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Reformation – Veränderung – offen bleiben…

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Thomas Rachel / Foto: Frank Ossenbrink
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Reformen brauchen Geduld. Fragen manchmal auch: Wie erhält man von dem Menschen Thomas Rachel Antworten, die der Politiker vielleicht nicht geben würde? Schon als Student ist der heute 55-Jährige in die Welt der Politik eingetaucht und damit mehr als die Hälfte seines Lebens mit der Klaviatur der vielsagenden Formulierungen und Diplomatie vertraut. Seit 1994 ist er Bundestagsabgeordneter für den Kreis Düren – und seit zwei Jahren im 15-köpfigen Vorstand dem sogenannten Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). In beiden Ämtern hat er mit Reform(ation) viele Berührungspunkte. Eine Annäherung an ein komplexes Themenfeld.

Verstanden, wie Reformen funktionieren, hat Thomas Rachel bereits als Schüler am Wirteltorgymnasium. Als „Redakteur“ der Schülerzeitung wollte er eine Veränderung, die auf dem Schulhof nötig war. Er stellte fest: Man kann auch drei Artikel schreiben, ohne dass es zu einer Besserung kommt. Die Schaltstelle für Veränderungen heißt Schulpflegschaft und Schulkonferenz.

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Darum gab er die Schülerzeitung auf und ließ sich wählen.

In der Verantwortung stand Thomas Rachel als Sprecher der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“, in der es um Fragen wie Organtransplantation, Stammzellforschung, Palliativ-Medizin und Pflege – „es also um das eigentliche Menschsein geht und die Frage, wie man damit als Gesellschaft umgeht“. Reformen seien gelungen etwa im Bereich Palliativ-Medizin.

„Deutschland war in diesem Punkt Entwicklungshilfe-Land. Durch uns gibt es überhaupt Lehrstühle in dem Bereich, es ist Unterrichtsfach in der Mediziner-Ausbildung, wir haben Veränderungen vorgeschlagen, um die Hospizbewegung zu stärken, die Finanzierung der Hospizbewegung verbessert und ausgebaut.“ Vieles, so verrät er, habe er im Sophienhof mit Gerda Graf, damalige Leiterin und bis heute Ehrenvorsitzende der Deutschen Hospizgesellschaft, vorbereitet, „mit aufgenommen und im Bundestag zum Thema gemacht“.

Die grundsätzliche ethische Haltung ist protestantisch: „Wir sind nicht geprägt durch eine Prinzipien-Ethik, sondern vielmehr durch eine Ethik, die grundsätzliche Überlegungen mit in den Blick nimmt, sie dann aber in der konkreten Lebenssituation eines Menschen beleuchtet, in den engsten Schwierigkeiten und Nöten, in denen er sich befindet. Das unterscheidet die evangelische Kirche von anderen.“ Darin sieht Rachel auch die Schwierigkeit bei Veränderungen, die der Gesetzgeber vornimmt: „Ich werbe sehr dafür, dass wir uns bewusst machen, dass etwas, was man für einen selbst als richtige, naheliegende, ja fast einzig mögliche Auffassung ansieht, von Wichtigkeit ist, aber wenn die Bundesregierung ein Gesetz in grundsätzlichen ethischen Fragen einbringt, müssen wir Regelungen finden für eine Gesellschaft, die breit aufgestellt ist, mit unterschiedlichen Erwartungen und Lebenserfahrungen von Jungen, Älteren mit unterschiedlichen Sprachen, religiösen und areligiösen Prägungen – all das findet in der Bundesrepublik Deutschland statt.“ Darum dauern Reformprozesse in der Regel auch so lange? „Jedenfalls dann, wenn es solche grundsätzlichen Fragen trifft“, bestätigt der Politiker.

Vieles hat Martin Luther durch die Reformationsbewegung für Deutschland, Europa, die westliche und östliche Welt in Gang gesetzt oder auch erst möglich gemacht, ist Thomas Rachel überzeugt.

„Indem sich Martin Luther auf den Kerntext der Bibel konzentrierte, hat er ins Bewusstsein gerückt, dass der Mensch – und zwar jeder Mensch! – eine einzigartige Würde hat. Dadurch, dass er die Unterscheidung zu Adel, Papst, Klerus, Kaiser und König beiseite schob, hat er eine revolutionäre Veränderung herbeigeführt, die sich bis heute auswirkt und unser Land prägt.“ Zwar sei der Impuls aus der Kirche gekommen, aber es sei eine Emanzipationsbewegung (gleiche Würde aller), eine Partizipationsbewegung (keine Wissenshoheit des Klerus mehr). Ein weiterer Punkt: „Mit der Übersetzung der Bibel in die Deutsche Sprache, ist ‚Deutsch‘ das gemeinsame verbindende Band geworden.“ Außerdem ging das staatliche Schulwesen auf Luther und Melanchton zurück, erklärt Rachel, denn sie hätten von den Fürsten die Bildungseinrichten eingefordert. „Da gehörten selbstverständlich die Mädchen dazu. Luther hat die Welt mit einem neuen Rollenverständnis konfrontiert.“

Wie sähe denn eine Reform aus, die Thomas Rachel gerne umsetzen würde? In der Bildungspolitik und Schulpolitik, Aus- und Fortbildungspolitik wäre es ihm ein Anliegen, mehr die Potentiale der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen als ihre Schwächen, wie es jetzt im Anerkennungsgesetz für berufliche Abschlüsse von Menschen mit Migrationshintergrund der Fall sei. „Das befähigt Menschen und wird ihnen Kraft geben.“ Ein zweiter Wunsch gilt der Veränderungsbereitschaft der Menschen: „Veränderung muss nichts Negatives sein. Sie ist sogar notwendig, damit wir vieles erhalten können, was uns erhaltenswert erscheint und schafft gleichzeitig auch neue Möglichkeiten.“ Eine ganz zentrale Aufgabe, wie er findet, um die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand in Deutschland zu erhalten. Das Fazit von Thomas Rachel: „Wenn man so will, kann man hier die Brücke schlagen: Reformation – Veränderung – offen bleiben.“

 


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