrabung der Kastellmauer. Foto: Tom Besselmann
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Mit verborgenen Schätzen, geheimnisvollen Gräbern und Indiana Jones hat das Berufsleben von Marcell Perse eher wenig zu tun. Obwohl: Gräber gab es reichlich. Und einmal musste er sogar einen Bagger stoppen. Zum heutigen Tag der Archäologie ein Besuch bei einem, der seit Jahrzehnten Schicht für Schicht die Geschichte Jülichs freilegt. „Indiana Jones ist spannender“, sagt Marcell Perse und lacht. Die Filme hat der Leiter des Museums Zitadelle Jülich selbst gerne gesehen. Nur mit seinem Berufsalltag haben sie wenig zu tun. Archäologie, sagt Perse, sei „sehr bodenständig, sehr faktenbasiert, sehr kleinteilig“.

Und trotzdem: An Abenteuern mangelt es in seiner Laufbahn nicht. Da wäre zum Beispiel jener Tag im Jahr 1986, als Perse neben einer Jülicher Baustelle stand und auf ein Grab wartete. Beim Bau der Tiefgarage Zitadelle hatte er vor einem spätantik-fränkischen Gräberfeld gewarnt. Vergeblich. Also wartete der junge Archäologe, bis der Bagger tatsächlich auf das erste Grab stieß. Dann zog er das Denkmalschutzgesetz heraus: Stopp, hier geht es nicht weiter.

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Es funktionierte. Die Denkmalpflege übernahm, und aus dem Baustopp entwickelte sich eine der für Perse wichtigsten Grabungen seiner Laufbahn. Zum Vorschein kamen Zeugnisse des frühen Mittelalters, aber auch Spuren des großen Stadtbrandes von 1548 und schließlich der Grenzgraben des römischen Jülich.

Solche Geschichten gibt es viele in Perses Berufsleben. Eine spielte ausgerechnet in der Woche seiner Hochzeit. Bei Kanalarbeiten in der Düsseldorfer Straße tauchten drei Adelsgräber auf. Perse hatte für die Zeit seiner Hochzeit eine Vertretung organisiert. In der Familie hieß es später trotzdem scherzhaft, die Hochzeit wäre beinahe „ins Wasser gefallen, weil die Franken im Kanal waren“.

Überhaupt die Kanäle: Wer verstehen will, wie Perse zum Jülicher Archäologen wurde, muss weniger ins Studierzimmer schauen als unter die Straßen der Stadt. Ende der 1980er-Jahre wurden große Teile der Innenstadt saniert. Perse begleitete die Arbeiten archäologisch – Düsseldorfer Straße, Kölnstraße, Kapuzinerstraße, Marktplatz und weitere Bereiche. „Kanalarchäologie“ nennt er diese Zeit selbst. Sie war methodisch nicht immer fein, lieferte aber einen enormen Überblick über die Strukturen der Stadt.

Dabei kam Erstaunliches ans Licht: ein Jupiterpfeiler mit Figurenreliefs, Teile der römischen Kastellmauer, mittelalterliche Töpfereireste und Schuhsohlen, ein römischer Keller und die Fragmente einer ungewöhnlich verzierten Fachwerkwand. Selbst ein zunächst wenig spektakulär wirkender Haufen Knochen entpuppte sich als wichtige Spur: Untersuchungen zeigten, dass hier einst Knochenleim hergestellt worden war.

Vielleicht macht das die Archäologie für Marcell Perse aus: Das vermeintlich Unspektakuläre so lange zu befragen, bis es eine Geschichte erzählt. Und Jülich bietet dafür reichlich Stoff. Denn für Perse liegt der besondere Reiz der Stadt in einem Widerspruch: Das vergleichsweise kleine Jülich von heute war in römischer Zeit ein bedeutender zentraler Ort. Die Via Belgica verband als wichtige Ost-West-Achse das Rheinland mit Gebieten Richtung Kanalküste. Hochrangige Funde zeugen von der Bedeutung des römischen Jülich. Gleichzeitig war vieles davon noch kaum erforscht, als Perse hier anfing.

Dabei hatte er ursprünglich gar nicht vor, sein Berufsleben in Jülich zu verbringen. Perse kam 1985 für seine Abschlussarbeit in die Stadt. Er wollte die Jülicher Stadtgeschichte anhand archäologischer Quellen untersuchen. Aus der Abschlussarbeit wurde ein Lebensprojekt.

Dass es überhaupt dazu kam, hat wiederum mit einer Geschichte zu tun, die viel über Perse erzählt. Schon als Kind interessierte er sich für Archäologie. Als der damalige Kölner Museumschef Hugo Borger öffentlich beklagte, die Jugend wolle sich nicht mehr im Magazin die Hände schmutzig machen oder für Ausgrabungen die Stiefel anziehen, nahm der junge Perse ihn beim Wort. Er schrieb einen Brief: Wenn andere das nicht machen wollten, könne er es doch tun. Er wurde eingeladen.

Fortan half er bereits als Schüler bei Ausgrabungen des Römisch-Germanischen Museums Köln. Während des Studiums arbeitete er dort weiter, ständig im Umgang mit Originalfunden. In Jülich fand Perse später genau das, was ihn offenbar reizte: viel Arbeit und die Freiheit, etwas aufzubauen. „Die Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten, ist hier sowohl Last wie Lust“, sagt er.

Aus dem Archäologen wurde dabei immer stärker auch ein Museumsmensch. Mit dem Museum kamen neue Themen hinzu: Befestigungsgeschichte und Renaissance, Krieg und Moderne, Kunstgeschichte und Landschaftsmalerei. Perse musste nicht mehr nur entdecken und erforschen, sondern auch ausstellen, publizieren und vermitteln. Er selbst nennt das augenzwinkernd „Archäologe plus“.

Vielleicht erklärt das auch, warum er Jülich treu geblieben ist. In Archäologenkreisen bekam die Stadt irgendwann sogar den Spitznamen „Persepolis“. Perse überlegte durchaus, noch einmal anderswo hinzugehen. Doch den Grad an Freiheit und die Möglichkeit zur Pionierarbeit, die er in Jülich hatte, fand er andernorts nicht.

Heute ist aus der einstigen „One-Man-Show“ längst ein Museumsteam geworden. Und wenn Perse über Archäologie spricht, geht es deshalb am Ende erstaunlich wenig um spektakuläre Funde. Es geht um etwas Größeres: darum, Wissen weiterzugeben.

Eine römische Straße, sagt er, kann nach 2000 Jahren noch Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Genauso werde das Handeln unserer Zeit Folgen für kommende Generationen haben. Perse beschreibt das als einen Staffellauf: Eine Generation übernimmt den Stab von der vorherigen und gibt ihn an die nächste weiter. Marcell Perse bringt es selbst auf den Punkt: „Indiana Jones ist spannender. Staffellauf ist wichtiger.“

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HERZOGin mit Leib und Seele. Mein HERZ schlägt Muttkrat, Redakteurin gelernt bei der Westdeutschen Zeitung in Neuss, Krefeld, Mönchengladbach und Magistra Artium der Kunstgeschichte mit Abschluss in Würzburg. Versehen mit sauerländer Dickkopf und rheinischem Frohsinn.

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