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Abi und dann…?

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Jülicher ABI Müsli | ©HZG
Jülicher ABI Müsli | ©HZG
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Es war kein Tag wie jeder andere. An diesem Morgen schmeckte mein Schokomüsli scheußlich und ich hatte das unwillkürliche Verlangen, jeden Bissen wieder loszuwerden. Mein Lieblingsfrühstück verspeiste sich wie ein Stück Pappe – aber es lag nicht am Müsli, sondern am Tag. Es war der Tag meiner mündlichen Abiturprüfung. Ich zog mich besonders schick an, wollte einen sicheren Eindruck machen. Und trotzdem fühlte ich mich so klein, dass ich aufrecht unter jeder Tür hätte durchgehen können.

Alle paar Minuten hatte ich das Gefühl mein Herz würde gleich stehen bleiben, in allen anderen Momenten hatte ich das Gefühl, es würde sich gleich überschlagen. Ich weiß, der Ausdruck ist mehr als umgangssprachlich, aber ich fühlte mich zum Kotzen. Trotzdem schaffte ich die Prüfung und war  so befreit.

Hexenturm Jülich in Bewegung
Hexenturm Jülich in Bewegung
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Liebe Abiturienten, meine letzte Abiprüfung liegt schon sieben Jahre zurück, ich erinnere mich dennoch wie gestern daran. Und in diesen Tagen steht vielen von euch auch diese Prüfung noch bevor oder liegt gerade hinter euch. Es klingt komisch, aber genießt den Tag. Ihr werft die letzte Münze ein für das Ticket zur Welt – das Abiturzeugnis.

Bei der Abientlassfeier dachte ich: Ziemlich bewegend das Ganze, ein einzigartiges Gefühl sozusagen. Falsch gedacht. Einzigartig war das irgendwie nicht. Denn es folgten in der Tat noch viele derartig bewegende Momente. Einige meiner wichtigsten Prüfungen während meines Physik- und Germanistikstudiums zum Beispiel  – oder erst der Erhalt meines Abschlusszeugnisses.

Meine Eltern meinten noch, bevor ich mit dem Studium begann: „Kind, die Schulzeit ist die schönste Zeit im Leben.“ So ein Blödsinn. Auf mich wartete noch eine viel bessere Zeit. Ich konnte machen, was ich wollte, studieren, was mir gefiel, von meinen Eltern wegziehen, jobben, reisen (sozusagen good old Jülich hinter mir lassen), eben einfach mein Ding machen – großartig. Zum Thema, Hotel Mama zu verlassen: Deutsche Männer verlassen laut einer Studie des Europäischen Statistikamtes (Eurostat) aus dem Jahr 2009 mit rund 25 Jahren ihr Elternhaus. Nicht so lange halten es die Frauen aus, die durchschnittlich mit knapp 24 Jahren flügge werden. Am frühsten stehen die Finnen auf eigenen Beinen. Hier ziehen die Frauen bereits mit 22 Jahren aus, die Männer mit rund 23 Jahren.

Die Schulzeit wird wahrscheinlich nur dann die schönste Zeit eures Lebens bleiben, wenn ihr nicht den Mut habt, das zu tun, was ihr wollt. Und wenn ihr nicht wisst, was ihr wollt, dann findet es heraus. Dass das mitunter gar nicht so einfach ist, weiß ich aus Erfahrung. Die hat mich übrigens eines gelehrt: Oft genug gibt es gar keine richtige oder falsche Entscheidung, es kommt vielmehr darauf an, was jeder aus seiner Entscheidung macht. Dass die auch noch lange veränderbar ist, zeigt Monika Tholen, 37:

„In meinem früheren Leben war ich Baumschulmeisterin.“

Nach ihrem Abitur war es ihr größter Wunsch, Gartenbau zu studieren. Draußen sein, etwas Praktisches machen, das war ihr Ding. Bei einem Praktikum in einer Baumschule begann sie dann aber eine Ausbildung, machte ihre Gesellen- und später die Meisterprüfung. Man könnte meinen, dass Monikas Werdegang an dieser Stelle bereits einen festen Pfad eingeschlagen hatte. Doch dem war nicht so. Die junge Mutter beschloss beruflich noch einmal von vorne zu beginnen. Ganz nach dem Motto „Für Veränderung ist es nie zu spät“, überquerte die junge Frau den Rubikon sozusagen nochmal in umgekehrter Richtung und studierte Geschichte und Französisch auf Lehramt. Jetzt, mit Mitte Dreißig, hat sie als Studienreferendarin fast ihre Ausbildung beendet.

Also, ihr seht, auch mit Mitte Dreißig ist das Leben noch nicht vorbei und es ist noch nicht zu spät, einen neuen Weg einzuschlagen, trotz möglicher Stolpersteine und Hürden. Die warten übrigens überall auf euch. Ihr werdet unvergesslich gute, aber auch unvergesslich schmerzhafte Erlebnisse haben. Ihr werdet neue Freunde kennenlernen und einige auch wieder verlieren.

Einige von euch werden die große Liebe finden, einige von euch werden denken, die große Liebe gefunden zu haben. Mit der großen Liebe ist das so eine Sache. Ich schätze, dass es bei den meisten von euch reichlich kompliziert werden wird. Lasst euch davon nicht abschrecken, seid mutig und verliebt euch. Das zählt, wie ich finde, übrigens mit zu den mutigsten Dingen im Leben – sich verlieben, heißt schließlich auch, sich verletzbar zu machen. Aber meiner Meinung nach gibt es nichts Schlimmeres als sich nicht gefühlsmäßig auf jemanden einlassen zu können und daher nichts von sich selbst zu investieren. Sicher ist diese Taktik in jedem Fall, von Traurigkeit werden diese Menschen vermutlich wenig bewegt sein; aber vor allem ist das feige, wenn man mich fragt.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Es warten viele bewegende Erlebnisse auf euch, die den Erhalt des Abiturs vermutlich bei weitem übertreffen werden. Einige von euch werden lange brauchen und viele Erfahrungen machen müssen, bis sie wissen, was für sie persönlich von Bedeutung ist. Wichtig ist aber vor allem eines:

Seid mutig, wagt etwas und findet heraus, wer ihr seid. Dafür ist es nie zu spät. Und im Übrigen: Auch wenn die meisten von euch es sich jetzt noch nicht vorstellen können: Mit Mitte Zwanzig ist das Leben noch nicht vorbei, ihr werdet dann noch lange nicht alt sein…

Sarah Plahm


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