380, 370 und 45 Prozent – nüchterne Zahlen, die doch ein großes Problem darstellen. Jeden Tag sterben deutschlandweit 380 Menschen an den Folgen einer Sepsis, beinahe genauso viele überleben die Erkrankung zwar auch. Doch nahezu die Hälfte von ihnen stirbt innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose. „Ich will keine dieser Zahlen werden und ich will verhindern, dass andere Menschen zu diesen Zahlen“, konstatierte Kirsten Kemper beinahe sachlich, „dafür kämpfe ich.“ Die Düsseldorferin war zu Gast beim zweiten Runden Tisch gegen Sepsis. Vor zwei Jahren war Innenarchitektin Kemper an Sepsis erkrankt. Nach multiplem Organversagen und Not-Operation, amputierten Fingerkuppen und künstlichem Koma habe sie zwar überlegt, kämpfe aber bis heute mit den Nachwirkungen. „Ich frage mich, was passiert wäre, wenn mein Partner und ich die Symptome erkannt hätten?“ stellte Kemper die Frage, die alle Anwesenden so oder so ähnlich umtreibt.
Initiatorin der Veranstaltung war wiederum die Jülicherin Kerstin Martensen, die ihren Sohn Jann an die tückische Krankheit verloren hat. Auf Martensens Initiative hin sind bereits einige Schritte unternommen worden. So hat die bundesweit agierende Sepsis-Stiftung Jülich und Umgebung zur sogenannten Vorreiter-Region erklärt. Das Krankenhaus Jülich engagiert sich ebenfalls, schult sein Personal entsprechend und hat in der täglichen „Bettenkonferenz“ ein besonderes Auge auf Sepsis-Symptome, erläuterte Frank Martin, Fachkrankenpfleger für Hygiene. Diese Symptome kennen und erkennen können sei der entscheidende Punkt – darin waren sich alle Anwesenden, von Bürgermeister Axel Fuchs über Landrat Dr. Ralf Nolten hin zur Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, Dr. Barbara Kowalzik. Dafür bräuchte es vor allem Aufklärung und Öffentlichkeit. Ausgerechnet diese fehlte beim zweiten Runden Tisch und verpasste damit unter anderem das eindringliche Plädoyer von Dr. Irmgard Landgraf, die als Vorstandmitglied der Sepsis-Stiftung betonte, „das sei kein Hexenwerk“, man müsse nur ein paar Dinge beachten.
Für den „Sepsis Awareness Monat“ September sind verschiedene Aktionen geplant, um in der Öffentlichkeit ein größeres Bewusstsein für die Gefahren des Notfalls Sepsis zu schaffen. Dafür hat sich die tatkräftige Kerstin Martensen gleich vor Ort die Zusage des Landrats, die Schirmherrschaft zu übernehmen, gesichert. Zusätzlich bekam Nolten eine lange Wunschliste überreicht, auf der unter anderem Aufkleber für Rettungswagen stehen. Auf diesen soll neben Schlaganfall und Herzinfarkt auch Sepsis als Notfall benannt werden.
Grundsätzlich gilt: Sepsis kann jeden treffen, wie die Teilnehmenden des Runden Tischs nicht müde wurden zu betonen. Manche Menschen haben jedoch ein höheres Risiko als andere, dazu gehören etwa Krebs- oder Aids-Patienten, aber auch Menschen, die nicht gegen Meningokokken, Grippe oder Covid19 geimpft sind. Zu den Symptomen gehören ein extrem niedriger Blutdruck, ein schneller Puls mit mehr als 120 Schlägen in der Minute und feucht-kalte Haut mit bläulichen Flecken. Fühlt sich die betroffene Person dann auch noch extrem krank, sollte sofort der Notruf gewählt werden.
Um weitere Menschen zu erreichen, planen Kerstin Martensen und ihre Mitstreiter zum Beispiel die Apotheken im Kreis einzubeziehen, da diese als wichtige Multiplikatoren eine große Reichweite haben. Auch möchte sie erreichen, dass Sepsis fester Bestandteil in Erste-Hilfe-Schulungen wird. Gespräche mit den Schulen für Gesundheitsberufe sind für den Mai terminiert. Dort sollen, wie bereits an zwei Jülicher Schulen geschehen, das Thema Sepsis fest ins interne Curriculum aufgenommen werden.
Wer sich über Sepsis-Symptome und auch Handlungsmöglichkeiten informieren möchte, kann das unter anderem auf der Seite des Aktionsbündnis Patientensicherheit tun.



















