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„True Crime“ ohne Voyeurismus

Weil in Jülich nach Aussage von Ensemble-Leiter Benjamin Comparot ein so gutes Publikum ist, werden hier seit Jahren die Premieren der neuen Programme von Opus45 gefeiert. „True Crime“ heißt es diesmal. Zum ersten Mal auf der Bühne ist es morgen – aber diesmal in Zweibrücken. „Hier ist dann die B-Premiere“, sagt Kathrin Liebhäuser lächelnd, Dramaturgin von Opus45 und Schwester des Ensemble-Leiters. Was die Gäste in der Schlosskapelle der Zitadelle um 18 Uhr am Montag, 1. Juni, erwartet, hat Liebhäuser im Gespräch mit dem HERZOG erzählt.

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Benjamin Comparot als musikalischer Leiter von Opus 45 und Dramaturgin Kathrin Liebhäuser verantworten das neue Programm. Foto: Dorothée Schenk
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„True Crime“? Das klingt für das klassische Ensemble Opus45 ungewöhnlich effektheischend. „Da konnte ich erst gar nichts mit anfangen“, gibt Dramaturgin Kathrin Liebhäuser offen zu. Es sei die Idee von Opus-Leiter Benjamin Comparot gewesen, der anders als sie wusste, dass es für das Format eine enorme Fangemeinde gebe. „Wir haben einen Weg gefunden, das so zu gestalten, wie es zu uns passt.“ Und das heißt: Die Menschen erwartet ein Abend, der verstören, berühren und aufrütteln will.

Im Zusatz heißt der Titel: „Es war Mord!“ Wahre Verbrechen der Zeitgeschichte. „Wir tun das, was wir immer tun, nur anders“, erläutert Liebhäuser. Bei Opus45 steckt im Titel vor allem: Erinnerungskultur, politische Bildung und Musik miteinander zu verweben. Voyeurismus? Ausgeschlossen. „Es geht um Lebensgeschichten, nicht um Todesgeschichten“, sagt Liebhäuser. „Und darum, wofür diese Menschen standen.“

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Vier Persönlichkeiten stehen im Mittelpunkt des neuen Programms – zwei Männer, zwei Frauen, alle politisch geprägt, alle gewaltsam ums Leben gekommen. Gemeinsam sei ihnen, „dass sie sich exzessiv für ihre Ideen aufgeopfert haben“.

Eine Figur ist Petra Kelly. Von der Grünen-Politikerin sei heute oft nur noch die Art ihres Todes im Gedächtnis geblieben. „Sie hat ein bisschen was von Lady Di, die Queen of the Green“, sagt Liebhäuser lächelnd. Kelly habe die Friedensbewegung geprägt, mit Sitzblockaden und Protestformen, die heute selbstverständlich erscheinen. „Sie war eine starke Frau – aber auch eine verletzliche.“

Wenn Kathrin Liebhäuser sich in ein Thema einarbeitet, dann geht das in die Tiefe. Während des Telefoninterviews sucht sie immer mal wieder zwischen den Bücherstapeln nach einem Titel oder unter Papiergeraschel nach besonderen Zitaten. Die Vorbereitungen für das Programm seien vergleichsweise schnell gegangen. „Noch vor Weihnachten habe ich angefangen“, erzählt Liebhäuser. Im April habe dann ein erstes Probenwochenende bei ihrem Bruder Benjamin stattgefunden. „Überprobt sind wir jetzt nicht“, sagt sie lachend. Wegen der Drehtermine von Schauspieler Roman Knižka werde vieles telefonisch abgestimmt. Erst stehe die Musik auf dem Probenplan – „Das sind ja immer drei Besetzungen.“ –, danach komme der Text.

Kathrin Liebhäuser. Foto: Dtee

Sie hat auch die Menschen ausgewählt, die im Mittelpunkt stehen. Warum gehört Walter Lübcke nicht dazu, der sicher das prominenteste Beispiel rechter Gewalt in jüngster Vergangenheit ist? Eben genau deshalb. Selbstverständlich sei er in der Auswahl gewesen, „aber ihn können die Menschen noch am ehesten verorten.“ Ein Kriterium für die Auswahl war auch, Menschen wieder ins Bewusstsein zu holen, die mit ihrem Leben beeindruckten und doch etwas in Vergessenheit geraten sind.

„Oder sagt Ihnen Matthias Erzberger sofort etwas?“ lautet die rhetorische Frage. Ja, den Namen hat man schon einmal gehört, aber längst nicht sofort im Gedächtnis, dass er einer der Wegbereiter der ersten deutschen Demokratie war. „Er hat den Ersten Weltkrieg beendet – das wissen viele heute gar nicht mehr“, sagt Liebhäuser. Auch die Steuerreform, die er auf den Weg brachte, wirke bis heute nach. Fast wütend macht sie, dass noch immer Straßen nach Paul von Hindenburg benannt sind – jenem Reichspräsidenten, der Hitlers Machtübernahme mit ermöglichte und politisch mitverantwortlich für das Klima war, in dem Erzberger ermordet wurde. Und dass dann auch noch ein Erzberger-Ehrenmal in einer Hindenburgstraße errichtet wurde, empfindet sie fast als Hohn.

Auch die russische Journalistin Anna Politkowskaja gehört zu den Porträtierten. „An sie erinnert sich kaum noch jemand“, sagt Liebhäuser. Dabei jährt sich ihr Todestag in diesem Jahr zum 20. Mal. Politkowskaja, die mutmaßlich im Auftrag des Putin-Regimes ermordet wurde, sei keine einfache Persönlichkeit gewesen. „Sie soll eine hochschwierige Frau gewesen sein – auch im Umgang mit Kollegen.“ Gerade deshalb wolle man sie nicht verklären. „Aber diese Frau hatte eine Botschaft. Und sie war unglaublich mutig.“

Der vierte im Bunde ist Hans Litten – jener junge Anwalt, der Adolf Hitler im Zeugenstand in Bedrängnis brachte. Eine historische Figur, die heute kaum noch bekannt sei. „Dabei war er kompromisslos in seinem Rechtsverständnis“, sagt Liebhäuser. Auch Littens Mutter Irmgard spielt im Programm eine Rolle. Sie kämpfte verzweifelt um ihren Sohn, der schließlich im Konzentrationslager Dachau starb. „Das Buch ,Eine Mutter kämpft gegen Hitler‘ ist unglaublich eindrücklich.“

Musikalisch schlägt Opus 45 diesmal populärere Töne an. Viele Stücke wurden eigens für die Bläser arrangiert. Für das Kapitel über Politkowskaja erklingen unter anderem Tschaikowski und der berühmte Säbeltanz. Als musikalisches Leitmotiv dient Prokofjews „Tanz der Ritter“. „Sehr eingängig“, findet Liebhäuser.

Die Musik sei dabei weit mehr als Untermalung. „Sie ist Wegbereiter und gleichwertiger Gegenpart zu den Wortanteilen.“ Das Publikum dürfe sich auf eine „Achterbahnfahrt“ einstellen. Und sie verrät: Roman Knižka werde auch diesmal wieder singen. „Ich sag nur: Friedensbewegung“, sagt Liebhäuser und lacht.

Was anders ist am Programm „True Crime“? Es ist weniger faktenlastig, weniger Zahlen, weniger Kriminalstatistiken werden zitiert. Es sei ein Versuch, räumt Kathrin Liebhäuser ein. Es gehe darum, vielleicht auch einmal andere Menschen in die Veranstaltungen zu holen und sie aus ihrer eigenen Blase herauszuholen. „Nicht um mehr Engagements zu bekommen – sondern darum, mehr Menschen zu erreichen.“ Am Ende soll der Kern des Abends wie immer sein: Erinnerung als Auftrag – nicht das lustvolle Gruseln aus sicherer Distanz. Im Zentrum steht, was Demokratie Menschen wert ist – und was manche bereit waren, für sie zu riskieren.

Dass politische Gewalt in Deutschland kein abgeschlossenes Kapitel ist, steht für die Dramaturgin Kathrin Liebhäuser außer Frage. Darum ist das nächste Programm schon in Vorbereitung: Es wird sich mit den Opfern des RAF-Terrors im „Deutschen Herbst“ beschäftigen. „Das wird ein eigenes Programm.“


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