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Ein buntes Leben in finsterer Zeit über Christina von Stommeln

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Handschuh aus dem Schrein der seligen Christina | © HERZOG
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Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Beginenkonvent in Köln wurde es den Mitschwestern zu bunt – sie setzten das aus Stommeln stammende, siebzehnjährige Mädchen Christina vor die Tür. 1255 war Christina, ohne das Wissen ihrer Eltern, nach Köln gegangen. Sie war damals dreizehn Jahre alt – später wird sie ihrem Vertrauten, dem gotländischen Dominikanermönch Petrus von Dacien erzählen, dass ihr seit ihrem zehnten Lebensjahr mehrfach Christus erschienen sei, der sich mit ihr verlobt habe und ihr schließlich eröffnet habe, sie werde eine Begine werden.

Die Beginen stellten eine Sonderform religiösen Lebens im Mittelalter dar. Frauen schlossen sich, ohne dass sie ein Gelübde abgelegt hatten, zu Gemeinschaften zusammen. Überall schossen entsprechende Konvente aus dem Boden, so auch in Köln, aber auch im Geburtsort Christinas in Stommeln. Am Ausgang des Hochmittelalters blühten neue Formen der Religiösität auf, die die persönliche Erfahrung des Glaubens in den Vordergrund rückten. Ein Schlagwort in diesem Zusammenhang ist die „Mystik“ – die innere Schau Gottes. Diese war auch Christina gegeben, aber mit für Zeitgenossen unverständlichen und schwer erträglichen Begleiterscheinungen. So macht die Lebensbeschreibung Christinas folgende Angaben zu den Hintergründen ihres Rauswurfs aus der Kölner Beginengemeinschaft im Jahr 1255: „Folgendes geschah in der Kirche der Dominikaner aus Köln, … sie (Christina) sei so von Sinnen gewesen, dass sie aus der Kirche in den Konvent zurückgetragen worden sei und ihre Ekstase drei Tage ununterbrochen angehalten habe. Die Beginen aber, die sich bei ihr aufhielten, verstanden nichts und glaubten, Christina sei wahnsinnig oder leide an Epilepsie.“

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Christina kehrte nach Stommeln zurück, lebte zeitweilig beim Ortspfarrer im Haus, dann wieder bei ihren Eltern. In den folgenden mehr als 20 Jahren wurde sie hart geprüft. An ihr zeigten sich immer wieder die Wundmale Jesu und wie Jesus selbst ist sie unablässig den Versuchungen des Teufels ausgesetzt gewesen; zudem wurde sie vom Teufel auf vielfältige Weise drangsaliert. Da wurde sie schon einmal durch den Raum geschleudert oder fand sich nackt in einer Winternacht unter einem Holzhaufen in der Nähe ihrer Behausung wieder.

Darstellung Christina und Jesus auf Handschuh | © HERZOG

Im Jahr 1288 – Christina war inzwischen 46 Jahre alt – brechen die Berichte über sie ab. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass die enge Beziehung zu ihrem „Entdecker“ Petrus von Dacien inzwischen etwas abgekühlt war und, dass andere ihr nahestehende Personen nicht mehr lebten bzw. in ihrer Nähe waren. Als sie 1312 verstirbt wird sie in unmittelbarer Nähe des Kirchturms in Stommeln beigesetzt. Rasch ereignen sich erste Wunder an ihrem Grab und setzt eine lokale Verehrung ein. Nun beginnt man, Zeugnisse über ihr Leben zu sammeln, und 1327 wird ein Stift in Stommeln gegründet, das die Erinnerung an sie wachhalten soll. Dieses Stift erlebt eine bewegte Geschichte: 1342 wird es mit den Gebeinen Chris-

tinas nach Nideggen verlegt und 1568 schließlich nach Jülich.Noch heute bewahrt die Propsteipfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt die Reliquien der seit 1908 offiziell selig gesprochenen Christina von Stommeln in ihren Mauern auf. Zu den Erinnerungsstücken an Christina gehören zwei kleine Andachtstäfelchen, bestickte Seidenhandschuhe und der Codex Iuliacensis, eine Prachthandschrift des ersten Viertels des 14. Jahrhunderts mit Texten von und über Christina.

Das Museum Zitadelle Jülich hat das 700. Todesjahr der Christina von Stommeln zum Anlass genommen, in Kooperation mit der Propsteipfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt, eine Ausstellung über diese bemerkenswerte Frau des Mittelalters vorzubereiten. Dabei war es das Ziel, den Menschen Christina in den Mittelpunkt zu rücken. Die in Jülich erhaltenen, einzigartigen Objekte wurden einer eingehenden wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen – mit teilweise sensationellen Ergebnissen, die auch in einem umfangreichen Katalog dokumentiert werden. Zudem wurden die Gebeine Christinas anthropologisch untersucht. Anhand des Hauptes wurden die Gesichtszüge rekonstruiert, sodass man nach 700 Jahren Christina wieder ins Gesicht schauen kann! So entsteht ein buntes Bild einer außergewöhnlichen Frau in einer gemeinhin als finster geltenden Zeit.

Die Ausstellung „Gottesschau & Gottesliebe. Die Mystikerin Christina von Stommeln 1242–1312“ wird am 24. Oktober 2012 in der Schlosskapelle der Zitadelle Jülich um 19.30 Uhr mit dem Festvortrag „Persönliches und Zeittypisches im religiösen Erleben Christinas“ von Prof. Dr. Peter Dinzelbacher eröffnet. Sie ist bis zum 13. Januar 2013 im Südostturm der Zitadelle Jülich zu sehen (Sonderöffnungszeiten Mo–Fr 15.00–17.00 Uhr, Sa 14.00–17.00 Uhr, So 11.00–17.00 Uhr, Feiertags geschlossen). Zum reichhaltigen Beiprogramm aus Lesungen, Filmvorführungen und Führungen siehe www.museum-zitadelle.de oder www.herzog-termine.de.

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Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

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